Offenbar hat es sich nun doch schon herumgesprochen, bis zu den Trägern des Verwaltungsapparates, der für die Zwangsbewirtschaftung verantwortlich zeichnet, daß "es" so nicht mehr weitergeht. Also entschließt man sich zu sogenannten Reformen. Kompensationsgeschäfte und Deputatlöhne sollen – teilweise – legalisiert und damit, wie man so schön sagt, "unter Kontrolle genommen werden". Außerdem soll das Bewirtschaftungssystem ganz allgemein vom Herstellerkontingent auf das durchlaufende Bezugsrecht umgeschaltet werden.

Es ist offenbar, weil die Situation drängte und das offene Eingeständnis eines Bankrotts des bisherigen Systems vermieden werden sollte, eine erstaunliche Energie und eine Unmenge von (leider nur verwaltungsjuristischer und nicht spezifisch wirtschaftlicher) Intelligenz in die Reformvorschläge hineingesteckt worden. Bei der Legalisierung der "grauen" Geschäfte, dem Kernstück der Neuregelung, war zudem noch die Klippe zu umschiffen, daß eine gesetzliche Regelung am doppelten Widerstande Schleswig-Holsteins und der Besatzungsmacht gescheitert war. Also hat man sich nun so geholfen, durch gemeinsame Beschlüsse für alle beteiligten Länder festzulegen, daß künftig ,,gewisse Geschäfte", kasuistisch genau bestimmt, im Kompensationswege laufen können, nach Genehmigung im Einzelfalle. Das geschah mit der Begründung, man könne "ja doch nicht alles reglementieren". Statt positiv zu sagen: "Diese und jene Kompensationsgeschäfte sind künftig legal", werden also jetzt gewisse "graue Geschäfte" im Bewirtschaftungssystem gleichsam ausgespart; sie sind nun also doch erlaubt: weil nicht mehr verboten. Diese verwaltungsrechtliche Finesse, mit der sich offenbar auch die Kieler Regierung zufriedengegeben hat, verdiente die volle Bewunderung. der Praxis. Aber leider haben die Praktiker keinen Sinn für derartige Feinheiten; sie warten auf detaillierte Anweisungen, vor allem auf die Bekanntgabe der Quoten. Daß unter gewissen, eng umrissenen Voraussetzungen, legal kompensiert werden kann, steht nunmehr fest, aber es fehlt noch die Angabe, welche Prozentsätze der Erzeugung in den einzelnen Branchen insgesamt (unter Genehmigung des Einzelgeschäfts also) den "grauen" Weg gehen dürfen.

Eine analoge Regelung für Deputate ist zu erwarten, wie man aus einer höchst beachtlichen Denkschrift erfährt, die Ministerialdirektor Dr. Kaufmann (vom Stuttgarter Wirtschaftsministerium) in Minden vorgelegt hat (abgedruckt in Nr. 70 der "Westdeutschen Wirtschaftskorrespondenz", die in Düsseldorf – Pressehaus – erscheint). Bekannt ist ja, daß mit sogenannten neuen – also nicht bereits tarifvertraglich festgelegten – Deputaten der Lohnstopp ebenso durchbrochen wird, wie durch Kompensationsgeschäfte der Preisstopp (und zugleich das Bewirtschaftungssystem). Diese Frage glaubt Dr. Kaufmann quasi ausklammern zu können. Er schildert zunächst einige Beispiele von zusätzlichen Deputaten: Ziegeleiarbeiter 1000 Ziegelsteine, Arbeiterinnen in der Glühlampenindustrie 2–3 Glühlampen, Arbeiter in einer Aluminiumwarenfabrik 2 Kochtöpfe, Gießereiarbeiter 4 kg Nägel, Spinnereiarbeiter 1 Oberhemd oder 4 Paar Socken, Tabakarbeiter 100 Zigarren oder 300 Zigaretten – das sind Monatssätze! Dr. Kaufmann fährt fort: "Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Schwarze und der Graue Markt zu einem großen Teil aus diesen Deputaten gespeist wird. Viele Arbeiter verschaffen sich dadurch ein weit über das vernünftige Maß hinausgehendes Einkommen und stören in unerträglicher Weise durch ihre Tauschgeschäfte – namentlich gegen Lebensmittel – die Versorgung der übrigen Bevölkerung, ganz abgesehen davon, daß sie von vornherein einen nicht unerheblichen Teil der gewerblichen Produktion für sich in Anspruch nehmen und so der Bevölkerung entziehen ... So wird die Lebensmittellage verschärft, wodurch ein verstärkter Bedarf nach Sachwerten, als Tauschmittel, entsteht ... Ein großes Maß von Ungerechtigkeit, eine unerhörte Härte ist in unser ganzes Wirtschaftsleben gekommen. Wer zufällig aufeiner (,,Sachwert"-) Planke sitzt, stößt unbarmherzig den weniger Glücklichen vollends ins Meer."

