Es ist noch nicht allzu lange her, da hatten Kirche, Christentum, Religion einen wesentlichen Gegner: die Naturwissenschaften, und zwar die biologischen. Wer um 1900 auf die Universität kam, geriet mitten in diese Auseinandersetzung hinein. Auf der einen Seite standen Darwin, Haeckel, die Welträtsel, der Monistenbund; der Determinismus der siegreichen Physik und der Evolutionismus, auf der andern Seite, Schritt für Schritt zurückweichend, die Kirchen. Sie versuchten mühsam, mit der allmächtigen -Wissenschaft, wie einst mit Kopernikus und der neuen Astronomie, ein stillschweigendes Kompromiß zu schließen. Es ging ihnen zuletzt darum, nicht immer noch mehr von der jungen Generation an die gefährlich lockende Romantik eines Weltbildes von phantastischen Perspektiven und Ausblicken zu verlieren, das an dem Reihfaden der Zeit eine verführerische Auslegung des angeblich Wirklichen vom Urnebel bis zum Übermenschen entwickelte.

Die Naturwissenschaften hatten den Gipfel; der Macht erklommen, als von Jena aus der Schöpfer der Anthropogenie den Menschen in die Entwicklungslinie von der Urzelle bis zu Professor Haeckel selber einreihte, seine Sonderstellung im Reich der Welt und der Geschichte aufhob und jenen lyrisch pantheistischen Religionsersatz entstehen ließ, der, von Männern wie Boelsche, Bruno Wille, Arthur Drews dichterisch, weltanschaulich, wissenschaftlich gepredigt, die Gemüter und fast auch die Geister in seinen Bann zog. Biologie und Entwicklungslehre fanden damals Wege zu Formen, in denen sie Hymnus, Roman, Bekenntnis, Lyrik, Religionsersatz und Naturphilosophie zugleich wurden, Sie beherrschten das Denken so souverän, daß es kein Entrinnen mehr gab und daß die Massen den Sirenenklängen bereitwillig folgten. Friedrich Paulsens tapfere Philosophia, militans blieb ein im allgemeinen Evolutionsrausch nur wenig beachteter Kampfruf eines klaren wissenden Kopfes, der sich mit Recht gegen das Verdächtige einer Denkmethode wandte, die Probleme damit löste, daß sie sie, weil sie sie gar nicht zu sehen vermochte, einfach fortdekretierte.

Das war um 1900. Und heute? Was ist von all dem Siegesjubel und der monistischen Entwicklungsromantik geblieben? Gespenstische Schatten, verscholleneErinnerungen, nicht einmal mehr Reste der ehemaligen leidenschaftlichen Gläubigkeit. Das wissenschaftliche Darwinbild von 1940 zeichnete Jacob von Üexküll in einem seiner letzten großartigen Aufsätze unter dem Titel "Darwins Verschulden"; Haeckels Monismus aber, in dem sich einst alle Welträtsel mühelos und angenehm gelöst hatten und der dem fortschrittlichen Europäer als unerläßlicher Bestandteil des großen Weltzukunftsinventars galt, das den Zukunftsstaat und das Kunstwerk der Zukunft, das Jahrhundert des Kindes und den kommenden Übermenschen gleichzeitig umfaßte – diese "Weltanschauung für Apotheker und Barbiergehilfen", wie Schopenhauer grimmig schon den Materialismus genannt hatte, war bald nach 1914 so Vergessen, daß kaum hoch jemand die Begriffe von einst kannte. Die große naturwissenschaftliche Konkurrenz der Kirchen und der Religion verschwand so völlig, daß die späteren Generationen nun wirklich, nicht einmal mehr um die Probleme von einst wußten. Ja, die ganze biologisch-evolutionistische Naturbetrachtung; von einst ging dem allgemeinen Bewußtsein verloren. An ihre Stelle rückten mit unheimlicher Geschwindigkeit die exakten anorganischen Naturwissenschaften, Physik und Chemie, Strahlungsforschung und Kampf mit dem unendlich Kleinen – und sie gaben dem, Kampf zwischen wissenschaftlicher und religiöser Weltbetrachtung eine Wendung, die um 1900 kein Mensch jemals für möglich gehalten hätte.

Es wäre nun zu erwarten gewesen, daß die Ablösung der Evolutions- und Abstammungslehre durch Relativitätstheorie, Quantenhypothese und Atomforschung die Kluft zwischen Kirche und Wissenschaft, Religion und Naturforschung noch vertieft, die Gegensätze von einst noch erheblich verschärft hätte. Die Welt der Wilsonschen Nebelkammer und des Elektronenmikroskops; der Kampf um die letzten wissenschaftlich faßbaren Elemente der Realität stand so abseits vom Leben in Bereichen, in denen die Wirklichkeit selbst anfängt, abstrakt zu werden, daß eigentlich keine Brücken mehr in die Bezirke des Lebens, der Geschichte, der menschlichen Existenz und ihrer Nöte führen zu können schienen. Es wäre zu erwarten gewesen, daß die großen Physiker von Planck und Schrödinger und Heisenberg bis zu de Broglie und Dirac und Rutherford den Schnitt, zwischen Forschung und Religion noch schärfer zögen, als es einst die Entwicklungslehre des ausgehenden 19. Jahrhunderts tat. Was aber geschah statt dessen? Seltsamerweise das Gegenteil: die lange geschlossenen Pforten zwischen Wissenschaft und Religion wurden vorsichtig wieder aufgetan, und die Meister der Forschung, allen voran der greise Max Planck, neigten sich ehrfürchtig dem Reich des Geheimnisses. Sie bekannten sich unausgesprochen zu dem von den Generationen vor ihnen so bitter bekämpften Ignorabimus Dubois-Reymonds, ja, sie fanden an den unteren Grenzen der Welt mehr an Geheimnis, als diese Weit als Ganzes je offenbart hatte. Die Grenzen selber zwischen Mensch. und Welt gerieten ins Schwanken. Es war, als ob sich ein Zwischenreich zwischen dem Geist und den Objekten auftäte. Diese begannen ihre Erscheinungsweisen der Betrachtung des suchenden Intellekts anzupassen, wurden bald Ding, bald Vorgang, je nachdem der Mensch und sein Denken sie sah. Die "Realität" selbst wurde Geheimnis, Schwankendes Rätsel zwischen den Reichen des Lebens und denen der Deutung. Die Naturwissenschaften errangen Erfolge von Ausmaßen, wie sie kaum ein Zeitalter auch nur annähernd ähnlich erzielt hatte. Das Ergebnis aber war nicht mehr Glaube an die Lösbarkeit aller Welträtsel, wie ihn die Haeckel-Zeit noch fast kindlich entwickelt hatte, und stolze Verneinung alles Kirchlich-Religiösen, es war Bescheidung, Zurücktreten, Anerkennen des Beschränktseins, menschlichen Erkennens auf die Bereiche, hinter denen das eigentliche Sinnsuchen, die eigentlichen Rätsel des Lebens über- – haupt erst beginnen.

