Der Junge machte sich auf. Die beiden Ziegen sperrten sich ihm – zu folgen; sie wußten nicht, wohin es gehen sollte. An jedem Ende des Strickes War eine der Ziegen durchs Halsleder festgeknotet, der Junge packte den Strick in der Mitte und mußte ziehen und oftmals zerren, um die Tiere nur mitzubekommen. Zudem war es unbarmherzig heiß unter gloriosestem Sommerhimmel; der Knirps hatte keine leichte Arbeit. Der Schweiß rann ihm sogar die nackten Beine hinunter, und der feine Staub des Feldweges blieb verschmutzend daran haften. Die Leute auf den Äckern erkannten ihn schon von weitem; das war nicht besonders, schwierig, denn ein so prächtig blauschwarzes Haar war früher hierzulande nicht zu sehn gewesen. "Bobbi, – wohin?" Und: "Verlauf dich nicht, Bobbi!", riefen sie ihm zu, als er nahe war und nahmen die Gelegenheit wahr, sich an den Hacken, mit denen sie die endlosen Rübenreihen durchlockerten, aufzustützen und das arbeitsmüde Kreuz zu recken. Sie sahen ihm nach, ihrem Bobbi.

Der antwortete natürlich auf nichts. Wann täte Bobbi das! Da mußte es schon um Dinge Lebens oder Sterbens gehen, und um solche ging es ihm höchstens, wenn man fragte, ob, er Hunger hätte oder ob er wohl wieder in seine Heimat möchte. Außerdem – was ging es ihn an, wenn sie das Wort an einen Bobbi richteten! Er hieß nicht Bobbi. Daß es für ihn, den fremden Flüchtling, ehrenvoll war, nach, kaum vier Wochen Aufenthaltes im Dorf schon einen Spitznamen zu haben, kam ihm nicht in den Sinn. Sie konnten eben seinen wirklichen Namen nicht aussprechen, das war seine Meinung. Sie hatten ihn um seinen wirklichen Namen verlacht, damals bei seiner An-– kunft, er hatte es wohl gemerkt.

Die Leute aber hatten ihn ernstlich gern. Darum nannten sie ihn Bobbi, und darum fiel es ihnen nicht ein, ihm zu verargen, wenn er – wie eben jetzt bei seinem Ziegentreck – so tat, als seien sie nicht da.

Nur seine Augen, die so dunkel waren, daß noch niemand ihre eigentliche: Farbe entdeckt hatte, wurden noch dunkler, und er zog hartnäckiger am Strick, damit er nur vorbei und an sein Ziel käme. – "Laßt ihn, das arme Kerlchen Wissen wir, was so eine Kreatur durchzumachen gehabt hat? Wer kennt ihn auf dieser Welt? Sicher ist nur: eine Mutter hat ihn geboren, auch ihn." So sagten die Leute nicht ausdrücklich; sie pflegten nicht Worte zu machen um derlei Gedanken oder für das Raunen ihrer Gefühle. Sie standen schon wieder geduckt und schlugen ihre Hacken in den rissigen Boden.

Bobbis Ziel aber war die kleine Niemandswiese am Eichenkamp. Da ist er geborgen, meint er, da ist er allein. Die Ziegen begreifen mit einem Male, als es an den Kartoffelfeldern entlanggeht, wohin er mit ihnen will. Sie wittern das süße Futter, und schon sind sie Bobbi voraus. Der Strick strammt, sie ziehen Bobbi vorwärts, so gewaltsam: er kann sich zurücklehnen in die leere Luft, es geht nun viel zu schnell, seine Füße finden nicht Zeit, richtig aufzutreten, er muß auf den Zehenspitzen rennen – es nimmt sich aus, er schwebe so dahin. Aus halb zugekniffenen Augen blinzelt er nur noch, die Sonne flimmert. Es ist ihm eine Wonne ohnegleichen – nun liegt er im Gras. Das Gras ist hoch. Die Ziegen sieht er nicht mehr, Sie sind weg, vielleicht in den Wald hinein; wen kümmert das. Die Menschen sind noch weiter weg, viel weiter noch. Häuser und Ställe – es gibt keine Ziegen, keine Menscheil, keine Häuser, es gibt nur die Welt. Die Welt ist weich und grün und grasig duftend um ihn her, und über ihm ist sie hoch und blau. Niemand sieht ihn Niemand hört ihn. Der dunkle Punkt da oben im Licht ist vielleicht ein Habicht, auch der Habicht hört ihn nicht. Der Himmel, der noch über den Habicht, hoch hinaus ist; der mag hören, wie Bobbi plötzlich schreit. Sein Schrei ist rauh und grell, kaum wie aus Menschenmund, beladen mit unausgeweintem Weh, er ist ein Stoß zu Gottes Ohr – ein einziger kurzer Schrei nur. Dann ist wieder Stille, und diese neue Stille würde es nicht fassen, daß solch ein Schrei gewesen ist. Dennoch folgt ein zweiter. Ein wildes Hinstürmen der Stimme anfangs, doch schon menschlich diesmal, obwohl es ist, als wolle dieser Schrei nie wieder enden, und lange bleibt verborgen, was aus ihm werden soll, bis er, sich selbst erlösend, in einem urgeschaffnen Lachen endet.

Niemand hört dich! weiß Bobbi. Dein Herz hat Freiheit – laß hinaus, was drin ist! Nun ruft er Worte, Solche, wie man sie von einem Kinde nicht erwartet, und unzusammenhängende. "E-wig-lich!" – "Fit-tich-saum!" – Jedem Wort lauscht er nach, und im Lauschen tauchen ihm andere auf – Worte jetzt, die ohne Sinn zusammengehn. "Ozean, Feuerflamme – "Mond, Messer!" – "Wiege, Wermut!" Wirte dann, die einem Kinde verboten sind, weil die Erwachsenen sie nicht reinlich denken – Bobbi muß sie einmal herausbrüllen. Von häßlich oder schön weiß sein freiheitstrunkenes Herz in diesen Augenblicken nichts. Simple Worte, nun reihen sich an, ganz unschuldige, doch sie klingen, von Bobbi hinaus- und hinaufgerufen, neu und blank, als habe er sie soeben aus der Fülle seines Daseins hervorgezaubert: – Blume! Wiese! Stab! Bach! Und sie schimmern im Kleid seiner Stimme wie vom Glanz seiner Seele. Dann ist es abermals still, und dann – der Habicht kreist ziemlich niedrig jetzt überm Wald, er hört gewiß nun doch –; dann ruft der Junge seinen Namen. "Gwendolin!" Dreimal, Gwendolin, Beim drittenmal ist’s wie die Stimme einer Frau, die ihrem Kinde ruft; der Ton verwandelte sich in Bobbis Munde.

Bobbi verbrachte lange Zeit auf der Wiese.