Mit einem Demagogen in München hat es einmal begonnen, mit einem Mann, der die dumpfen Instinkte der Masse wachtrommelte und sich selbst den Trommler nannte. Aus diesen Anfängen ist mehr entstanden, als irgendeines Menschen "Schulweisheit sich träumen" ließ: ein zweiter Weltkrieg und millionenfacher Mord und ein Folgezustand, für den die alten Namen "Not", und "Elend" hoffnungslos unzulänglich sind.

Es gibt – man kann in unserer Lage nur sagen: Gott sei Dank! – keine Geschichtswiederholungen. Und deshalb hinken die historischen Vergleiche um so stärker, je mehr man sie überspannen will. Das gilt auch für den jetzt oft gehörten Vergleich Alfred Loritz – Adolf Hitler. Aber der Schatten des "Führers" ist Warnung genug, den "Tumult um Loritz" nicht einfach als eine bayrische Lokalsensation zu belächeln; Gewiß gibt es hier viele Einzelheiten, die es schwer machen, "keine Satire zu schreiben", aber als ganzes ist diese Affäre durchaus ernst zu nehmen.

Loritz der meistgenannte Politiker Bayerns, hat jetzt kurz hintereinander seine beiden Machtpositionen als Führer der von ihm. gegründeten WAV (Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung) und als bayrischer Entnazifizierungsminister eingebüßt. Seine eigene Partei und die bayrische Regierung ließen ihn fallen. Aber Loritz ist immerhin noch Landtagsabgeordneter, und der größere Teil der Landtagsfraktion der WAV steht hinter ihm. Man kann daher noch sticht mit Bestimmtheit behaupten, daß seine Rolle ausgespielt ist. Die Zeit füreinen politischen Nachruf ist – leider – noch nicht gekommen.

Aber soviel muß heute schon gesagt werden: daß dieser Mann zu den unerwünschtesten und unerfreulichsten Erscheinungen der deutschen Innenpolitik seit Kriegsende gehört. Loritz ist ein reiner Demagoge und also ein Mann der unbedingten Unsachlichkeit. Sein Milieu ist das der lärmenden politischen Versammlung, sein einziges Ziel heißt: Mehr Stimmen für die eigene Partei. Er beschimpft alles und jeden in jenem Ton, der zu Unrecht volkstümlich genannt wird und in Wahrheit auf Massenwirkung genauestens berechnet ist. Er hat nur Anhänger und "Feinde"; etwas drittes gibt es nicht. Und gegen seine Feinde ist ihm jedes Mittel recht: die persönliche Beleidigung und Diffamierung, die Drohung mit "Enthüllungen", der rücksichtsloseste Ellbogenkampf

Loritz setzte sich für die Ausschaltung der Parteipolitik am der Verwaltung und für das Berufsbeamtentum. ein, aber, sobald er selbst Minister war, brachte er einen Parteifreund, nach dem anderen in seinem Ministerium unter. Die Partei, von der niemand weiß, warum sie sich Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung nennt, wurde seine privateste Domäne und das Ministerium eine Parteiangelegenheit. Als Entnazifizierungsmihister richtete er einen sogenannten Kontrolldienst ein, eine geheime Partei- und Privatpolizei, die angeblich die Verhältnisse in den Internierungslagern überwachen sollte. Auch die Entnazifizierung selbst war ihm vorwiegend Propagandasache. Für die Mitläufer erfand er den Namen "Hineingepreßte". Sie sollten so glimpflich wie möglich, die "Hauptschuldigen" dagegen so hart wie möglich behandelt werden. Aber wie wenig es ihm auf das Recht ankam, das zeigte sein Vorgehen gegen die Witwen der vom Nürnberger Gerichtshof zum Tode verurteilten Naziführer. Er ließ sie kurzerhand verhaften und internieren; ohne jede Rechtsbasis. Auch die Sippenhaftung war ihm als Mittel, gerade recht, weniger glaubte, sich damit populär machen zu können. Streit mit Spruchkammervorsitzenden, ständiger Krieg mit seinem der SPD angehörenden Staatssekretär, chronische Pressefehden, ungezählte Beleidigungsprozesse: die Loritz-Skandale gehören seit Monaten zum eisernen Bestand der bayrischen Politik. Die abenteuerlichsten Gerüchte kursieren über diesen Mann, zu dessen Gunsten nichts anderes spricht, als daß er als "aktive! Antifaschist" ausgewiesen ist, und ebenso über seine Hintermänner und Geldquellen.

Es ist beschämend; daß Loritz es in kurzer Zeit fertiggebracht hat, 13 v. H. der bayrischen Wähler für sich einzufangen. Es ist gleichfalls beschämend, daß man bei Bildung der bayrischen Regierung ungeschickt genug oder – schlimmer: noch – ängstlich genug war, den in der Opposition höchst unbequemen Führer der WAV in die Koalition CSU-SPD mit hineinzunehmen. Eine genaue Untersuchung der Amtsführung des entlassenen Ministers und sämtlicher Hintergründe seiner Partei erscheint dringend geboten, und es ist zu begrüßen, daß die bayrische Regierung sich endlich, unbekümmert um die Fehdeansage des Gestürzten, hierzu entschlossen hat. Die üble Mischung von Führerprinzip, Radaupolitik und Massenbetörung hat in Deutschland nichts mehr zu suchen. Wir haben ein für allemal genug davon: Fr.