polen arbeitet an der Verbesserung seiner Nachkriegsstellung. Diplomatische Rührigkeit wird begleitet von jenen tönenden demonstrativen Gesten, die überzeugender wären, haftete ihnen nicht so viel von innerer Unsicherheit, Selbstbeschwichtigung geheimer Ängste und dem Miß Verhältnis von eigener Kraft und äußerem Auftreten an. Die mißtrauische Blickrichtung zielt heute wieder wie vor dem Krieg gen Westen da man das Bewußtsein hat, mit Annexionen, wie sie selbst Phantasten nie für möglich gehalten hätten, und Massenaustreibungen von grausamer Rücksichtslosigkeit sich ein Erbe der Feindschaft und des Hasses zu schaffen. An die Stelle einer Betonung eigener militärischer Kraft, wie man sie in Warschau vor dem Krieg liebte, ist heute der ständige Hinweis auf "den russischen Soldaten" und die "unerschütterliche Freundschaft mit der Sowjetunion" getreten. Gleichzeitig zeigt sich das Bestreben, diesen Rückhalt – noch zuletzt bewährt in der Ablehnung jeder Diskussion der polnischen Westgrenzen während der Moskauer Konferenz- ins Allslawische zu erweitern. Die jetzt in Prag erfolgte feierliche Überreichung der Ratifikationsurkunde des polnisch-tschechischen Freundschafts- und Bündnispaktes soll den Geist der Fehde nun endgültig begraben, der zwischen Tschechen und Polen wegen des Olsa-Gebietes zwei Jahrzehnte geherrscht hat. Man überbietet sich in Beteuerungen gemeinsamer. Entschlossenheit, die "ewige slawische Westgrenze", zu der man die Oder-Neiße-Linie erklären möchte, gegen jeden Anspruch bis aufs letzte zu verteidigen. Und um die polnische. Position aller Welt noch deutlicher zu demonstrieren, veranstaltet Polen im Augenblick seines Prager Besuches in der alten deutschen Hafen- und pommerschen Hauptstadt Stettin einen großen Marinetag. Alle Welt soll wissen, daß die Zeiten – vorbei sein sollen, in denen ein prominenter polnischer. Politiker sich noch über den Ehrgeiz der polnischen See und Kolonialliga (liga morska i colonialna) mit dem boshaften Wort lustig machen konnte; "Die polnische Seegeltung reicht so weit, wie ein Kavalleriepferd ins Wasser gehen kann, ohne zu ertrinken." Alle Welt soll weiter wissen, daß das neue Polen seinen Schwerpunkt gerade in jene Gebiete legen will, die es mit so anfechtbarem Recht als seine eigenen behandelt. In dem Bewußtsein, auch hier könnte das letzte Wort noch nicht geprochen sein, wird alles darangesetzt, das Fait accompli unwiderruflich zu machen. Während in den Weiten Hinterpommerns, Ostpreußens und Schlesiens sich Meilen auf Meilen menschenverlassener Dörfer und versteppter Äcker dehnen, wird nahe an der Oder und Neiße die Potemkinsche Landschaft polnisch besiedelter Dörfer und Städte arrangiert, um die in den Hauptstädten der Welt mit Nachdruck verkündete Behauptung glaubhaft zu machen, daß "bereits über fünf Millionen Polen in den neuen Westgebieten wohnen"-, die man nunmehr unmöglich von dort wieder vertreiben könne. Daß man neun Millionen Deutsche unbedenklich und im Widerspruch zu der in Potsdam vereinbarten bloßen "Verwaltung" dieser Gebiete vertreiben zu können geglaubt hat, spielt ebensowenig eine Rolle, wie jene Darstellungen, mit denen man einer landesunkundigen Presse, vor allem in Amerika, einzureden versucht, daß es sich hier um "urpolnische Gebiete" handele, Alles wird in den Dienst dieses Ziels gestellt. Gerade im Hinblick auf die bevorstehende Londoner Konferenz kann man sagen, daß die Vorbereitung des Kampfes um die endgültige Bestätigung der Oder-Neiße-Linie als künftiger polnischer Westgrenze den Generalnenner der gesamten Warschauer Außenpolitik darstellt.

Die in den letzten Monaten trotz einer hundertprozentigen Anlehnung an die Sowjetunion verstärkte Fühlungnahme mit dem angelsächsischen Westen dient neben wirtschaftlichen Wünschen nicht zuletzt diesem Ziel. Dies wurde deutlich – genug durch die Erklärung des polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz im Sejm der im Hinblick auf den kürzlich abgeschlossenen britisch-polnischen Handelsvertrag und die nach seiner Ansicht in den letzten Monaten eingetretene Besserung der Beziehungen zwischen London und Warschau die offenherzigen Worte aussprach; "Polen erwartet nun eine positive Haltung Großbritanniens in der Frage der polnischen Westgrenze."

Unter diesen Umständen kann die scharfe Absage Molotows an den Marshall-Plan für das diplomatische Spiel Polens den Charakter einer Panne in der Regie bekommen. Man würde es in Warschau sicherlich als eine durchaus unerwünschte Alternative, betrachten, entweder die Parteidisziplin gegenüber dem Kreml zu wahren und damit aus dem Spiel mit dem Westen ausgeschaltet zu werden oder alle Gefahren der Abtrünnigkeit von der Generallinie auf sich zu nehmen.

H. A. von Dewitz