Vor 25 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Walther Rathenau, der damals Außenminister des Deutschen Reiches war, auf der Fahrt ins Auswärtige Amt von einem Auto aus, das seinen Wagen überholte, durch fünf. Schüsse auseiner automatischen Pistole tödlich getroffen. Seinen Mördern, Jugendlichen,, die aus der Bahn eines geregelten Lebens geworfen und die Beute antisemitischer Hetze geworden waren, hat die nationalsozialistische Partei im Jahre 1935 auf Burg Saaleck ein Denkmal gesetzt und damit nachträglich die Verantwortung für den Mord übernommen. –

Der Ermordete, ein deutscher Jude, hatte während und nach dem Kriege offen und unbezweifelbar seine heiße Liebe zu seinem deutschen Vaterland immer wieder .bewiesen. Zu Beginn des ersten Weltkrieges war er in das preußische Kriegsministerium gegangen, hatte überzeugend nachgewiesen, daß die deutsche Industrie für den Krieg nicht gerüstet sei, daß ihr in kurzer Zeit die Rohstoffe, ausgehen würden, wenn man sie nicht zentral bewirtschafte, und war von dem Kriegsminister beauftragt worden,: eine Organisation zu schaffen, die diese Aufgabe erfüllen könne. Diese Rohstoffabteilung hatte er dreiviertel Jahr geleitet, bis sie fest auf eigenen Füßen stand. Im Oktober. 1918, als Ludendorff die Nerven Verlor und in völliger Unterschätzung der noch bestehenden Kampffähigkeit der Truppe den Abschluß eines Waffenstillstandes binnen achtundvierzig Stunden verlangte, rief Rathenau in einem Manifest, das die "Vossische Zeitung" veröffentlichte; Heer und Volk zum erbitterten Widerstand auf, damit Zeit gewonnen werden könne, einen Friedenschluß zu verhandeln und bessere Bedingungen zu erzielen; Als Wiederaufbauminister im ersten Kabinett Wirth trat er aus dem Ministerium aus, weil er die Bedingungen für die Abtretung Oberschlesiens nicht anerkennen wollte. Als Außenminister schloß er den Vertrag von Rapallo mit Rußland und tat damit den ersten selbständigen Schritt der deutschen Außenpolitik nach dem Kriege! Auf der Konferenz in Genua gelang es ihm, die Front der Entente gegen Deutschland aufzulockern und Frankreich zu isolieren. Warum also der Haß gegen ihn? Warum wurde er als Totengräber Deutschlands verschrien?

Gewiß, die Antisemiten hatten einen großen Anteil an der Hetze. Die Mörder selber stammten aus dem deutschvölkischen Lager, doch war es noch nicht die Zeit, in der man die Ausrottung der Juden zum Programm erhoben hatte. Auch gehörten viele Männer zu seinen erbitterten Gegnern, die den ’Radau-Antisemitismus scharf ablehnten. Aber selbst seine Freunde, die seine integere Persönlichkeit hoch achtete, seine Ideale der Liebe und Brüderlichkeit verehrten, standen oft skeptisch seinen Handlungen und Äußerungen gegenüber, deren scheinbare Sprunghaftigkeit sie sich nicht erklären konnten.

Dies nämlich War es: Rathenau besaß eine ungewohnte Geschmeidigkeit des Denkens, eine Freiheit des Geistes, die den vielen, die ihm nicht zu folgen vermochten, als Charakterlosigkeit erschienen. Die Zeit war dazu angetan, solches Vorurteil zu züchten. Die Revolution von 1918 war keine echte Revolution gewesen. Ein verlorener Krieg und das Diktat auswärtiger Mächte hatten den Linksparteien einen vorläufigen Sieg in die Hand gespielt, für den sie noch nicht vorbereitet gewesen waren. Aus den gleichen Ursachen hatte das Kaisertum einen Zusammenbruch erlitten, ohne daß es innerlich zu diesem Sturz schon reif gewesen wäre. Diese Unausgeglichenheit im Staate brachte es mit sich, daß in der Politik noch weniger als sonst sachliche Gründe, sondern, hauptsächlich politische Ressentiments maßgebend waren.

Diese Ressentiments aber begünstigten einen Fehler, dem die meisten Menschen auch sonst erliegen: das einspurige Denken, das unfähig ist, das Dasein und Denken anderer Menschen zu begreifen, und das dazu führt, im Gegner immer auch gleich den Feind zu sehen.-Ist dieser Gegner noch dazu ein Mensch von so umfassender geistiger Freiheit, wie Rathenau es war, der eben durch die Freiheit des Denkens, durch seine Fähigkeit, sich berechtigte Argumente, des Gegners zu eigen zu machen, den Eindruck inneren Widerspruchs erweckt, dann reizt er die Leidenschaft der einseitig Törichten im besonderen Grade.

Dieser Fehler des einspurigen Denkens, der die Menschen dazu bringt, Festhalten an dumpfen Ressentiments und an sturen Programmen für Charakter zu halten, hat zu der Ermordung Rathenaus geführt und weiter zu jenem zerfleischenden Parteienkampf, der das Ende der Weimarer Republik zur Folge hatte. Ihn zu überwinden, gibt es nur ein Mittel, das auch Rathenau das einzige Mittel schien, seine sozialen Ideale zu verwirklichen: den Wandel der Gesinnung, die Einsicht, wie er sagte, "daß die ganze Größe der Welt im Werk der Liebe und brüderlichen Gemeinschaft liegt".

Tgl.