In Afrika bereitet sich eine umwälzende Neugestaltungvor, die für die gesamte europäische Wirtschaft von größtem Interesse ist. Anfang dieses Jahres hat die Labour-Regierung ein umfangreiches Projekt mit voraussichtlich 25 Mill. Pfund Kostenaufwand für die Anlage von Erdnußplantagen im früheren Deutsch-Ostafrika in Angriff genommen. Inzwischen ist für weitere Erschließungsarbeiten in Afrika eine koloniale Entwicklungsgesellschaft mit dem beachtlichen Kapital von 100 Mill. Pfund gegründet worden. Diese Pläne erstreben nicht nur die Sicherung neuer, Ernährungs- und Rohstoffquellen für Großbritannien, sondern bilden zugleich ein Faktum ersten Ranges für die Wirtschaftsgestaltung Europas. Es ist kein Zufall, daß Afrikas Möglichkeiten eine wichtige Rolle in dem Diskussionsvorschlag "Rettung Europas" spielen, den der "Observer" unter Mitwirkung des Statistischen Institutes in Oxford und beraten von drei führenden wirtschaftspolitischen Fachleuten, nämlich Lord Beveridge, Sir Arthur Salter und Sir George Schuster, ausgearbeitet hat. In diesem Plan heißt es, falls das östliche Europa außerhalb der vom amerikanischen Außenminister Marshall angeregten Einheit Europas zur wirtschaftlichen Selbsthilfe bleiben sollte – und diesen Fall hat das Nein Molotows in Paris geschaffen –, müßten die größten Kapitalinvestitionen zur Hebung der Lebensmittelerzeugung außer in Frankreich mit allen Mitteln insbesondere in Afrika vorangetrieben werden. In diesem Falle sei eine Revolution der Lebensmittelerzeugung in Afrika und in Vorderasien notwendig.

Das europäische Interesse für die Erschließung Afrikas wird also auf englischer Seite durchaus als gegeben angesehen. In seinen eigenen Kolonialgebieten verfügt England dabei über genügend Territorien und Menschen, um von sich aus diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Für das Erdnuß-Projekt ist dies, bereits geschehen. Die Urbarmachung der 3.2 Millionen Acre durch eine Tochtergesellschaft des Unilever-Konzerns – die zunächst die Geschäftsführung innehat, sie jedoch später einer staatlichen. – Gesellschaft übertragen wird – hat begonnen. Mehr als 30 Großbetriebe werden mit den modernsten Mitteln der Technik den Boden erschließen. Das Ergebnis erwartet man in drei bis vier Jahren und nimmt an, daß der Erzeugungspreis sich auf 17 Pfund je Tonne stellen, also wenig mehr als die Hälfte des gegenwärtigen Weltmarktpreises betragen wird.

Auch das neue 100-Millionen-Pfund-Projekt der Colonial Development Corporation ist erst einmal eine rein englische Angelegenheit. Es ist darauf abgestellt, in den einzelnen britischen Kolonialisten (nicht nur, aber hauptsächlich in Afrika) ähnliche Entwicklungspläne auf gemischtwirtschaftlicher Grundlage in die Wirklichkeit um? zusetzen. Die Pläne erstrecken sich auf Erdnüsse auch in Westafrika, auf Tabak in Rhodesien, auf Bananen in Kamerun, auf Hanf und andere bisher im englischen Kolonialreich nicht gebührend berücksichtigte Nahrungsmittel und Rohstoffe,

Unbestreitbar handelt es sich dabei um eine völlig neuartige Kolonialerschließung. Früher galt der Grundsatz, der Handel folge der Flagge. Jetzt schafft die Flagge den Handel. Was an privatwirtschaftlichem Geschäft bereits aufgebaut ist, soll erhalten bleiben, weitere private Investitionen werden als erwünscht bezeichnet. Ob jedoch zum Beispiel eine private Pflanzungsgesellschaft in der Lage bleiben wird, in ihrem kleinen Rahmen und mit eingeborener Handarbeit rentabel weiterzuarbeiten, wenn in der Nachbarschaft mit dem Traktor gerodet, gepflügt und geerntet wird und sicherlich die Löhne kräftig anziehen werden, vermag erst die Zukunft zu entscheiden. Es reifen hier Pläne von einer Größenordnung, wie sie heute der Staat nur noch sich selber gestatten will, weil er befürchten müßte, daß in privater Hand derartig gewaltige Kolonialerschließungen eine Ausbeutung nicht nur der Eingeborenen sondern auch der Abnehmer bedeuten würde. Andererseits soll die privatwirtschaftliche Rentabilität auch bei diesen Projekten gewahrt bleiben, will der Staat, in erster Linie Unternehmer sein.

