Ueber die Jugend, wird oft gesprochen, zur Jugend seltener, mit der Jugend am seltensten. Die "Internationale Jugendkundgebung" in München, veranstaltet von der Wochenzeitung "Echo der Woche" und dem "Bayrischen Jugendring", stand im Zeichen des Gesprächs. Um ein Gespräch handelte es sich nicht allein bei der offiziellen Eröffnung in der Aula der Münchener Universität; es setzte sich fort in Jugendheimen in Berchtesgaden, Garmisch und am Starnberger See. Und das Beste daran war, daß aus zahlreichen Ländern Männer, gekommen, waren, um zu und mit der Jugend Deutschlands zu sprechen, mit ihr Fühlung zu nehmen.

Wir sind in Gefahr, zu einem Gettovolk zu werden. Das bedroht die Jungen weit stärker, als die Alten, die immerhin Erinnerungen an Zeiten bewahren, in denen die Deutschen als Volk unter Völkern lebten. Die jüngere Generation weiß um die Sterilität aller Autarkien, auch der geistigen, ob sie nun "Jugend unter sich" heißen mögen oder "Volk für sich". Solange eine Auslandsreise – trotz; Einladung und bereitgestellten Devisen – für Deutsche den Seltenheitswert eines Großen Loses hat, solange ein in der Schweiz erschienenes Buch über Deutschland, und besonders über das andere Deutschland", bei uns eine Rarität ist, muß der Kontakt notleidend bleiben. Um so lebhafter ist es zu begrüßen, wenn ausländische Freunde den Weg zu uns und gerade zu den Jungen unter uns finden. –

Die wirklichen Freunde sind die besten Lehrmeister, weil sie sich am wenigsten als Lehrmeister gebärden. Und wenn sie aus dem Ausland zur Jugend kommen, so zeigen sie schon dadurch, daß die Sorge um die Zukunft ein stärkerer Antrieb für sie ist als das ewige Hadern mit der Vergangenheit. Die Worte, die man in München hörte, waren, an junge Deutsche gerichtet, aber sie konnten zugleich als Leitfaden zur Umerziehung der Umerziehen dienen. Sie lieferten den Beweis, daß Freundschaft, Güte und liebevolle Weisheit Wirksamere Mittel sind als der selbstgerecht erhobene Zeigefinger und das unfreie Ressentiment. In diesem schönen Geist sprachen der Franzose André Gide, der Engländer Brailsford, der Holländer Jef Last, die Schweizer Olgiati und Thürer und manche andere. Und auch Männer des Widerstandes, Männer, die in deutschen Konzentrationslagern gelitten hatten, äußerten sich ohne Haß. als gute Nachbarn; als verstehende Und verständigungsbereite Freunde,

Die ewig reizvolle Mannigfaltigkeit des Abendlandes zeigte sich den jungen Deutschen in einem höchst lebendigen Anschauungsunterricht. André Gide riet – sehr französisch – zur Ironie als einer Haltung der Selbstbefreiung, der fruchtbaren Ichüberwindung Brailsford machte – sehr englisch – praktische Vorschläge zu einer die Welt sichernden Commonwealth-Ordnung. Und es war besonders Eindrucksvoll, als lef Last auf den Wert eigener Aktivität. hinwies, auf jene "glühende Begeisterung", die die Holländer, dem Hunger zum Trotz, in den Jahren der Besatzung erfüllt, hatte.

Auch junge Deutsche sprachen. Sie hatten – wie könnte es anders. sein! – nichts Fertiges und Gereiftes zu bieten, weder im Inhalt noch in der Form. Aber viel guter Wille war zu spüren. Und immer Wieder zeigte sich jene die Besten unserer jungen Generation kennzeichnende Haltung eines aufgeschlossenen und aktiven Wartens und Erwartens. Sie wird von denen, die den Kontakt mit den Jüngeren nicht finden, allzuoft mißdeutet als ein nihilistischer Skeptizismus. Aber die Hellhörigkeit für unechte Töne, für jeden falschen Zungenschlag beweist gerade, wie sehr diese jungen Menschen nach den Werten hinter den Fassaden auf der Suche sind, wie sehr sie mit dem, was sie ablehnen, ahnend andeuten, in welcher Richtung das Gesuchte liegt.

Jedes Gespräch, das diesem aktiven Warten der Jungen ein Stück Weges entgegenkommt, ist wertvoll für die deutsche Zukunft. Das gilt für München und die "Internationale Jugendkundgebung"; das gilt, überall. in Deutschland. An der Hamburger Universität hielt kürzlich Erich Heller aus Cambridge einen Vortragszyklus über Strömungen in der modernen Dichtung mit anschließenden Diskussionen. Die Resonanz, die er bei der Studentenschaft Hamburgs fand, war ganz außergewöhnlich stark. Das lag nicht einfach am Stoff. Hier half ein Freund, Fragen der deutschen Gegenwart in ihrer besonderen Tiefenlage näherzukommen, vor allem ethischen Fragen. Erich Heller würde gefragt, ob ihn das Interesse an Deutschland hierher geführt hätte. Er zögerte ein wenig und sagte dann: "Interesse? Das ist wohl ein etwas kühles Wort." Das richtige, das wärmere Wort heißt: Liebe. Das Gespräch mit der jungen Generation – das internationale und das innerdeutsche – wird immer nur fruchtbar sein, wpnn zum Wissen und Interesse, der Älteren dieses Dritte, die liebevolle Freundschaft, hinzukommt. Fr.