Von Fritz Schumacher

Seit einiger Zeit erhalte ich völlig unerwartet die Zeitschrift des "American Institute of Architects" – ohne weiteren Kommentar, Bis 1939 war ich korrespondierendes Ehrenmitglied dieser großen Organisation. Die Beziehungen zu ihr hörten während des Krieges natürlich auf. Daß sie jetzt stillschweigend wieder aufgenommen werden, möchte ich damit erklären, daß im Beruf des Architekten Personen, die einmal als fachmännische Freunde anerkannt waren, als außerhalb der politischen Wirbelwinde stehend zu gelten scheinen. Das wäre ganz allgemein ein erfreuliches Zeichen.

Seit 1939 hat sich im "AIA" manches verändert. Damals war das in Washington im Gebäude gleichen Namens erscheinende "Octagen" in erster Linie allgemeines Mitteilungsblatt der verschiedenen Staaten der USA. "The Octagon" besteht zwar noch als Zentralorgan in Washington; weil jedes Jahr ein ungemein großer. Kongreß (Convention) in einer immer neuen Stadt zu organisieren ist, zu dem alle die Leiter und Delegierten der einzelnen Staaten zusammenkommen und gemeinsame Beschlüsse fassen. Bei diesen Zusammenkünften werden der Regierung Vorschläge gemacht für die Liste der Männer, denen man Staatsaufträge anvertrauen könnte und sollte. Die Vertrauensmänner der einzelnen Staaten haben also die Aufgabe, Einfluß auf diese Frage zu nehmen. Der Inhalt der verschiedenen lebhaften Artikel des neuen Organs der AIA, des seit 1939 entstandenen Journal of the American Institute of Architects" gibt davon Kenntnis. Es ist eine handliche, nur sehr wenig bebilderte Monatsschrift von 40 bis 50 Seiten, in der es in Rede und Gegenrede, Vorschlag und Kritik höchst lebhaft zugeht. Die meisten Beiträge sind mit der, dem Amerikaner eigentümlichen Kunst geschrieben, auch gewichtige Fragen in jenem leichten, beinahe improvisierten Ton zu behandeln, der dem des "After-dinner-speech" eigen ist. Ich will damit den Eindruck wiedergeben von der Art, wie unsere bauenden Nachbarn zu einer nicht unwichtigen Frage stehen, weil dieser Eindruck uns unerwartet scheint.

Wenn man acht Jahre lang keine Fühlung mit den architektonischen Problemen Nordamerikas gehabt hat, erwartet man, wenn die Tür wieder aufgeht, große Entwicklungen auf dem Gebiet der sogenannten "neueren" technischen Architektur. Sie mögen auch vorhanden sein, wenn man sie sucht. Dennoch ist man über das geistige Verhältnis zu diesen Fragen erstaunt. Das Thema "traditionalist" oder "modernist" in der geistigen Atmosphäre dieser führenden Zeitschrift der Architektur tritt vorzugsweise mit der seltsamerweise mehr oder minder deutlichen Einstellung auf, als ob das "Moderne" ein feindlicher Einbruch wäre, vor dem man sich in acht nehmen müsse.

"Ich gebe zu, daß moderne Architekten, Männer von Talent, eine Tugend gemacht haben aus der Ärmlichkeit von Mitteln des Ausdrucks", schreibt Edwin Morris in einem Artikel "Can’t we have a little music?" und meint damit wohl, daß man Werke der Skelettarchitektur durch angesetzte Schmuck formen freundlicher machen könne. Ganz pessimistisch scheint dagegen Joseph A. Parks zu sein, der in "So called Architekture of to day" äußert: "Es könnte gesagt werden: warum müssen wir überhaupt Schönheit haben? (und das ist genau das, was der heutige Architekt sagt). Und ich sage mit allem Nachdruck: das, was vor sich geht, ist schlecht. – Nichts ist erreicht, als die überlegte Zerstörung jeden Grundsatzes guter Zeichnung und völlige Ausschaltung irgendwelcher Ähnlichkeit von architektonischer Schönheit".

