Wenn Intendant Beckmann von Radio Frankfurt bei der Eröffnung der "Woche für neue Musik", die kürzlich vom Frankfurter Sender in Verbindung mit der Stadt Frankfurt, der Museumsgesellschaft und dem Studio für neue Musik der Freien Deutschen Kulturgesellschaft veranstaltet wurde, erklärte, daß die Pflege neuer Musik einer "selbstmörderischen Kreditschwächung" gleichkomme, so hat er damit in bezug auf den Durchschnittshörer recht. Aber ob wir die neue Musik bejahen oder verneinen, wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen.

Wie im Vorjahr stand auch diesmal die von Radio Frankfurt durchgeführte Veranstaltung, dem weitere in den nächsten Jahren folgen sollen, unter der verdienstlichen Leitung Heinz Schröters. Natürlich konnte nicht alles so sein, wie man es geplant hatte. Denn die bekannten Schwierigkeiten, zum Beispiel das notwendige Notenmaterial, größtenteils aus dem Ausland, zu beschaffen, sind heutzutage nicht gering. Das Hauptereignis der Frankfurter Woche war die Wiederbegegnung mit Paul Hindemith, der seit seinem erzwungenen Weggang in die Schweiz und die Vereinigten Staaten, wie gemeldet, zum ersten, Male wieder vor einem deutschen Publikum stand, das dieses Wiedersehen begeistert und dankbar feierte. Außer der Aufführung seiner Oper "Mathis der Maler" im Frankfurter Börsensaal, wohnte Hindemith noch der Wiedergabe seiner Klaviervariationen "Die vier Temperamente" bei, deren polyphone Verflechtungen Walter Gieseking in hellstes Licht rückte. In einem anderen Konzert fand Hindemiths "Konzert für Violoncello" und Orchester" (1940) durch Ludwig Hölscher eine überzeugende Wiedergabe, was auch von der Harfensonate durch Rose Stein und den vier neuerdings instrumentierten Liedern also dem "Marienleben" durch Felicie Hüni-Mihacsek gesagt werden kann.

Unbestrittenen Erfolg hatte weiterhin Strawinskys kapriziöses "Concerto Dumbarton Oaks", das Kurt Schröder mit dem Kammerorchester von Radio Frankfurt in lichtvoller Klarheit darbot, wie es dieser Musik "von hohem spezifischem Gewicht" des geistreichen Kosmopoliten zukommt. Des Meisters "Symphonie in C" hatte dagegen in Vondenhoff, der es sich dem Anschein nach angelegen sein ließ, Härten zu "beschönigen" und Klangzauber zu entfalten, nicht den idealen Dirigenten. Einen starken Eindruck empfing der Hörer ferner von Honeggers "Danse des morts" (nach einer Dichtung Paul Claudels) für Solostimmen, Sprecher, Chor und Orchester in der Wiedergabe durch Winfried Ziljig. Eine apokalyptische Vision von erschütternder Gewalt ist dieses technisch mit raffiniertesten Effekten arbeitende Werk. Geteilter Meinung war man über die 5. Symphonie von Schostakowitsch.

Außer den modernen Russen (von Prokofieff hörte man noch die simple Violinsonate op. 94) waren auch die jungen Amerikaner wenig glücklich vertreten: Harrison Kerr mit einer primitiv-optimistisch sich gebärdenden Symphonie in einem Satz", Walter Piston mit einem in spielerischen Figuren erschöpften "Concertino für Klavier und Orchester" und Frederic Jacobi mit einer romantisch verzückten Stimmungsmusik, "Hagiographa" betitelt, die biblische Erzählungen zum Inhalt haben soll. Ein recht aufschlußreiches Bild vermittelte hingegen Dr. Heinrich Strobel, der Leiter der Musikabteilung beim Südwestfunk Baden-Baden und Herausgeber der Musikzeitschrift "Melos", von zeitgenössischer französischer Musik, die er als Ausdruck des "faire plaisir", im edelsten Sinne natürlich deutete. Das Programm verzeichnete die Namen: Ibert, Messiaen, Poulenc und Milhaud. – Als einziger englischer Komponist war Benjamin Britten mit den "Sieben Sonetten von Michelangelo", vornehm empfundener Lyrik, beteiligt. Da das Amsterdamer Streichquartett ausblieb, mußte der Vortrag seines Streichquartetts op. 25 ausfallen.

Einen großen Raum innerhalb der Musikwoche nahm die Kammermusik ein. Neben Chorliedern von Pepping und Distler wurden Proben aus dem "Klavierbuch" des Hindemithschülers Harald Genzmer, eine über formalistische Konstruktion hinaus wesentliche Musik, durch Carl Seemann geboten. Dr. Ernst Laaff (Mainz) leitete diese Kammermusikveranstaltung mit einem Vortrag über das Thema "Vom Expressionismus zur Neoklassik" ein. Der dem Schönbergkreis zugehörige Münchner Karl Amadeus Hartmann steuerte ein Streichquartett bei, dessen ganz und gar eigene phantastische Prägung an die flüchtigen Malereien eines Kandinsky erinnern mochte. Von seinem Meister Arnold Schönberg, dessen Gestalt heute bereits Geschichte ist, wurde die Kammersymphonie für 15 Soloinstrumente. das klassische symphonische Werk aus der Hochblüte des Expressionismus, aufgeführt. Bela Bartoks 6. Streichquartett, eine Arbeit aus den letzten Jahren des in den USA verstorbenen Meisters, in der ungarische Folklore verwendet ist, gehört übrigens als Produkt des sich selbst in seiner Einsamkeit überlassenen Menschen gleichfalls in diesen Bereich.

Erwähnt seien auch die Uraufführungen einiger jüngerer deutscher Komponisten, von denen nur eine Flötensonate von Wolfgang Fortner und "Lieder des Herbstes" von Winfried Zillig herausragten. Nach der deutschen Abschnürung in den letzten Jahren muß wohl erst eine gewisse Zeit vergehen. Beschämend für uns ist es jedenfalls, wenn der führende deutsche Komponist der Gegenwart, als den wir Hindemith trotz seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft wohl ansehen, dürfen, in Frankfurt erklärte, daß er niemals zuvor so begabte Schüler gehabt habe wie jetzt in Amerika. Wie kaum etwas anderes zeigt, dieses sicherlich nicht leichtsinnig geprägte Wort den Stand unserer deutschen - zeitgenössischen Musik im Hinblick auf ihre nächste Zukunft. Die Verpflichtung, die sich für uns daraus ergibt, kann nur lauten: Kreditstärkung durch intensive Pflege der zeitgenössischen Musikkräfte in richtiger Erkenntnis der großen Tradition der deutschen Musik. Ein Ausruhen auf einst erworbenen Lorbeeren können wir uns jedenfalls nicht länger leisten.

G. K. Münster