Das ist schon richtig und "lebensnah" gesehen. Aber fraglich, bleibt, ob der Versuch glücken kann, die Deputate in geregelte und verantwortbare Formen zu bringen. Das soll geschehen durch mengenmäßige Begrenzung ("Sachwertprämien an die Arbeiter nur so viel, wie sie zur Versorgung für sich und ihre Familie brauchen"), so daß der Graue und der Schwarze Markt nicht beschickt werden können – und durch eine ordnungsgemäße Anschreibung, also eine Buchführung über gegebene Deputate. Dergleichen wird wenig helfen.

Auch von dem Übergang zum System des durchlaufenden Bezugsrechts – dem "Rasierklingensystem", bei dem Detaillist, Großhändler und Fabrikant jeweils nur soviel "Ware" zugewiesen erhalten, wie den von ihnen in der jeweils letzten Bewirtschaftungsperiode abgelieferten Bezugsscheinen entspricht – sollte man sich nicht gar zu viel erwarten. Gegen dies System spricht seine beschränkte Anwendbarkeit: es "zieht" nur bei den relativ wenigen Waren, die rein (oder ganz überwiegend) aus einem einzigen Rohstoff hergestellt und so ohne weitere Zutaten gebrauchsfähig oder verbrauchsfertig sind. Es geht also beispielsweise bei Textilien, nicht aber bei Fahrrädern oder Autos. Da ein großer Teil der Verbrauchsgüter über Sonderkontingente läuft, woran das neue System ja nichts ändern kann, wird der "Normalverbraucher" auch nach der Reform auf Zuteilungen warten, wie bisher. Außerdem ist zu fragen, ob denn künftig der regelmäßige Wiederbezug der Rohstoffe stets gesichert sein wird. Die Unzulänglichkeit der Wirtschaftsbehörden, die Unberechenbarkeit der Planungsgrundlagen spricht gegen eine allzu optimistische Einschätzung dieser Möglichkeit. Ferner sind die Stopp-Preise ja nun einmal unzureichend (sie müssen es sein, wenn Stopp-Löhne zu zahlen sind, aber die Arbeitsleistung auf 40–60 v. H. gesunken ist – wie viel mehr aber bei legal oder illegal erhöhten Löhnen!). Einen Ausgleich kann also nur der Verkauf zu überhöhten Preisen schaffen, selbst wenn dabei überhöhte Materialkosten, für "schwarze" Roh- und Hilfsstoffe, zu zahlen sind; dafür werden ja die steuerlichen Unkosten bei solchen Geschäften "eingespart".

Wir kommen also, bei einer vom Wirtschaftlichen ausgehenden und nicht in verwaltungsrechtlichen und -technischen Kategorien hängenblei-Mühe, Denkweise, zu dem klaren Ergebnis: non liquiet – es wird nichts helfen. Gewiß ist die Mühe, die sich die Verwaltungsbürokratie gibt, um den "Bezugsscheinsozialismus" der Zwangs-Situationen, zu retten, aller Ehren wert. Aber es gibt Situationen, in denen jede Reform ein von vornherein vergebliches Beginnen bleibt, solange sie den alten Rahmen aufrecht erhält und nicht bis zu neuen Grundlagen vorstößt. Wenn Sohlen und Oberleder entzwei sind, macht ein neuer Flicken den Schuh wohl vorübergehend ein wenig "ordentlicher" – wasserdicht aber wird er davon gewiß nicht.

Hier wird, mit dem Mute der Verzweiflung, doch nur Flickwerk geschaffen. Von der Bürokratie der Warenbewirtschaftung ist auch kaum etwas anderes zu erwarten Schließlich handelt sie "nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten". Ihre Kollegen von den Preisbehörden sind offenbar schon ein Stück weiter, und auf richtigem Pfade, wenn sie empfehlen, eine allmähliche Anpassung der Preise und Löhne an die oben geschilderten Verhältnisse einzuleiten, als erste Maßnahme vor einer Geldreform, für die – sagen wir es ruhig den Besatzungsmächten! – alle notwendigen Vorbedingungen nun alsbald geschaffen werden müssen, wenn nicht mit Bewirtschaftungssysten, mit Preisen und Löhnen zugleich auch Währung, Warenversorgung, Lebensmittelzuteilung und Transportsystem über Stag gehen sollen ... E. T.