Von Hans Hajek

Es war gewiß eine Überraschung, zu erfahren; daß die Zahl der Prügelanhänger in Bayern so groß ist. Mehr als 60 Prozent der Eltern habensich also auf die Befragung des bayerischen Ministers für Kultus und – Unterricht, Hundhammer, der in den Schulen seines Landes die Prügelstrafe wieder einführen möchte, dafür entschieden. Ein bemerkenswerter Entschluß der Bayern. Doch sollte das nördlich der Mainlinie kein Grund zur Überheblichkeit sein, ist doch die Prügelei als Institution auch im deutschen Norden, vornehmlich in Preußen, lange und mit inniger Überzeugung gepflegt worden. Dagegen darf ich wohl’sagen, daß die Prügelstrafe in den Schulen des alten, angeblich so zurückgebliebenen Österreich (und seiner Nachfolgestaaten nach 1918). seit mehr als einem halben Jahrhundert unbekannt ist. Einzelne Lehrer standen auch dort in dem Ruf, sie hätten eine lockere Hand, – aber man rechnete es ihnen nicht zur Ehre an. – Diese Feststellungen gehören ins Gebiet der Kulturgeschichte. Der bayrische Vorgang allerdings hat auch seine politische Bedeutung und sollte nicht leichtgenommen werden. Ist er doch ein dreister Versuch, mit scheinbar demokratischen Mitteln eine entschlossen reaktionäre Wirkung zu erzielen. Das ist zwischen 1923und 1933 schon einmal, leider, mit Erfolg, gemacht worden. Die schrecklichen Spuren dieses Erfolges werden uns noch lange mahnend und anklagend sichtbar sein.

Aber wir wollen zu den Freunden der Prügelstrafe als Erziehungsmaßnahme zurückkehren. Ihr Hauptargument ist, daß auch sie, als sie noch Kinder waren, ihre Prügel bekommen und keinen Schaden davon erlitten hätten. Sagen sie. Ich halte es dagegen schön für einen erheblichen Schaden, wenn jemand so abgestumpft wird, daß er die seelischen Folgen systematisch bezogener Prügel nicht mehr bemerkt, und.wenn er darum Zuckertüte und Rute für die beiden Requisiten hält, zwischen denen in der Erziehung der Kinder zu wählen ist. Mit der Behauptung, frühere Generationen seien ja auch mit Schlägen erzogen worden, kann man die Notwendigkeit, und Nützlichkeit jedes Fortschrittes leugnen. Ein Tier pflegt seine Jungen anständig zu behandeln. Die Entehrung durch Prügel ist ein menschliches Privileg.

Wenn indes zur Verteidigung der Prügelstrafe gesagt wird, die unzureichend ausgebildeten jungen Lehrer würden sonst nicht mit den Kindern fertig, so ist das doch ein klares Eingeständnis, von Schwäche. Wirsind ja, infolge der Unterernährung, ihr allgemeinen und des Fett- und Eiweißmangels im besonderen, heute alle miteinander reizbarer als bei einer normalen. Ernährungsweise – die Kinder aber auch! Der Schlag als Reflexhandlung, als Entspannung, als Temperamentsausbruch ist in unseren Tagen zu begreifen, und wenn auch nicht ganz zu entschuldigen, so doch mit vielen Milderungsgründen zu beurteilen; Wem noch niemals "die Hand ausgerutscht ist"’, der werfe den ersten Stein wider den Erzieher, dem eben heute das gleiche passiert! Aber was in aller Welt hat dies mit der Erziehung selbst zu tun? Und wodurch lassen sich mit dem psychologischen Verstehen eines solchen Lapsus die gesetzliche Erlaubnis und Anordnung der Prügelei, also die Schläge mit Überlegung und kaltem Blute, als Vollstreckungeines pädagogischen Strafurteils, rechtfertigen?

Als wir sie noch besaßen, versuchten wir manchmal eine Taschenuhr, die ohne erkennbare Ursache stehenblieb, durch Klopfen wieder in Gang zu bringen. Sehr temperamentvolle Leute klopften ziemlich kräftig und waren vielleicht sogar versucht, den unzuverlässigen Zeitweiser wütend in eine Stubenecke zu werfen. Niemand hat das jemals für die fachmännische und sachverständige Behandlung einer – Uhr gehalten. Und wer dem Uhrmacher solche Gewaltakte eingestehen mußte, schämte sich. Ein Mensch, ein junger Mensch, ein Kind ist aber doch ein noch, sehr viel komplizier- – teres Ding als eine Uhr, nämlich ein empfindliches Lebewesen mit einem eigenen wachen Lebensanspruch. Und da sollte das Klopfen eine sachgemäße Methode sein? Und wir sollten an diesem Faustrecht dem gelernten. Erzieher auch noch einen Anteil einräumen?

Wer einen versagenden Mechanismus wieder in Ordnung bringen will, bedarf einiger Kenntnisse in der Mechanik, einiger Handfertigkeit und eines geübten Auges. Wer ein in der gesellschaftlichen Umwelt nicht richtig funktionierendes Menschenkind (ein junges, oder ein altes) wieder zurechtrücken und der Gesellschaft einordnen will, bedarf zunächst einiger Kenntnisse in der Menschenkunde, die man gewöhnlich Psychologie nennt. Ersollte auch in seiner Selbsterkenntnis und Selbsterziehung genügend weit fortgeschritten sein, um seine eigenen Fehler im Verhalten zu anderen Menschen, zum Beispiel zu den Kindern, einigermaßen richtig abschätzen zu können. Es geht auch in der Erziehung nicht ohne etwas Erfahrung, ohne einige "Handfertigkeit" und das Fingerspitzengefühl, um das pädagogisch Richtige und Nötige im rechten Augenblick zu, tun. Mit anderen Worten: die Erziehungskunst ist keine angeborene Fähigkeit, und – sie kommt weder mit der Mutter- noch mit der Vaterschaft oder mit dem Amt eines beruflichen Pädagogen von selbst. Man muß sich vielmehr darum bemühen. Man muß Lehrgeld zahlen, manchmal sogar ein recht hohes. Und man, muß im Training bleiben,ganz besonders in der Selbsterziehung. Prügel dagegen haben, den Vorzug der Einfachheit und Schnellerlernbarkeit. Sie sind das Mittel der Erzieher-Dilettanten, der pädagogischen Stümper. Aber das Kind hat den Anspruch, von wirklichen Menschen und überlegten Erziehern erzogen zu werden, die dann immer noch genug Fehler machen, nicht aber von Pfuschern, die nur Unfug anrichten. Darum weiß das Kind sehr gut, daß sich der Erzieher mit Prügeln ins Unrecht setzt, auch wenn er recht zu haben glaubt. Und das Kind hat im Kampfe mit dem Erwachsenen auf jeden Fall gesiegt, auch wenn ihm "recht geschehen", ist durch die Prügel. Darum sind viele Kinder mit ihren Prügeln zufrieden. Aber sie rächen sich. Und die schlimmste Rache besteht darin, daß die Erwachsenen es gar nicht bemerken, wie die Kinder innerlich von ihnen abrücken. Nicht einmal Minister bemerken es, wenn die Kinder, über sie und ihre Torheiten lachen.