Daß derartige Äußerungen keine Diskussionsgrundlage bilden können, ist klar. Man vermißt immer wieder das Bewußtsein, daß es die Situation der Zeit ist, sich nicht nur mit neuen Aufgaben, sondern in erster Linie auch mit neuen Baustoffen auseinander zu setzen. In diesem Sinne fällt die ästhetische Frage "Tradition" oder "Modern" ganz fort gegenüber anderen Fragen viel tieferer Art. Gegenüber solch unzeitgemäßer Geisteshaltung finden wir ein Beispiel für das, was wir suchen, vor allem in dem Artikel "Fifty years in retrospect" der Zeitschrift "The Tennessee Architect". Man kann Wesen, Besonderheit und Schönheit, wie sie sich bei Werken zeigen, an denen heute Ingenieur und Architekt in untrennbarer Einheit arbeiten, nicht besser schildern, als es Rüssel E. Haert denn tut. Der Verfasser sieht hier eine junge eigengeborene amerikanische Architektur sich entwickeln. Überraschend aber schließt er mit den Worten: "Es besteht jedoch die Gefahr, daß übermäßige Gewaltsamkeit gegen das Frühere dahin führt, die klassischen und Renaissance-Einflüsse zu verdrängen. Eine gänzliche Auflehnung gegen alles Alte scheint das Pendel ins äußerste Extrem, in Bizarre, zu schwingen ."

Vor solchem Schwanken der Grundeinstellung braucht man nicht bange zu sein, wenn man aus dem reichen Inhalt der Hefte schließlich den Briefwechsel zwischen Walter Gropius und Joseph H. Leland wählt. Leland ist der Direktor des "New-England-Distrikt". Gropius leitet die Meister-, klasse für Architektur des besonders angesehenen "Harvard Departement of Architecture". Beide korrespondieren über die geistige. Einstellung der amerikanischen Allgemeinheit gegenüber der Architektur. Gropius beginnt mit dem Hervorheben "des Gewichts und der Wertschätzung" unseres Berufes beim Durchschnittspublikum und den amtlichen Stellen, und fährt fort: "Überall sind wir der gleichen irrtümlichen und naiven Überzeugung begegnet, daß der Architekt zu einem luxuriösen Herrenberuf von Schmuckkünstlern gehört, deren Aufgabe es ist, Bauten zu verschönern, die konstruiert sind von Baumeistern und Ingenieuren. – Viele von uns sind schockiert worden durch die während des Krieges in Briefen geäußerte Meinung, die es nicht für geeignet hielt, von Architekten als kompetenten Technikern für Kriegszwecke Gebrauch zu machen." Hierin sieht er ein Warnungssignal, daß man es nicht verstanden hat, in der öffentlichen Meinung eine Vorstellung davon hervorzurufen, welche nützlichen Dienste der Architekt für die Allgemeinheit zu leisten vermag. Und nun macht er eingehende Vorschläge, wie das möglich ist: durch Aufklärung, durch Erziehung und durch Reorganisation in den eigenen Reihen.

Es ist nun nicht meine Absicht, diese Probleme, die das heutige architektonische Amerika geistig bewegen, ins einzelne zu verfolgen. Ich wollte nur durch diesen kleinen Einblick in ein Kapitel dieser Probleme zeigen, daß unsere Kollegen drüben nicht weniger als wir mit der geistigen Einordnung der Architektur in die Regungen der Zeit ringen, ja, daß wir an einem Kreuzweg der in die Zukunft führenden Straßen schon deutlicher unsere Entscheidung getroffen haben. Ein einheitlicher Wille ist in der Baukunst wichtiger als in den andern bildenden Künsten, wo er sich ohne Schaden langsam aus dem Schaffen bilden mag. Für die Baukunst aber ist eine gewisse Eile not. Deshalb sind auch die häufigen Zusammenkünfte notwendig, zu denen wir Bauenden heute berufen werden. Denn praktischer Zukunftswille läßt sich nicht durch selbst die besten philosophischen Erörterungen gewinnen, sondern nur durch persönlichen Meinungsaustausch, begleitet von praktischen Versuchen.