Ein wirkliches Abenteuer unserer Tage

Ein Abenteuer, das als eines der größten unserer Tage von sechs jungen Skandinaviern unternommen wird, darf nicht erwarten, nach seinem Abschluß sehr schnell einen Platz in der Literatur der Gegenwart zu erhalten. Es ist ein Abenteuer, das nicht dem "Selbstzweck", sondern dem Beweis für die bisher nur theoretische Meinung dient, daß die Bevölkerung der Marquesa-Gruppe in Polynesien ursprünglich auf die gleiche Weise aus Peru, dem Lande der Inkas, gekommen sei, wie jene sechs Männer, die sich jetzt seit mehr als zwei Monaten auf einem Floß durch die äquatorialen Strömungen des Pazifischen Ozeans treiben lassen. Sie werden dabei eine Entfernung von etwa 4000 englischen Seemeilen, zurück legen müssen und hoffen, nach fünf Monaten Fahrt ihr Ziel zu erreichen. Thor Heyerdahl, ein 32jähriger Ethnologe und Mitglied der norwegischen Widerstandsbewegung während des Krieges, ist der Leiter dieser seltsamen Expedition.

Das rohe Floß aus Balsaholz, das nach dem Sonnengott der alten Peruaner und Polynesier den Namen "Kon Tiki" trägt, wurde von den Expeditionsteilnehmern soweit als möglich den Floßkonstruktionen, wie man sie vor Jahrhunderten

hatte, nachgebaut: Weder Nägel noch Pflöcke wurden beim Bau verwendet. Peruanische Taue halten die palao de balsa und Bambusstäbe zusammen. Ein kleines rechteckiges Segel dient als einziges Antriebsmittel, und auch dieses kann nur bei rückwärtigem Wind benutzt werden. Das Floß ist fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit; es wiegt fünfzehn Tonnen und wird fast die ganze Zeit auf den Humboldtstrom und andere äquatoriale Strömungen angewiesen sein, die es über Tausende von Meilen offenen Meeres vorwärtstreiben müssen. Die "Tiki" ist mit den neuesten Errungenschaften der Technik ausgestattet, die ihrer Besatzung das Leben etwas bequemer gestalten sollen: mit einem Schlauchboot für etwaige Unglücksfälle, mit einem Destillierapparat zur Bereitung von Trinkwasser aus Meerwasser, mit zwei wasserdichten Sendegeraten und einem Empfangsapparat. Die Männer tragen besondere Kleidung zum Schutz gegen die Gischt der pazifischen Stürme. Ihre Nahrungsmittelvorräte enthalten Vitamine gegen Beriberi und besondere eiserne Rationen. Sie haben Ballons für die Antennenanlage ihrer Funkgeräte und das gesamte Navigationszubehör und sind mit Geräten für meteorologische Beobachtungen und zum Studium der Strömungen und der Meeresfauna ausgestattet.

Das schlechte Wetter, mit dem die Besatzung auf dieser langen Reise fast mit Sicherheit zu rechnen haben wird, dürfte eine schwere Beanspruchung für die Taue, die die Balsastämme zusammenhalten, bedeuten. Sollte das Flöß auseinanderbersten, so bleibt den sechs Männern nur noch das Schlauchboot. Sollten die Sturzseen eines plötzlichen Sturmes ihre Nahrungsmittel und Geräte wegschwemmen, so dürfte ihre Lage mit ziemlicher Sicherheit hoffnungslos sein.

Der junge Heyerdahl war schon einmal auf den Marquesas. Er folgte damals den Spuren Stevensons, Louis Beckes, Herman Melvillés, Alain Gerbaults und Jade Londons und war wie sie gefangen von dem Zauber der Farben und der Schönheit der Insel. Er war im Gegensatz zu anderen Ethnologen nicht der Ansicht, daß die Polynesier in riesigen Kanus über die Isla de Pascua und Joan Fernandez nach Peru gekommen seien. Seine Theorie, die er jetzt beweisen will, ist vielmehr die, daß ein peruanischer Stamm aus der Hochebene des Titicacasees nach der Südsee auswanderte und heute die weite Fläche der Koralleninseln bevölkert.

Jene Einwohner der Marquesas, oder jedenfalls das, was nach den Eingriffen der heutigen Zivilisation noch von ihnen übriggeblieben ist, sind die Wikinger des Pazifiks. Sicher ist, daß sie einstmals Kannibalen waren, und ebenso sicher ist es, daß der Kindesmord bei ihnen üblich war. Aber sie sind großartig in ihrer stolzen Haltung und ihrem prachtvollen Körperbau... Ihre Liebenswürdigkeit und ihre stolze Haltung – es ist eine Sitte der Marquesas, dem Vorübergehenden "iroana" ("ich grüße dich") zuzurufen – waren es, die Paul Gauguin veranlaßten, mit fünfunddreißig Jahren sein Geschäft, seine Frau und fünf Kinder zu verlassen und nach der Südsee zu reisen, um den Rest seines Lebens, der Malerei zu widmen.