Prieslley-Aufführung in Bremen

Somerset Maughams Worte: "Der Egoismus des Menschen läßt nicht zu, daß er das Leben in seiner Nichtigkeit erkennt", könnten auch über dem neuesten Schauspiel des Engländers John B. Priestley stehen, das die Bremer Kammerspiele als erste deutsche Bühne in der ausgezeichneten Inszenierung Kurt Strehlens zur Aufführung brachte. Nachdem viele Bühnen des Dichters "Fremde Stadt" zur Diskussion stellten, jenes Stück, das visionserfüllt die Möglichkeiten zu organischer Gemeinschaftsform, wenn auch in Ansätzen, aufzeigte, fordert hier ein "neuer" Priestley, der in seiner Entwicklung nicht verharrte, zur Untersuchung dieser Möglichkeiten auf. War "Die fremde Stadt" noch verhaftet in der reinen Typologie einiger ziellos erscheinender Zeitgenossen, so wird hier ein klarer Weg gezeigt aus der gemeinsamen Schuld am Tode einer jungen Fabrikarbeiterin in den zwanziger Jahren zu dem erschütternden Wissen "umeinander",

"Wir sind für einander verantwortlich", läßt Priestley seinen Inspektor (Gert Westphal) mahnen, – "und die Zeit wird kommen, in der die Menschen das lernen werden, es unter Feuer und Blut und Tränen lernen werden." Zug um Zug entreißt der Dichter seinen Gestalten die Maske gesellschaftlicher Scheinheiligkeit und bürgerlicher Moral, grausam, fast brutal zu nennen. So daß sich die Frage aufdrängt: warum spielt dieses Stück nicht in den Tagen unserer Gegenwart? Anklage und Neuordnung des verlorenen Menschenbildes – das ist ja Inhalt und Programm Priestleys, der, um einige Nuancen ernster als Shaw, die große Krise unserer säkularen Wende zeigt, die in uns selbst, liegt. –

Aber nicht nur inhaltlich wirkt dieses bedeutsame Werk richtungweisend, sondern auch formal stellt es ein Lehrstück modernster Dramaturgie dar. Pausenlos rollen drei messerscharf aufeinandergebaute, mathematisch abgezirkelte, lückenlose Akte ab, ohne Infinitesimalrechnung mit Metaphysik zu verwechseln.

Das Premierenpublikum dankte der vorzüglichen Ensembleleistung, ohne das Werk in aller Tiefe würdigen zu, können. Aber die Worte klangen nach: "Wir müssen wieder von vorn anfangen! Wir müssen uns kennenlernen!" Kurt Reuter