Von Hans Henny Jahnn

Die Orgel der zerstörten Hamburger Jacob-Kirche, eine Schöpfung Arp Schnitgers, war während des Krieges ihres großen musikalischen Wertes wegen ausgebaut und in Sicherheit gebracht worden. Der Ruhm ihrer edlen klanglichen Schönheit ging über Deutschlands Grenzen hinaus und war den Orgelbauern und spielern der Welt so vertrau, daß sie das Ziel weiter Reisen wurde. An diesem Vorbild entzündete sich in Deutschland die neuere Orgelbewegung, die den ungekünstelten Wohlklang der alten Instrumente wiederentdeckte. Nach ihrem gegenwärtigen Verbleib und Zustand zu fragen, ist darum keine auf Hamburg begrenzte, sondern eine öffentlich deutsche Angelegenheit. Auch regt es dazu an, nach dem Schicksal anderer berühmter deutscher Orgelwerke zu forschen. Der Dichter Hans Henny Jahnn, der den Ruf beanspruchen darf, einer der besten deutschen Orgelkenner und -bauer zu sein, nimmt in den nachstehenden Ausführungen Stellung zu der früheren, heutigen und etwa künftigen Beschaffenheit dieses bedeutenden Instrumentes, für dessen Rettung vor dem Verfall nunmehr Maßnahmen durch höheres Eltscheiden unumgänglich sind.

Ende 1946 gewährte mir der Senat der Hansestadt Einblick in einen Bericht über den Zustand der Orgel, – der meine schlimmen Befürchtungen bestätigte. Diesem Bericht zufolge sind die Orgelteile "ungeordnet" im Turmgelaß der Jacobi-Kirche eingelagert. Viele Orgelholzpfeifen sollen zerbrochen und beschädigt sein; sie müssen geleimt werden. Auch ist es fraglich, ob noch alle Einzelteile vollständig vorhanden sind; eventuell müssen Ersatzteile angefertigt werden. Da die Jacobi-Orgel nur zwei Register aus "Wagenschoß" besaß, ist leider zu vermuten, daß die "Orgelholzpfeifen" mit den Windladen identisch. sind und daß die Feuchtigkeit oder auch andere Einflüsse ihr Zerstörungswerk bis in die Zentralorgane der Orgel vorgetrieben haben; daß ferner die meisterhafte Tischlerarbeit aus spiegelgeschnittenem Eichenholz gefährdet ist.

Über die Metallpfeifen aber enthält der Bericht kein Wort, doch gerade sie machen oder machten den eigentlichen musikalischen Wert dieser Orgel aus. Einem fachmännischen Gerücht zufolge soll es mehr als arg mit diesem empfindlichsten Gut stehen. Meine genaue Kenntnis dieses wertvollsten Hamburger Instrumentes berechtigt mich, einmal anzudeuten, welche klanglichen und konstruktiven Tatsachen wirksam gewesen sind, den Weltruhm der Hamburger Orgel zu begründen, unbedeutend ist dabei das öde, schablonenhafte, niemals ganz vollendete Gesicht der Orgel, da es Hunderte von solch alten Orgelmasken gibt, die den Betrachter mit der Pracht golddurchwirkten, reichgeschnitzten Figurenwerks anstrahlen.

Die Orgel ist die zweitgrößte aus der Werkstatt des Meisters Arp Schnitger. Betrachtet man die Disposition ihres Werkes kritisch, so fällt einem vor allem die große Einförmigkeit in der harmonikalen Anordnung der Register auf, die größer ist als die in der um sechs Jahre älteren Nikolai-Orgel in Hamburg. Weder Schnitger noch Vincent Lübeck (und wir dürfen J. S. Bach getrost einschließen) haben das Bild der Disposition als Ausdrude des Tuttiklanges genommen. Sie griffen, wie es bei einer so großen Orgel natürlich war, etwa den Klangplan auf, der Antonius Lehmann bei der Einrichtung des Hauptwerks der Marienorgel in Danzig leitete: die Vorstellung, gegensätzliche Klanggruppen zu bilden, die nacheinander, nicht miteinander wirken sollten. Das recht ungewöhnlich disponierte Rückpositiv hatte im gleichen Werk der alten Jacobi-Orgel, aber auch in dem von St. Petri geradezu ein Vorbild. Der geringe Querschnitt der ursprünglichen Windkanäle liefert den eindeutigen Beweis dafür, daß die Jacobi-Orgel und ihre etwas größere Schwester das Klangmaterial nicht gleichzeitig haben zum Erklingen bringen können, ohne daß empfindliche Verstimmungen eingetreten wären. Daß sowohl Vincent Lübeck wie Arp Schnitger vom Klangbild oder wenigstens von gewissen Gruppen im Klangbild der älteren Orgeln, die sie in Hamburg vorfanden, angetan waren, wird aus der Tatsache bewiesen, daß in die Jacobi-Orgel ein großer Teil des Klanggutes aus dem älteren Instrument übernommen wurde: nicht weniger als 30 Register, gezählt nach Pfeifenreihen, von denen mehr als die Hälfte nicht der Werkstatt Schnitgers entstammen,

