Mit der Wahl des Professors Ernst Reuter zum Oberbürgermeister von Berlin ist die permanente Krise der Selbstverwaltung in der "Fünften Zone" in ein ernstes Stadium eingetreten. Drei Parteien von vieren. 89 Stadtverordnete von 108, haben ihr Votum für Reuter, den Kandidaten der SPD, abgegeben, und nach parlamentarischen Gepflogenheiten hätte der nunmehr mit so hoher Mehrheit Gewählte sein Amt anzutreten. Nicht so in der Viermächtestadt Berlin. Port muß er nach einem eigens für diesen besonderen Zweck, außerhalb der vorläufigen Berliner Verfassung, ausgegebenen Befehl der Viermächtekommandantur warten, bis er durch sie bestätigt wird.

Nach allem, was sich in den vergangenen Monaten inner- und außerhalb der deutschen Befugnisse in Berlin abgespielt hat, muß befürchtet werden, daß die Anerkennung des Wahlvotums lange auf sich warten. läßt oder aber überhaupt nicht erfolgt. Der ungewöhnliche Fall ist nämlich eingetreten, daß eine der vier Besatzungmächte, die sowjetische, bereits vor der Wahl und noch ehe die SPD ihren Kandidaten nominiert hatte, in ihrer offiziösen Tageszeitung "Tägliche Rundschau" erklären ließ, daß Reuter unter keinen Umständen von den russischen Vertretern in der alliierten Kommandantur bestätigt werden würde, da ihm antisowjetische und demnach alliiertenfeindliche Haltung vorzuwerfen sei, Begründet wurde diese Stellungnahme mit einem nicht näher detaillierten Hinweis auf Reden mit "antisowjetischer Tendenz". In einer offiziellen Besprechung führender LDP- und CDU-Funktionäre mit Offizieren der politischen Abteilung der sowjetischen Militäradministration wurde die gleiche Warnung gegenüber einem eventuell zu erwartenden Votum dieser Fraktionen für Reuter ausgesprochen. Die SPD wies die Vorwurf: mit dem Hinweis darauf zurück, daß Reuters antikommunistische Haltung nichts mit einer antisowjetischen zu tun hätte, und erörterte ausführlich Reuters bekannte Tätigkeit in Berlin vor 1935, seine Oberbürgermeisterzeit in Magdeburg und schließlich die bedeutende Rolle, die er während semer Emigration in der Türkei für die türkische Regierung als außerordentlicher Kommunalfachmann gespielt hat. Von den anderen Besatzungsmächten wurde lediglich die Haltung der Amerikaner bekannt, die erklärten, das Recht der Wahl ihres Stadtoberhauptes liege auf der Seite der deutschen Bevölkerung, die sich in der Stadtverordnetenversammlung ihre Vertretung geschaffen habe.

Reuter ist gewählt worden – und dies auch mit Zustimmung der Parteien, an die sich die spezielle Warnung der russischen Vertreter vor der Wahl richtete, aber er ist nicht bestätigt. Man muß sich erinnern, wie es überhaupt zu dieser späten Wahl gekommen ist: Die SPD hat im April ihren eigenen amtierenden Oberbürgermeister Dr. Ostrowski zum Rücktritt gezwungen, weil er die ohnedies in dieser Stadt sehr erschwerten Bedingungen der deutschen Selbstverwaltung durch einseitige politische Schritte auf Anraten des russischen Kommandanten torpediert hatte. Es dauerte viele Wochen, bis der alliierte Kontrollrat endlich die alliierte Kommandantur in Berlin anwies den vom Stadtparlament bestätigten Rücktritt Ostrowskis nun ihrerseits zu bestätigen. Seit Monaten herrscht in Berlin Interregnum der drei Vizebürgermeister, an denn Spitze federführend Luise Schröder von der SPD steht.

Es hätte nach allem, was in diesem letzten halben Jahr in Berlin exerziert worden ist, praktisch die Möglichkeit gegeben, daß die SPD von der Nominierung Reuter? Abstand. nahm, nachdem eine so deutlich: Ablehnung dieser Kandidatur durch die Sowjets bekanntgeworden war. Die SPD hat darauf bestanden, diesen Kandidaten durchzusetzen. Sie begründet, diesen Schritt damit, daß gegen Reuter von den Sowjets keinerlei Einwendungen erhöhen worden wären, solange er als Verkehrsdezernent führendes Mitglied des Magistrats war. Und sie sieht, offenbar im Einklang mit den anderen Besatzungsmächten. nirgendwo eine Begründung für die Anschuldigungen. die die Russen gegen Reuter erheben. Gegen die kommunalpolitischen Qualitäten und die moralisch-politischen Eigenschaften Reuters ist aus keinem Lager eine Stimme laut geworden.

So-sieht Berlin vor der Tatsache daß ein Mann, dessen Eignung für den Oberbürgermeisterposten alle Parteien anerkennen, sein Amt nicht antreten kann, weil eine der vier Besatzungmächte ihre eigene Meinung über ihn hat und Einstimmigkeit in der alliierten Kommandantur Bedingung ist.