Es gibt Menschen, denen möchte alles, was sie sagen, zum Kalauer werden. Ihre Hauptanstrengung gilt nicht, wie die anderen wähnen, dem Witzemachen, sondern dem Witzeunterdrücker; denn die meisten Gelegenheiten sind die sogenannten "unpassenden". Jeder Witzbold hat dies schon zu seinem Schaden erfahren müssen.

In einem solcher Anlage verwandten Sinne ist Georg Kaiser ein Autor gewesen, dem alles und jedes nun Drama wurde. Er hat über fünfzig Bühnenstücke hinterlassen. Es ist durchaus denkbar, daß er über dreitausend in sich unterdrückt hat – unähnlich jenem alten Spanier Lope de Vega, der sie sogar geschrieben hat. Ein solches Talent, ob es sich nun auf Wortwitze, auf Reimkünste oder auf Dramatisches richtet, ist immer ein Verhängnis. Was zu leicht von der Hand geht, wird selten vollkommen. Nicht umsonst haben die Götter vor das Gelingen die Mühe gestellt.

Von Hugo von Hofmannsthal, dessen "Elektra" wir eben auch wiedergesehen haben, ist bekannt, daß er große Mühe hatte, dramatische Stoffe zu finden. Daher griff er so gern auf schon bewährte Themen zurück. Georg Kaiser dürfte nie in diese Verlegenheit geraten sein. Ob er die Zeitung überflog oder aus dem Straßenbahnfenster hinaussah, ein Buch las oder die Fingernägel reinigte – unvermeidlich kam Dramatisches dabei heraus.

Mit dem letzten Zeugnis dieses Nichtanderskönnens, das etwas von Segen, immer aber auch von Fluch an sich hat, machte das Bayrische Staatsschauspiel soeben bekannt. Im Programmheft wird "Der Soldat Tanaka Kaisers "Vermächtnis an uns genannt und dem Stück unter anderem die "makellose dramaturgische Struktur" sowie "unlyrische Sachlichkeit" nachgerühmt. Es ist das Recht, vielleicht sogar der Lebenszweck der Programmhefte, kühler Kritik durch desto wärmeres Verständnis zuvorzukommen. Indessen wird man es, hoffe ich, nicht unbescheiden finden, wenn ich sage, warum mir solche Weiheworte wie "Vermächtnis" hier zu hoch gegriffen erscheinen. "Sachlichkeit" gut, das läßt sich einräumen und mit den Hinweis auf die "dramaturgische Struktur" verbinden. In der Tat ähneln Kaisers Schauspiele den kühl-strukturierten – Bildwerken der "Neuen Sachlichkeit" am meisten. Ihre "Unlyrik" hervorheben heißt jedoch: einen Pfirsich dafür bewundern, daß er so gar nichts von Kokosnuß an sich habe. Vollends dem Wort "makellose" dramaturgische Struktur müßte ich die Gefolgschaft weigern. Ich will versuchen, klarzumachen, warum.

Am "Griff" nach dem Thema liegt es nicht; ihn hat Kaiser wie stets mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit getan. Der japanische Soldat Tanaka, auf Urlaub heimkehrend, um dem Freunde die Schwester zu freien, findet sie nicht vor. Angeblich arbeitet sie bei einem Bauern im Gebirge. In Wahrheit haben die Eltern, arme Reisbauern, sie in ein Bordell verkauft. Dort findet Tanaka, sehr zufällig sie wieder und ersticht sie, als er sie einem Unteroffizier überlassen soll, und den Unteroffizier ebenfalls. Des Mordes an diesem wegen wird er vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und, da er – statt des Kaisers Gnade durch eine Entschuldigung zu erbitten – fordert, der Kaiser solle sich bei ihm entschuldigen, hingerichtet. Was nötigt uns, dieser so klaren Konstruktion die dramaturgische Makellosigkeit abzusprechen? Zweierlei: Statt zu Beginn erfährt der Zuschauer erst im zweiten Akt, was mit der Schwester geschehen ist. Im dritten, hingegen, wo wir längst wissen, weshalb der Bruder gemordet hat, wird der Zuschauer dadurch auf eine fast unerträgliche Geduldsprobe – gestellt, daß er es dem Richter durchaus nicht sagen will. Mehr als der erste Verstoß gegen die dramaturgische Spannung (der nur durch Ahnenlassen gemildert ist) hat der ihm entgegengesetzte zweite etwas mit jenem "Denkspiel" in tun, das als Kaisers Besonderheit gilt. Denn erst im tendenziös – zugespitzten Schlußakt tritt zutage, weshalb Kaiser die Figuren dieses Spiels in Bewegung setzt: um für die Menschenwürde auch des armen Mannes gegen den gefräßigen militärischen Imperialismus zu demonstrieren Nicht dies Ziel so edel wie irgendeines, lediglich die kahl schablonisierende, kaum je ans Herz greifende Weise des Autors lassen auch hier wieder das "Denkspiel" eher als eine persönliche Not, denn als etwas Vermächtniswürdiges erscheinen. Daß uns der veritable Sieg des Konstrukteurs über den Gestalter aus "karger Schaulust zu glückvoller Denklust" zu ziehen vermöchte, wird daher immer fraglich bleiben.

Heinz Leo Fischers Inszenierung wahrte eine glückliche Mitte zwischen unserem europäischen Empfinden und der japanischen zeremoniösen Gebärdensprache; auch die Bühnenbilder von Johannes Waltz wurden dem Fortschreiten der Handlung vom Stimmungsvoll-Ungewissen zur glasklaren Entscheidung und entschiedenen Hoffnungslosigkeit gar sehr gerecht. Die auf dem Schachbrett des Kaiserschen Kalküls bewegten Figuren fanden sich, soweit möglich, vermenschlicht: Tanaka insbesondere, von Alois M. Giani frisch dargestellt, hielt unsere Teilnahme fest, ungeachtet der fast ärgerlich überzogenen Kopfhängerszene im dritten Akt. Auch Mariethereses Angerpointner ließ menschliche Qualitäten ahnen, mehr als die Rolle der armen Schwester Joshiko zu entfalten gestattete. Charlotte Krüger brachte die überschminkte Brutalität der Blumenhauswirtin gut zum Ausdruck, Rudolf Vogel ebenso das Undurchdringliche des japanischen Offiziers, dessen Komment durch den Gott-Kaiser-Kult bestimmt wird. Bei der Premiere bezeigte ein Teil der Zuschauer vorübergehend Lust, sich durch Ironie zu salvieren. Wovor? Es scheint, daß die Wonnen des Spieldenkers, wie Kaiser einer ist, indem sie das Herz leer lassen, auch wieder jene kalten Reaktionen begünstigen, die im Kopf daheim sind. Auch Sachlichkeit wirkt eben mitunter als "verkehrte" (weil in ihrem Besten verkürzte) Welt. Hanns Braun