Als ich vor mehreren Jahrzehnten an die Durchforschung des klingenden Materials ging, stand ich vor der schweren Aufgabe, die Pfeifenreihen, ja selbst einzelne Pfeifen zu datieren. Glücklicherweise gab mir die Geschichte und das wechselvolle Schicksal des Instruments eine Fülle von Anhaltspunkten. Dennoch erwies sich später, daß meine Analyse einen Grundfehler hatte: ich war davon ausgegangen, daß sich unmöglich lebende Register vorfinden könnten, die aus einer früheren Orgel als der von 1512 stammten, dem Jahre nämlich, da große bauliche Veränderungen am Turm vorgenommen wurden und die Orgel aus dem südlichen Querschiff nach Westen gebracht worden war. Diese Platzänderung hat den inneren und äußeren Aufbau vermutlich grundlegend geändert, und die Überlieferung, daß bei St. Jacobi das Werk von achtzehn kleinen Bälgen betrieben würde, bestätigt die Annahme, daß das Werk vom Jahre 1512 ein Neubau gewesen sei,-ein spätgotisches Instrument von – beträchtlichen Dimensionen, wie sie damals keineswegs selten waren. Der Erbauer des Hauptwerkes der älteren Jacobi-Orgel stimmte sein tiefstes F, seinen Chorton, in G. Vielleicht erklärt diese Manualanlage (die sich später übrigens als verfehlt erwies, weil die Orgelkunst sich eindeutig für den Chorton C entschied) die reiche Ausgestaltung der jüngeren Nebenmanuale (Rückpositiv und Brustwerk), die beide mit je 15 Registern das innere Gewicht groß angelegter Orgeln hatten. Offenbar wurde dadurch die Anschauung der Hamburger Komponisten und auch die Schnitgers von der Funktion dieser Klaviere beeinflößt, besonders da der Klangwert der einzelnen Pfeifenreihen von den tüchtigsten Orgelbauern geprägt worden war.

Selbst diese wenigen Ausführungen lassen erkennen, welche Schwierigkeiten gegeben sind, eine alte Orgel wiederherzustellen, und daß nichts gefahrvoller ist, als an einen zufälligen Pfeifenbefund zu glauben. Fast immer sind die Voraussetzungen, unter denen die Wiederherstellung einer jahrhundertealten Orgel begonnen werden muß, sehr ungünstig. Eine verkommene Orgel hat kein Ansehen und keinen Marktwert, wie etwa ein altes Gemälde öder eine alte Violine berühmt und wertvoll werden können. Gebrauchsforderungen, Geschäftsinteressen, finanzielle Erwägungen und Mehrheitsbeschlüsse machen sich geltend. Dennoch würde schließlich der Sachverständige in Gemeinschaft mit tüchtigen Handwerkern selbst unter größten Mühen mit den alten Pfeifen fertig werden, wenn nicht diese selbst ihrer Rückführung in den ursprünglichen Zustand unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellten. Das zumeist stark bleihaltige Material hat fast immer bedeutende .molekulare Veränderungen durchgemacht, es ist häufig brüchig geworden und widersetzt sich den normalen Lötvorgängen. Der Wiederhersteller wird somit auf Schritt und Tritt vor die Frage gestellt, wieweit er die Rekonstruktion betreiben und ob er sich für das alte Material oder für den alten Klang entscheiden soll. Auf keinem Gebiete des Kunsthandwerks ist das unwissende Vertrauen der Laien so leicht zu täuschen wie im Orgelbau. Auch die Wiederherstellung alter Orgelwerke bildet darin keine Ausnahme. Darum wäre nichts verhängnisvoller, als wenn die Jacobi-Orgd als Fälschung wiedererstünde. Ich persönlich zweifle nicht daran, daß unter den Metallpfeifen allein durch das Lagern große. Verheerungen angerichtet sind. Man wird bei einer Wiederherstellung jeder einzelnen Pfeife ein Sonderurteil sprechen müssen, und dieses Urteil darf nicht durch geschäftliche Rücksichten, durch Bequemlichkeit oder Schönrederei beeinflußt werden.

Noch vor wenigen Jahren zeigte man auf der Orgelbank das Stück Leder, auf dem, der Überlieferung nach, einmal Johann Sebastian Bach gesessen haben soll. Ihn begeisterte diese Orgel. Er fand in ihren Klängen den tönenden Niederschlag seines Wollens. Ihre Trümmer oder Reste sind in Hamburg das letzte Rationale einer gewaltigen musikbewegten Zeit, in der die Orgel noch im Mittelpunkt instrumentalen Denkens stand. Wenn die Jacobi-Orgel einmal wiederhergestellt werden soll, dann darf davon nichts abgehandelt, aber auch nichts abgestümpert werden.