Das Seltsamste war, daß dieser Vorgang allgemein war, die Alten Wie die Jungen umfaßte. Nicht nur der fast 90jährige Planck bekannte den Primat des Religiösen; die Jüngeren, von der Generation seines Nachfolgers Pascual Jordan bis zu Weizsäcker, taten desgleichen. Die Welt des Wissens ist durch die nachklassische Physik der letzten 50 Jahre bis in Gebiete ausgeweitet, von denen sich, die Haeckel-Generation nicht einmal eine Vorstellung hatte machen können. Forschung und Religion sind damit unvermerkt eine Gemeinschaft geworden, wie wir sie seit den Tagen des Mittelalters nicht mehr erlebt haben. Die alte Gegnerschaft, die das 19. Jahrhundert durchzog, die, aus frühen Tagen herüberreichend, um 1900 mit einem Massensieg lyrisch popularisierter Aufklärung ohne geistige Ansprüche zu enden schien, ist versunken. Religion- und Wissenschaft stehen heute vor Problemen, die zu ihrer Bewältigung einen tiefer begründeten Optimismus fordern als den der Epoche der Welträtsel und des alten und des neuen -Glaubens, in der das Verhältnis der Menschheit zu Gott auf den Versuch des simplen Verdikts gestellt werden konnte, er sei tot. Er hat auch diese Formel wie so viele andere besser überlebt als der, der sie einst aussprach; dessen Welt ist in unaufhaltsamem Verfall, während die des Religiösen mächtiger denn je zu blühen begonnen hat, diesmal getragen von der helfenden Kraft auch der großen Wissenschaft unserer Zeit, die jetzt nicht als ancilla, sondern als nur wenig jüngere Schwester an die-Seite der Theologie getreten ist, um ihr vielleicht wirklich einmal zu ihrer vollen Summa im Sinn des Aquinaten zu verhelfen. Denn das-ist sicher: die Gunst dieser Stunde, die unsere seltsame Weltzeit heraufbeschworen hat, ist nicht nur ein Gegebenes, sie enthält Forderungen an beide Partner. Die Wissenschaft hat das im Umriß erkannt, als sie stärker denn je zuvor die Auseinandersetzung mit dem Denken und der Philosophie in ihren Bereich hineinzog; Kirche und Religion stehen vor verwandten Aufgaben. Die Verluste der Jahrzehnte um 1900, die sie unter ihren Anhängern erlitten, beruhten zum großen Teil darauf, daß die damaligen Naturwissenschaften den Massen trotz allem Dinge zu bieten hatten, denen die Kirchen bei all ihrem reicheren Besitz nichts entgegenzustellen wußten. Sie hatten durchaus. die Möglichkeit, es zu tun: ein Werk wie Lietzmänns Geschichte der alten Kirche gibt, eine Ahnung von dem ungeheuren Reichtum an Werten seelischer Art, deren Faszinationskraft den Kampf mit jeder Naturwissenschaftlichen Sensation siegreich aufzunehmen vermöchte. – Die Kirchen traten zu diesem Kampf nicht an. Das Ergebnis. war, daß große Teile der lebendigsten Jugend vor allem aus der Arbeiterschaft damals zu dem sogenannten neuen Glauben abwanderten. Die gleiche Gefahr besteht auch heute noch, denn die veränderte Grundbeziehung zwischen Wissenschaft und Religion übersehen zuletzt doch nur wenige, und jede geschichtliche Situation ist veränderlich und vergänglich. Es gilt, das rechtzeitig einzusehen und die neue Lage fruchtbar zu machen! Der Boden ist bereitet: die seelischen Bedürfnisse sind überall gegeben, selbst bei den Menschen, die früher, selbstverständlich zum Gegner hinübergewechselt wären. Zeigt man ihnen, daß dieser Gegner von gestern der Verbündete von heute und morgen ist, zeigt man ihnen darüber hinaus, daß die großen Mächte der Geschichte, Kirche und Religion erheblich mehr zu geben haben, als ihre-Gegner unter dem Bann der versunkenen Feindschaftsvorstellung von einst zu ahnen vermochten, so eröffnet’sich Aussicht auf die Begründung neuer Voraussetzungen auch in den Seelen, die wohl im Sinn des Schicksals liegen muß, das diese unvermutete Situation von heute zwischen den Gegnern von einst erwachsen ließ.