Doch das Schwergewicht verschiebt sich gewollt oder ungewollt, wenn eine neue Produktion in diesem Ausmaß aufgezogen wird. Dann geht es oft genug nicht mehr um den Preis, sondern um den Absatz. Außerdem steht beim Projekt Afrika mindestens so sehr der Markt für englische Industrieprodukte wie die Sicherung der landwirtschaftlichen. Produkte im Mittelpunkt der Verlegungen. Kurzum, es ist die Antwort auf die Formung anderweitiger Wirtschaftsräume, wenn sich England Lieferanten und Abnehmer zugleich in Afrika sichert, mit dessen Kolonien es bereits in einem Zollverband lebt. So wird das Staats wirtschaftliche. Experiment in afrikanischen Primärprodukten zugleich zu einem raumwirtschaftlichen Experiment.

So sehr England wirtschaflich die Initiative; in der Hand hält, liegt, ihm doch an einer Einheitlichkeit der politischen Aktion Europas in Afrika, Aus diesem Grunde ist schon im Mai mit Frankreich und Belgien als den beiden anderen aktiveneuropäischen Kolonialmächten eine gemeinsame-Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Kolonien grundsätzlich verabredet worden. Dies bedeutetfür Frank reich eine leichte Rückendeckung in seinen politischen Schwierigkeiten mit den arabischen Stämmen. England dagegen möchte für seine wirtschaftlichen Absichten in Afrika die Basis so breitwie möglich gestalten und die Kontrolle auch dort in der Hand halten, wo, wie in Nordafrika, mit amerikanischem Kapitalzustrom zu rechnen ist. Für die Südafrikanische Union schließlich verspricht diese Aufhellung des dunklen Erdteile willkommene Gelegenheit zur Expansion und sicher auch zur Investition der Überschüsse aus ihrem bisher wichtigster Export, dem Gold. Die Investition. dürfte teils auf die Erweiterung der südafrikanisehen Industrie, teils in den privaten Teil der afrikanischen Erschließung gerichtet sein,

Die Aufnahme der Pläne in England ist einmütig günstig auch im konservativem Lager, wo Freude darüber herrscht, daß die Labour-Party an die Traditionen des Empire anknüpft und sich an die Öffnung der "unerschlossenen Gebiete" heranmacht, von denen Joseph Chamberlain mit Bezug auf die Kolonien sprach. Gefahren wittert man zwar, vor allem in der einseitigen Festlegung großer Kolonialgebiete auf eine Monokultur und der darin liegenden erhöhten Konjunkturempfindlichkeit. Absatzstörungen, aus einseitiger Überproduktion oder allgemeiner konjunktureller Belastung für das einzige Produkt könnten in wenigen Monaten das gesamte jetzt im Zuge der Erschließung aufzurichtende Gebäude eines gehobenensozialen Standards für die eingeborene Bevölkerung wieder zum Einsturz bringen. Gefahren lassen sich auch für Europa vorstellen, das eines Tages im Gefolge des sich abzeichnenden und von England wohl auch gewollten bilateralen Handels zwischen Europa und Afrika vor der-Notwendigkeit stehen könnte, Primärprodukte zu festen Preisen abnehmen zu müssen, die anderwärts billiger, d. h. für einegeringere Menge von europäischen Exportgütern greifbar sein könnten. Doch die von Smuts schon im Kriege entwickelte Idee der Abhängigkeit und inneren Verbundenheit Englands mit Europa einerseits, das gegenseitige Angewiesensein Europas und Afrikas andererseits lassen das Gewicht dieser Gefahren den ‚Engländern geringer erscheinen, so daß Westeuropa in seiner Gesamtheit. von der Arbeitsteilung wie von der Versorgungssicherheit profitieren könnte, die England für Afrika und für Europa, soweit es mit von der Partie sein will und darf; anbahnt. Gw