Als wir Noa-Raki anliefen – auf den alten Karten Norojehl genannt und nach Ansicht unseres. Kapitäns noch immer das Herz der Südsee im eigentlichen und hergebrachten Sinne –, in diesem Augenblick erwartete, ich alles andere eher, als den schwedischen Maler Dag Sjöström anzutreffen, einen mir nicht besonders sympathischen Menschen, den ich von Paris her kannte. Er war, wie er mir sogleich verkündete, damit beschäftigt, die Wirkung von Gemälden der impressionistischen Schule auf Eingeborene zu untersuchen und ein Buch darüber, zu schreiben. Studienobjekt war ihm zur Zeit eine junge Dame von Rang, die Tochter Hermabundas, des Häuptlings von Noa-Raki, Duissa mit Namen. Herr Sjöström entschloß sich, die günstige Gelegenheit zu nützen und die Insel an Bord unseres Dampfers zu verlassen: Er bat mich, ihn auf seinem Abschiedsbesuch in der Residenz zu begleiten.

Wir saßen also Hermabunda gegenüber, und es würde ein unbeschreiblich elender Kaffee serviert. Dazu atmeten wir die fauligen, korrumpierten Dünste ein, die Hermabundas Holz- und Wellblechpalastwie eine schmutzige, ungesunde Gloriole umschwebten. Hermabunda war einer jener flachgesichtigen Gewaltherrscher: ein Gauner ohne Skrupel, aber auch ohne Zynismus. Konsequenter Geiz und unbeirrbare Gier verbanden sich bei ihm mit einer lässigen Liebenswürdigkeit des Auftretens, die ans Bohemehafte grenzte und seinen Unverschämtheiten den Anschein amüsanter Originalität verlieh.

"Zeig dem Herrn das bunte Buch", ordnete der Herrscher an. Duissa, groß, schlank, federnde Anmut und junge Kraft, ging gehorsam und kehrte mit einer Mappe von ziemlich großem Format, in silberglänzendem Einband zurück. Ich las den Titel "Meisterwerke französischer Impressionisten". Man darf mir glauben, daß ich einigermaßen verblüfft; war. So etwas mitten im Dschungel, in derverrotteten Residenz -Hermabundas, zehntausend Kilometer von Paris!

Wie im lichten Mattsilber des Umschlags, war auch im ganzen, durch die Anordnung des großen Drucks und die zartgraue Tönung des Papiers, der Eindruck des Hellen, Durchsonnten, Heiteren und doch zugleich zuchtvoll Gemäßigten offensichtlich angestrebt. Die jeweils nur an einer Schmalseite zwanglos angeklebten Reproduktionen zeigten: Degas "Tänzerinnen in Blau", ein paar der Landschaften von Monet, Manets amouröses "Treibhaus", Courbets- und Pissaros Altmeisterlichkeit und schließlich auch einen Renoir: "Vertrauliches Gespräch".

Die Tochter Hermabundas hatte mit vielversprechender Geschmeidigkeit an meiner Seite Platz genommen. ich mußte mir gestehen, sie war, wie alles in selbstverständlicher Eigenart Vollendete, schön. Auf eine primitiv-edle, stolze und wilde Art schön, mit einem unbeschreiblich reizvollen Einschlag verborgener Gefährlichkeit. Ein Meisterwerk ihrer Rasse. Indem sie auf den Renoir mit den beiden Mädchen deutete, erklärte Sie, dies seien ihre Lieblinge. Zwei Freundinnen in freiem Licht und engem, zartem Nebeneinander, gesellig umschlungen. Die eine, Sprechende, ist ein bei aller Jugend in sich geschlossener Charakter von bewußtenGespanntheit, dunklen Blickes, werbend eindringlich,, überredend, zärtlich. Die andere, Lauschende, in gelöst ruhender, aufmerksamer Sammlung, hat das Gesicht der Freundin zugewandt in einer Art, die ein Gefühl großer Harmonie auszudrücken scheint. Und das, glaube ich, ist der Reiz dieses in mehr als einer Hinsicht merkwürdigen Bildes, den ich immer wieder empfinde, so oft ich es betrachte: die innere Bindung im Nebeneinander, in jener zarten Nähe des Gefühls, dehnt sich auch auf den Beschauer aus. So tiefsinnig und feierlich machte mich Renoir Für eine Weile vergaß ich sogar den Urwald von Noa-Raki, obwohl ich mitten! in ihm saß, in seinem finsteren Herzen sozusagen; in Hermabundas Residenz. Und als ich, mit stärkerem Bewußtsein der gegenwärtigen Situation, die kleine farbige Nachbildung des Renoirschen Bildes in Duissas silberner Mappe noch einmal betrachtete, schien sich mir in den zarten Pastellgesichtern der beiden kunstreichen Mädchen, wie in ihrer Art, sich zu halten und zu berühren, eine weibliche Grazie auszudrücken, die als kostbarster und reizvollster Bestandteil ihrer Jugend gleichsam mit ihnen auf die Welt gekommen ist und die andere Frauen nur für den hohen und furchtbaren Preis ihrer Jugend in ungezählten Hingaben allzu spät erwerben können, wenn sie, ohne Verhältnis zur äußeren Erscheinung, von keiner lebendigen Bedeutung mehr ist!

"Zuerst", sagte Duissa mit einem lächelnden: Blick zu Sjöström hinüber, "zuerst konnte. ich nichts sehen – Papier – so viele Farben – zu klein alles – kleine Köpfe. Aber er zeigte sie mir, immer wieder, und endlich sah ich sie – und dann tat mir so leid, daß kein Hauch aus ihrem Mund kam. Sie haben sich gern. Schwestern, nicht wahr? Eine ganze. Zeit war ich traurig, daß sie nicht lebendig wurden, wenn ich sie küssen wollte. Aber Dag sagt, sie sind lebendig, und ich glaube, es ihm. Ich dachte, im Land der Weißen müßte die Sonne immer schlafen, Dunkelheit sein und grauer Himmel, aber diese beiden halben Mädchen – in so viel Sonne – so helles Licht –"

Es hatte etwas Rührendes, wie eigenes Empfinden und von ihrem Lehrer vertrauensvoll übernommene Redewendungen durcheinandergingen. Übrigens hatte Sjöström, während sie sprach, einen etwas verlegenen Eindruck gemacht. Einige Male hatte er sogar versucht, sie durch ein ungeduldiges "Na also" und "Gut denn" zu unterbrechen, aber ich hatte es nicht unterlassen können, Duissa dann jedesmal durch Fragen zu weiterem Erzählen anzuregen. Der alte Hermabunda saß grinsend dabei; sogar der Glanz seines blanken, völlig kahlen Schädels, schwarz wie polierte Kohle, schien etwas Grinsendes zu haben.