Von Beda Prilipp

Der Europäer trachtet mit dem in Tiefe und Ferne dringenden Verstand das – Geheimnis jenseits der Grenzen zu durchdringen. Den Entdeckern und Eroberern, die von den Schwellen unserer Meere her ansetzten um sich die Fremde zu eigen zu machen, geschah es dabei, daß ihnen auch das Weltbild der anderen Hemisphäre, gespiegelt in den Menschenhirnen anderer Prägung, als ein vollkommen neues gegenüberstand, eine Erfahrung, die die europäischen. Völker besonders dann machten, wenn sie bei ihrem Vorstoß nach Osten nicht primitiven Kulturen, sondern uralten Traditionen begegneten. Die religiösen Formen, in denen sich esoterische Weisheit seltsam mit einer geradezu barbarischen Mißachtung von Leben und Tod mischt, lassen besonders in den führenden Schichten jener Völker Charaktere wachsen, die in den letzten Motiven ihres Handelns dem Abendländer oft unbegreiflich bleiben, besonders wenn sie aus der Berührung mit unserer Kultur gewisse Äußerlichkeiten übernehmen.

Die gewaltsam gespannten Verknüpfungen des Krieges haben uns einige jener rätselhaften Gestalten greifbar nahe gebracht, freilich ohne das Geheimnis ihrer Verwurzelung im Urboden des Ostens jemals ganz zu lüften, das letzten Endes in der Nichtanerkennung unserer ethischen Normen liegt und im Menschen nur ausnahmsweise das Mitgeschöpf, fast stets aber nur das Mittel zum Zweck sieht. Eine solche Persönlichkeit ist der chinesische General Tai-Li, der in der Entscheidung des Krieges zwischen Amerika und Japan eine wichtige Rolle spielte – ein Mann von erstaunlichen Fähigkeiten und widerspruchsvollen Neigungen, ein Mann mit vielen Ämtern, unter denen am bedeutsamsten das des Chefs der chinesischen Geheimpolizei ist. Einige nennen ihn den "chinesischen Himmler", die meisten, die seinen Namen nicht kennen, sprechen von ihm als von dem "Meisterspion" Chinas.

Tai-Li ist gewiß eine der geheimnisvollsten Persönlichkeiten dieses Krieges. Nur wenige haben ihn gesehen. Viele Jahre hindurch hat er um sich die Frage zu verbreiten gewußt, ob er wirklich vorhanden oder nur ein Name sei. Sein Alter, sein Vorleben sind meist unbekannt, auch ob er Frau und Kinder hat. Die schönen Mädchen, die man bei seinen Gastereien sieht, scheinen zu seinem Haushalt zu gehören, aber keiner weiß sicher, ob sie seine Geheimagentinnen oder seine Geliebten sind. Er behauptet, für Tschiangkaischek ohne Gehalt zu arbeiten, was den Ursprung seines Privatvermögens noch geheimnisvoller macht. Er hat Häuser und Verstecke in ganz China, und seine Reisen und sein Aufenthalt bleiben stets geheim. Ein ihm sehr getreuer alter chinesischer Diener kauft für ihn ein, kocht und kostet seine Speisen – sogar bei den Besuchen Tai-Lis in der amerikanischen Botschaft. Er ist unzählige Male totgesagt worden, aber auch, wenn seine nächste Umgebung ermordet wurde, ist er stets entkommen.

