In Amerika wird Wert darauf gelegt, zu erklären, – daß es einen Marshall-Plan nicht gibt, sondern nur eine Marshall-Aufforderung. Die europäischen Mächte – das sind, nach amerikanischer Vorstellung, alle Länder zwischen Mittelmeer, Atlantik und Ural – sollten Vorschläge machen für ein gemeinsames Programm, aus dem hervorgeht, wie groß und welcher Art die Hilfe sein soll, die von den Vereinigten Staaten verlangt wird. Amerika also erwartet den Plan aus Europa und wird sich erst dann dazu äußern, ob und wieweit es ihm entsprechen will, Die erste Frage, die sich die europäischen Mächte zu stellen hätten, müßte daher – wenn sie, wie der Anschein lehrt, Hilfe, erwarten – so lauten: Wie könnte ein solcher Plan beschaffen sein, damit das amerikanische Volk, vertreten durch den Kongreß, ihn annehmen wird, falls die amerikanische Regierung dies befürwortet? Bisher nämlich ist die Marshall-Aufforderung nur eine Angelegenheit der Regierung und nicht des Kongresses.

Nun ist es für viele Europäer – und für die Osteuropäer insbesondere – sehr schwierig, sich ein. Bild von den Zielen der amerikanischen Außenpolitik zu machen, einer Politik, die wirklich die Zustimmung des amerikanischen Bürgers findet. Man ist in Europa geneigt, anzunehmen, daß bei den Amerikanern wirtschaftliche Erwägungen dem politischen Handeln zugrunde liegen. Die Reden des bisherigen stellvertretenden Außenministers Dean Acheson und des Unterstaatssekretärs im Handelsministerium Willard Thorp, in denen beide Regierungsvertreter das amerikanische Volk darauf hinwiesen, daß die augenblickliche prosperity auf dem Export beruhe, dieser Export aber eine Schranke an der Weltdollarknappheit finden werde, haben die Neigung verstärkt, hinter der Aufforderung Marshalls. einen ökonomischen Zwang zu sehen. Doch selbst, wenn dies die Meinung der amerikanischen Regierung wäre, so würde/das nicht. bedeuten, daß sie auch den Beifall des Kongresses findet. Es gibt wirtschaftlich interessierte Kreise in Amerika – auch der frühere Präsident Hoover gehört dazu –, die in einem forcierten Export die Gefahr einer Inflation erblicken, deren Vorhandensein sie heute schon in dem starken Steigen der Inlandspreise sehen. Auf keinen Fall konnte eine solche rein wirtschaftlich fundierte Politik das amerikanische Volk dazu bringen, eine Wiederaufbauanleihe von 15 bis 20 Milliarden Dollar an Europa gutzuheißen. Eine solche Annahme wäre naiv. Der amerikanische Finanzminister Snyder hat es naiv Überfluß für nötig befunden, zu erklären, daß das Marshall-Angebot den europäischen Staaten keinen Blankoscheck auf das Schatzamt der Vereinigten Staaten gebe.

Welches aber sind die Grundsätze der amerikanischen Außenpolitik, die im eigenen’-Land auf allgemeine Anerkennung rechnen können? Offenbar nicht diejenigen, die man allgemein unter dem Schlagwort Truman-Doktrin begreift und in denen man nichts weiter zu sehen pflegt als die Zusammenfassung aller Kräfte zu einer antikommunistischen. und antirussischen Front. Die Marshall-Aufforderung das in ihr liegende Angebot finanzieller und wirtschaftlicher Hilfe, ist ausdrücklich auch an Rußland ergangen. Wer hier superklug sein will und – wie die russische TASS-Agentur zu glauben vorgibt – in der Aufförderung nur ein politisches Mittel sieht, Rußland vor der Welt für ein Scheitern der Verhandlungen verantwortlich zu machen, der verwechselt Ursache und mögliche Folgen. Gewiß genießt die russische Politik in Amerika kein großes Ansehen, aber die Hilfe für Europa wird in den Vereinigten Staaten nicht dadurch populärer, daß man dem Volk demonstriert, wie russischer Widerstand sie unmöglich mache. Dafür ist das Interesse an den europäischen Zuständen im allgemeinen in den Vereinigten Staaten viel zu gering. Man sollte sich vor Augen halten, daß es nur im Osten lebendig ist, nach dem Westen fortschreitend immer stärker abnimmt und zuletzt fast völlig verschwindet.

