Bruno Grusnick hat vor einiger Zeit mit der Leitung des Lübecker Sing- und Spielkreises einen Chor übernommen, den Hugo Distler, vor dem zweiten Weltkrieg Organist an der Lübecker Jakobikirche, gegründet hatte.

Hugo Distlers Vorliebe galt – gleich der Hugo Wolfe – namentlich den Gedichten von Eduard Mörike. Die ihnen eigentümlichen starken rhythmischen und elementar-dynamischen Impulse gewannen den Komponisten für eine tonlich malende Nachgestaltung in chorischen Bearbeitungen, die seiner stärker den kräftig bewegten Ausdrucksmöglichkeiten als dem lyrischen Gehalt der Dichtung folgenden Neigung entsprachen. Er vertonte eine "angesichts des Gesamtwerkes des Dichters freilich nur geringe Anzahl" – etwa. 40 Gedichte Mörikes, wobei es ihm überall gelang, einen wahren polyphonen Aufbau klangschöner Chöre zu verwirklichen. Seine Auffassung des A-cappella-Singens empfand man zu seinen Lebzeiten noch als kühn und nannte ihn darum einen "Neutöner". Doch heute schon ist sie dem Ohr vertraut in ihren stark der liturgisch gebundenen Kultmusik verwandten, stimmungsmäßigen Elementen, in einer Formung, – die in charakteristischer Weise dem poetischen Gehalt der Dichtung folgt.

Der Lübecker Sing- und Spielkreis war während der letzten Kriegs- und Nachkriegsjahre verwaist. Dennoch kam der bewährte und um einen erfreulichen Nachwuchs bereicherte "Stamm" (unter der Betreuung von Gerhard Zillinger) emsig zu den Übungen. Daran änderte sich nichts, als-nach seiner Rückkehr aus Amerika auf Bruno Grusnick die Leitung des Chores überging. Seine erste Darbietung nach dem Kriege (im Kolosseum) gab nun einen vielversprechenden Ausblick auf seine weitere Entwicklung. Zwar schien es eingangs – um im Gleichnis zu sprechen –, als seien die Wasserfarben dieser lichten Aquarelle ein wenig zu zart nachgezeichnet und bedürften kräftigerer Töne und Unterstreichungen, doch zeigten die weiteren Klangbilder eine Vollkommenheit, die die Zuhörer geradezu begeisterte. Adolf Nowakowski