Als die amerikanische Flotte den japanischen Inseln näherrückte und der Küstenkrieg und das Ziel der Landung bestimmte’ Formen annahmen, stieß man auf Hemmungen und Widerstände, die zunächst nicht erklärlich schienen. Unter anderem verschwanden Waffen und Gepäck, um erst nach beträchtlichen Verzögerungen wieder zum Vorschein zu kommen. Schließlich wurde von leitenden Marineoffizieren ein Zusammentreffen mit dem untersetzten dunkelhaarigen General, der mehr einem Romanen als einem Chinesen gleicht, arrangiert, und aus der Unterredung wurde ein förmlicher Vertrag. Von nun an ging alles glatt für die Amerikaner, denn Tai-Li’s Macht reichte so weit, daß es den Menschen des Westens vorkam, als ob sie einen spannenden Roman erlebten. C. Lester Walker, der in Harper’s Magazine über diese spannende Episode plaudert, schätzt die Zahl der Agenten Tai-Li’s auf 180 000, die nicht nur in den kriegführenden Gebieten Chinas, sondern über die Inseln und Reiche des Pazifischen Ozeans verstreut sind und als Kulis, Fischer oder Händler tagsüber arbeiten, in den Nächten aber pünktlich ihre genauen Berichte dem Hauptquartier zugehen lassen. Fortan klappten die Wetterberichte für die amerikanische Luftwaffe und Marine wie noch nie. Die von den Fachleuten der Staaten angelernten Chinesen verstreuten sich über das von den Japanern besetzte Gebiet, versteckten ihre Ausrüstung unter Reishaufen, richteten. Wetterstationen ein und berichteten einer von Tai-Li bei Tschunking errichteten Wetterzentrale aus Saigon, Singapore, Bangkok, Rangoon, Formosa und Guam – damals noch sämtlich in japanischer Hand –, so daß, als der Kampfverband 58 seine 1500 Flugzeuge losschickte, die Träger bis auf 60 Meilen an ihre Ziele herankommen konnten; denn auch aus dem inneren China war der Grad der schützenden Bewölkung für die Fliegerangriffe gemeldet worden. Gleichzeitig saßen an der vom Feinde gehaltenen Küste Vier-Mann-Gruppen von Tai-Li-Beobachtern und Amerikanern, die jedes vorbeifahrende Schiff aufspürten. Dann kamen die "Fliegenden Tiger" und bombardierten es. Als den Japanern diese Binnengewässer zu gefährlich wurden, versuchten sie, aus dem Bereich der Bomber, zu gelangen. Die Küstenbeobachter berichteten die Änderung der Taktik, und die amerikanischen U-Boote (für die das Binnenwasser zu flach war) wurden vom Hauptquartier in Tschungking umdirigiert. Auf diese Art wurde ein Verband von 11 japanischen Schiffen nach Foutschu von scheinbar harmlosen Chinesen, die Fische verkauften, verraten und durch über Wasser fahrende U-Boote versenkt.Desgleichen hatte Tai-Li chinesische Piraten in seine Dienste, genommen und sie in zwei große Gruppen eingeteilt. Sie waren seit langer Zeit ausgezeichnet ausgebildet und versahen die Bewachung der Küsten von Schanghai bis Foutschu und von Foutschu bis Amoy. Als Überbringer frischen Proviants kamen sie an Bord der japanischen Schiffe und brachten wertvolle Nachrichten mit. Gleichzeitig wurden japanische Patrouillen in Hinterhaltegelockt, Nachschubzüge und Brücken gesprengt, Eisenbahnen und Telegrafen zerstört.

Bei all diesen Vorteilen für ihre Kriegführung entdeckten die Amerikaner sehr bald, daß auch sie selbst bespitzelt wurden. Die bei den US-Truppen beschäftigten Diener und Laufjungen entpuppten sich als Tai-Li-Agenten; falls sie’s nicht waren, versuchte Tai-Li ihre Entlassung durchzusetzen. Ertappte Diebe wurden zwar Tai-Li zur Bestrafung übergeben und danach ihre Erschießung mitgeteilt, aber ein paar Monate später gesund und munter anderswo in China vorgefunden. Die Chinesen beschafften jeden fehlenden Ersatzteil, selbst Autoreifen, die in Tokio hergestellt waren, und sie wußten auch genau, daß! der Kommodore eine allergische Empfindlichkeit gegen Kükenfleisch hatte. Bei einem Essen, zu dem Tai-Li einlud, wurde es nicht serviert. Über die Breite des Weltmeeres reichte die mächtige Hand des "Boß", der in der Geheimorganisation der Chinesen viertel in den Großstädten der Vereinigten Staaten ebenso seine Agenten hatte, wie im Kaiserpalast zu Tokio.

Chinesen werden schweigsam, wenn man nach Tai-Li fragt. Das chinesische "Wer ist’s?" gibt als seine Vaterstadt Tschekiang, aber kein Geburtsjahr an; dann heißt es, daß er die Militärakademie in Kanton besucht habe. Dort soll er seine Talente zum Spion bereits entwickelt haben. Der Gründer und Kommandant nämlich war ein junger Chinese namens Tschiang, der später in der ganzen Welt bekannt wurde. Der Student Tai-Li verehrte seinen Kommandanten außerordentlich und wurde sein geheimer Beobachter der kommunistischen Bewegung unter der Studentenschaft, zu welchem Zweck er in die Partei eintrat. Eines Tages lieferte er 75 Mitglieder an Tschiang aus Und legte damit den Grund zu dem giftigen Mißtrauen, das die Kommunisten seither stets gegen Tai-Li gehegt haben. Sein Treugelöbnis für Tschiang hat er unverbrüchlich gehalten. Der schickte ihn sodann nach Nordchina, um im besten Stil der fünften Kolonne den Truppen den Weg zu bereiten, was gelang. 1932 war er gleichzeitig Chef der Nationalen Polizeischule und König der Blauhemden,einer Unterweltgruppe von Schanghai-Gangstern, die sich auf Erpressung und Menschenraub spezialisierte. Diese Truppe bildete eine Art Leibwache für Tschiang obwohl die Nanking-Regierung ihre Existenz feierlich ableugnete. 1933 Verschwand sie denn auch, weil an ihrer Stelle die BIS entstand (BIS-Zentralbüro für Nachforschungen und Statistik-Geheimpolizei).