Gibt es nun überhaupt eine auswärtige Politik, die von dem Willen des amerikanischen Volkes getragen wird, gibt es etwas, was man allgemein- – gültig als Amerika-Doktrin bezeichnen könnte? In der Tat, es gibt eine solche Doktrin. Byrnes hat sie in seiner denkwürdigen Stuttgarter Rede verkündet, und es besteht kein Anzeichen dafür, daß sich seitdem an ihrem Inhalt irgend etwas geändert habe: Amerika will Frieden in der Welt; dazu ist es nötig, daß alle, auch die kleinsten Staaten, Sieger wie Besiegte, ihr eigenes Leben frei von Furcht und Not führen können. Dies ist die Politik, für die das amerikanische Volk sich begeistern kann. Jeder Vorschlag der europäischen Mächte, der dieser Politik entspricht, kann die Zustimmung des Kongresses finden. Damit ist klar, was von Europa verlangt wird: nicht nur ein Wandel der wirtschaftlichen Beziehungen der einzelnen Länder, sondern ein Wandel der Gesinnung. Kann Europa dieser Marshall-Aufforderung entsprechen?

Die osteuropäischen Staaten, so Polen und die Tschechoslowakei, haben ihre Bereitschaft bisher nur unter der Bedingung erklärt, daß ihre souveränen Rechte nicht beeinträchtigt werden – eine Folge, die sie offenbar befürchten. Gerade die Herstellung souveräner Rechte jedoch ist das Ziel der amerikanischen Politik. Augenscheinlich bestehen demnach verschiedene Ansichten über den Begriff. Souveränität. Marshall hat gesagt, daß sein Angebot keinen Staat auf Grund weltanschaulicher Divergenzen ausschlösse; Amerika werde nur jene Völker als feindlich betrachten, die sich einem Wiederaufbau Europas, hindernd entgegenstellen. Nun ist es so, daß die osteuropäischen Staaten, also alle, die jenseits des Eisernen Vorhangs liegen, sich wirtschaftlich bereits stark gebunden haben, weil sie in den russischen Fünfjahresplan eingespannt sind. Dies ist mit Hilfe von Handelsvertragen geschehen, und im Rahmen dieser Bindungen haben die Länder auch eigene Pläne entwickelt, so Bulgarien und Ungarn einen Zweijahresplan, Jugoslawien einen Fünfjahresplan. Ein Ostblock wirtschaftlicher Art ist also vorhanden; daß er politisch untermauert ist und weiter untermauert wird, ist offenkundig. Kann man hier eine Änderung erwarten?

Der Ostblock enthält die Agrarflächen, auf die das übrige Europa in erster Linie angewiesen ist. Vor dem Krieg produzierte Rußland 70 Millionen Tonnen Getreide einschließlich des Füttergetreides; in den agrarischen Gebieten des nichtrussischen Europas, die heute jenseits des Eisernen Vorhangs liegen, wurden zu der gleichen Zeit 50 Millionen Tonnen Getreide produziert. Der Ostblock verfügt. also bei friedensmäßiger Produktion über weit mehr Getreide, als im Rahmen der russischen Wirtschaft erforderlich ist. Infolgedessen soll ein Teil der bisher agrarischen Länder, etwa Jugoslawien und Bulgarien, industriell entwickelt werden, ja sogar auf russischen Wunsch nicht nur Leichtindustrie, sondern auch eine Schwerindustrie aufbauen. Andere Agrarflächen werden nicht mehrintensiv, sondern extensiv bewirtschaftet. Das westliche Europa aber braucht die frühere Agrarproduktion, es könnte dagegen die nötigen industriellen Erzeugnisse liefern, so daß eine zusätzliche industrielle Entwicklung der osteuropäischen Agrarländer überflüssig wäre; Wirtschaftlich gesehen wäre also für den Aufbau Europas die Auflösung des Ostblocks oder zum mindesten die Änderung seiner Wirtschaftsprogramme erforderlich. Vermutlich werden die osteuropäischen Regie- – rungen hierin einen Eingriff in ihre Souveränität sehen.

Die russische Antwort auf eine solche Forderung könnte lauten, daß es den westeuropäischen Staaten, jedem für sich, freistände, Handelsverträge mit dem Ostblock abzuschließen, und daß man sich auf diese Weise bei dem Wiederaufbauhelfen; könne; Für die westlichen Staaten aber würde dies voraussetzen, daß sie ihre Wirtschaftspolitik nur für die nächsten Jahre festlegen können, so lange nämlich, bis die Sowjetunion unter Einschluß des Ostblocks so weit autark ist, daß sie eine industrielle Einfuhr nicht mehr braucht. Von diesem Zeitpunkt an wären sie in ihrem Agrarbedarf ganz auf den freien Willen Rußlands angewiesen, politisch also nicht mehr unabhängig.