Jahrzehntelang hat München sommerliche Festspiele gezeigt. Sie waren oder sollten sein: Abschluß und Verklärung der im Winter erarbeiteten kulturellen Leistung. Der "Münchner Sommer 1947" ist, nachdem der Winter wieder die böse, die finstere Jahreszeit hat werden sollen, etwas andres: eine echte "Season". Nachwinterlich erblühend ist Sie Bekenntnis zu uns selbst, Verklärung höchstens unsererNot, kein Festdoch ein vom Geist ermöglichtes Trotzdem.

Auf dem Gebiet des Theaters hat sie, unweit. Nymphenburg, in der Tizianstraße, mit Hugo von Hofmannsthals Tragödie "Elektra" eingesetzt. Ein zentrales, ein peripheres Ereignis? Beides. Thematisch zentral; denn wir leben in einer Wirklichkeit, in der die Erinnyen das Geschäft der Rache bis zum Zerbrechen alles Menschlichen betreiben. Und dennoch, ein Rand-Ereignis? Ja, insoweit Hofmannsthals Tragödie gerade unserm Erleben kaum anwortet. Es ist das weltbürgerliche, alle Zeiten und Kulturen umgreifende Bildungserlebnis eines noblen Dichters, was die Erneuerung des antiken Stoffes damals (1904) bewirkt hat. Keine Not, wohl auch nicht die Ahnung einer kommenden! Die Üppigkeit und der Überdruß daran, also die Seelenlage des fin de siècle, sie liefern die entscheidenden Prägegewalten. "Ihr sollt das Süße nicht abweiden von der Qual / Ihr sollt nicht schmatzen nach meiner Krämpfe Schaum" – derlei ist uns heute nur noch Poesie, wo nicht in einem verdächtigen, so doch in einem kaum mehr unser Herz bewegenden Ausmaß. Scheinbar sind in diesem Nachtstück 1900 Jahre Christentum ausgespart; aber gerade in diesem Schwarz-in-Schwarz verrät sich dat Bildungserlebnis; so ist auch der um diegleiche Zeit erbaute "neue" Münchner Rathaussaal weit "gotischer" als der dahingegangene alte. An der Euripidäischen "Elektra", deren (Uraufführung bevorsteht, wird sich der Abstand noch einmal ermessen lassen.

Heinz Thiele hat in seiner "Neuen Theater"-Inszenierung uns Kunde von einem Ort der Verdammten gegeben, in dem das rote Gewand einer Dienerin die einzige spärliche Aufhellung blieb. Düster, trübe, kubisch starr waren außen und innen. In Ingeborg Fröhlich stand eine Darstellerin zur Verfügung, die für die Elektra alle Voraussetzungen mitbrachte: das unendliche Weh der vom Racheauftrag an der eignen Mutter zugrundegerichteten Menschin wurde Stimme und wahrhaft furiose Erscheinung. Übermächtige Schicksalslast, dämonisch besessene Freude, Zusammenbruch! Nachdem dieser grausige Dreiklang in der Hauptdarstellerin elementar zum Tönen kam; fragt man sich, warum auf die lichteren Kontrastmöglichkeiten bei Johann Lepskis Chrysothemis absichtlich verzichtet wurde; die zur Liebe, nicht zum Mordhaß geschaffene Schwestererschien verhärmter, bedrückter als meines Erachtens nötig war. Ein Stilbruch kam jedoch erst durch Ellen Schmers Klytämnestra ins Ganze. Nicht nur war sie doch wohl zu arg ins Vettelhafte getrieben, sie schien, gegenüber den archaisch stilisierten andern, in ihrer Goldlockenperücke ein barocker Fremdling, eher Ludwig XIV. oder einem Lordoberrichter als einer antiken Königin ähnlich. Nestor Xaidis gab dem Ägisth das Lauernd-Wütige des bedrohten Meuchlers. August Riehl machte uns den Orest zum Augentrost: in diesem edel-ernsten Jüngling schien das menschliche Einbild noch gewahrt. Malerin Pacha hatte Bühnenbild und Kostüme geschaffen.Das Publikum schied mit langanhaltendem herzlichen Beifall, aus würgender Nacht in Sommersonne zurückkehrend. H. B.