Nachdem sich der Ruf nach baldiger Geldreformnunmehr recht allgemein. erhebt, scheint es an der Zeit,die Diskussion über das "Wie" zu konkretisieren. Dem Abwägen des vielseitigen Für und Wider diene auch der folgende etwas zugespitzteBeitrag.

Zweck der Geldreform ist ausschließlich die Versorgung der Wirtschaft mit einem funktionsfähigen Geld, dasdie ungehemmte Arbeitsteilung und: die Rechnung mit volkswirtschaftlich richtigen Zahlen ermöglicht. Die Schwierigkeit liegt darin, daß alles Geld nicht nur zur Arbeitsteilung, sondern auch zu Verbrauch und Festlegung (Investition) verwendet werden kann. Die Aufgabe ist, – zu verhindern, daß mit dem Geld mehr Ansprüche auf Verbrauch und Festlegung erhoben werden, als die Volkswirtschaft erfüllen kann, und zugleich zu erreichen, daß doch, die Geldversorgung. für die Zwecke des arbeitsteiligen Verkehrs ganz dessen Bedürfnissen entspricht.

In seinem Hamburger Vortrag hat Professor Sauermann, Frankfurt/Main, als vermutliche heutige Diskussionsbasis für die Geldreform die Streichung von 70 v. H. und Blockierung von weiteren 20 v. H. des Reichsmarkgeldes genannt. Zu den restlichen 10 v. H. schließt die "Wirtschaftszeitung", Stuttgart, daß sie nicht sogleich zum Umtausch in eine neue Währung frei werden. Sie stützt sich dabei auf eine Bemerkung der "New York Herald Tribune", daß erst "abschließend" (ultimately) mit der Freigabe der verbleibenden 10 v. H. zu rechnen sei.

Dieser Unterschied, 10 v. H. frei oder gesperrt (oder sonst nicht als Geld verwendbar) wird über Fehlschlag oder Gelingen der Währungsreform und damit über das Schicksal, der deutschen Wirtschaft entscheiden. Eine Geldversorgung mit 10 v. H. der Reichsmark-Bestände an Stück- – und Bankgeld würde das sichere Versagen der Geldreform herbeiführen (selbstverständlich auch in der Form der Abwertung). Diese. Behauptung steht in Widerspruch mit der gesamten öffentlichen Meinung und derMehrheit der Sachverständigen. Die These "Jede Reichsmark ist zuviel!"wird nur von einer kleinen Gruppe geteilt.

Den Warnern, die nur die Totalbeseitigung der Reichsmark als Geld (durch Konversion in eine Anleihe und/oder Blockierung, notfalls auch durch Streichung oder Kombination der drei Mittel) für wirksam erklären,wird in erster Link entgegengehalten, die Beseitigung von 90 v. H. sei ein so scharfer Eingriff, daß die verbleibenden 10 v. H. nicht mehr schaden könnten. Dieser Einwand sieht auf die Quote und nicht starr auf die Menge des Geldes. Insoweit entfernt er sich erfreulicherweise von der unheilvollen Fehldeutung der Quantitätstheorie. Grundsätzlich sieht er es für gleichgültig an, ob bei unveränderten Preisen von 100 Mrd. Reichsmarkgeld 10 Mrd. oder, ob 30 Mrd. von heutigen 300 Mrd. verbleiben, wenn nur der Grad der Kürzung so scharf ist, daß die Geldbesitzer ihr Verhalten ändern. Sie sollen mit den verbliebenen 10 v. H. – das wollen wenigstens die Einsichtigen toter den, vielen Befürwortern dieser "milden" Reform – nicht über ihr echtes Einkommen hinaus verbrauchen und festlegen. (Dieses Einkommen soll allerdings um die Zinsen auf die 10 v. H. zu Lasten der neuen Arbeitseinkommen erhöht werden.)

Dabei wird unterstellt, daß der Sparer, der bisher seine Arbeitsleistungen zurückgehalten hat, weil er die Kosten des zugeteilten Lebensbedarfsan Wohnung und Nahrung aus demGeldbestand entnehmen konnte, die ihm verbleibenden und als dauernd kaufkräftig betrachteten 10 v. H. vorläufig nicht mehr anrührt, daß der Unternehmer, der aus seinem "Geldüberhang" aufgeräumt und nach.seiner Meinung sogar aufgebaut (wahrscheinlich zum Teil fehlinvestiert) hat, künftig die 10 v. H. geldwerten Guthabens nur zum echtenGüterumlauf benutzt (also damit seine Anlagen gar nicht, seine Vorräte höchstens vorübergehend erhöht). Wenn alle Geldbesitzer sich unzweifelhaft so verhalten würden, könnte man ihnen die 10 v. H. der Reichsmarkbestände auch als neues Geld überlassen, ohne die Funktionsfähigkeit des neuen Geldes zu zerstören. Es blieben "nur" noch zwei wichtige Bedenken: die Einkommensverschiebung durch Verzinsung der Geldguthaben oder ihrer Gegenwerte und die Ungerechtigkeiten und Unzweckmäßigkeiten der heutigen Geldverteilung (auch schon für den reinen Umlauf).

Niemand kann aber wissen, ob wirklich der Besitzer von Reichsmark mit dem Augenblick der Kürzung seiner nominellen Verfügungsmöglichkeiten auf 10 v. H. sein bisheriges Verhalten so völlig umstellen wird. Alle Wahrscheinlichkeit spricht sogar dagegen. Bleibt doch die effektive Verfügungsmöglichkeit völlig unverändert, nämlich das Verhältnis der Geldansprüche untereinander. Auch wird ja von den Reformern versprachen, daß – das neue Geld kaufkräftig sei, so daß erst recht der Versuch zu erwarten ist, den angestauten Sachbedarf zu decken, ohne Rücksicht auf Zukunftsreserven in Geld. Kommt zu diesem Bedürfnis noch die nur allzu berechtigte Befürchtung, daß angesichts des Übermaßes der aus der Reichs? mark verbleibenden Kaufansprüche im Verhältnis, zur gütermäßigen Illiquidität der Volkswirtschaft, zu ihrer geringen Produktionsleistung und ihren Vorbelastungen die Erfüllung der Kaufansprüche inmer ungewisser wird, so ist nicht eine geringere Nachfrage als heute, sondern eine über jedes Maß gesteigerte Nachfrage zu erwarten und durch keine Gold- oder Devisendeckung der Verfall des neuen Geldes aufzuhalten.