Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn man eine graphische Darstellung der beiden ersten Nachkriegsernten für Europa zeichnet, dann würde die Linie Lübeck–Triest eine Art "Wasserscheide" darstellen. Westlich dieser Linie steigt die Erzeugung, mit Ausnahme von. Deutschland, allenthalben. Von Skandinavien bis Portugal lag die Ernte 1946 teilweise bis zu 25 v. H. über der des Vorjahres, so daß Westeuropa mancherwärts schon wieder den Vorkriegsstand erreicht hat. Allerdings kommt dies nicht überall, in einer Befriedigung der Nachfrage zum Ausdruck, weil in vielen Ländern die Verfütterung. von Weizen stark zugenommen hat.

Östlich der "Wasserscheide" jedoch sinkt die Produktion seit 1944 konstant, mit einer einzigen Ausnahme: Bulgarien. Bulgarien hat trotz russischer Besetzung eine Sonderstellung, weil dort dank der bäuerlichen Struktur des Landes und der Homogenität der Bevölkerung keine großen Eingriffe; in die Landwirtschaft vorgenommen worden sind. Diese Ausnahme deutet bereits die Regel an,-die fast gesetzmäßig die osteuropäische Landwirtschaft zerstört. Es sind dies einmal die ohne jede Konzession an die wirtschaftlichen Verhältnisse unter ausschließlich politischen Gesichtspunkten durchgeführte Bodenreform, ferner die zum Teil riesigen Aussiedlungen ganzer Bevölkerungsgruppen, die die natürlich gewachsene Wirtschaftsstruktur dieser Länder zerstört haben, und schließlich die rücksichtslos beigetriebenen Ablieferungen aus der laufenden Produktion durch die russischer Besatzung, die oft das Saatgetreide für die kommende Ernte miterfaßt und den Vieh- – bestand weitgehend dezimiert haben. Zweifellos hatte die Ausbeutung dieser Gebiete durch Hitler ihre Widerstandskraft bereits geschwächt; wenn man jedoch bedenkt, daß diejenigen Länder Westeuropas, die das gleiche Schicksal hatten, wie Belgien, Holland und Dänemark, heute bereits die Vorkriegserzeugung wieder nahezu erreicht haben, wird damit deutlich, daß diese Schäden bei richtiger Wirtschaftsführung im wesentlichen überwunden sein könnten.

Östlich der Linie Lübeck–Triest fehlen in dem Raum bis zur Westgrenze Rußlands im Vergleich mit einer normalen Friedensernte etwa 25 Mill. t Getreidewert Ein Schrumpfungsprozeß von fast unvorstellbarem Ausmaß findet, dort statt, der erst verständlich wird, wenn man die Situation in den einzelnen Gebieten näher beleuchtet. In der russisch besetzten Zone Deutschlands ist die landwirtschaftliche Erzeugung nach eingehenden Berechnungen auf Grund offizieller Angaben im Jahre 1946 – der ersten Ernte nach Durchführung der Bodenreform – auf rund 50 v. H. des Vorkriegsniveaus gesunken. Für die unter polnischer Verwaltung stehenden Ostgebiete hat die polnische Regierung in Warschau jetzt zum erstenmal Zahlen für die Ernte 1946 angegeben. Danach beträgt die Ernte an Weisen, Roggen, und Zuckerrüben noch nicht einmal 10 v. H. der Ernte Von 1938, bei Fett und Fleisch sogar wesentlich weniger als 10 v. H. Da bisher die Gesamtproduktion dieser Gebiete, auf Getreidewert umgerechnet, etwa 9,5 Mill. t ausmachte, ist der Ausfall, der allein; in diesem Gebiet entstanden ist, enorm groß. Daß diese Situation sich in absehbarer Zeit kaum ändern, wird, geht aus dem Schlußbericht General Humphry-Cydes über die Tätigkeit der UNRRA hervor: "In Polen war die Getreideproduktion, im Jahre 1946 tatsächlich niedriger als im Jahre 1945, wo es noch möglich gewesen war, eine Teilernte in den Westgebieten zu ernten, die die Deutschen gesät hatten."

Im Südosten war von jeher Rumänien das Land mit der größten Produktionskapazität. Im Durchschnitt der Vorkriegsjahre wurden allein an Weizen etwa 1 Mill. t exportiert. Heute hungert Rumänien,-und die Ernten werden jedes Jahr geringer. Wenn 1945. noch 65 V. H. einer normalen Friedensernte produziert wurden, so kann man 1946 nur noch mit 50 v. H. rechnen. Die Kriegsschäden in Rumänien sind eigentlich nur als indirekt zu bezeichnen, weil sie vorwiegend in Verschleppungen von Menschen, Vieh und Maschinen zur Auswirkung kamen. Zweifellos hat die Dürre auch die rumänische Ernte von 1945 ungünstig beeinflußt, sie ist aber doch nur zu einem geringen Teil die Ursache des katastrophalen Rückgangs, Im Herbst 1946 sind wieder nur etwa 25 v. H. der normalen Winterungsflächen bestellt worden.

Jugoslawien mit den reichen und fruchtbaren Gebieten derWojewodina ist, durch die Austreibung der gesamten Bevölkerung deutscher Abstammung, die gerade in diesem Gebiet eine hochintensive moderne Landwirtschaft entwickelt hatte, sehr betroffen worden. Im Verein mit der Boden-, reform hat ihre Aussiedlung die Wirtschaftsstruktut total zerstört, und zwar für alle Zeiten, denn die montenegrinischen Schafzüchter, die man jetzt dort angesiedelt hat und die nur ihre karge Berglandschaft kennen, verstehen von Ackerwirtschaft gar nichts und begnügeasich damit, das anzubauen, was sie für ihren eigenen Unterhalt benötigen. Im übrigen ist es in Serbien – wie aus allen Berichten hervorgeht – für die Mihailowitsch treuen Bauern, eine Ehrensache, die Anbau und Ablieferungsverordnungen der Regierung zu sabotieren.

In gleicher Weise reagieren natürlich die Bauern Ungarns auf die Politik, ihrer Regierung. Vor dem Krieg wurde etwa ein Viertel der gesamten ungarischen Produktion an landwirtschaftlichen Gütern exportiert. Heute hungert auch dort die Masse der Bevölkerung in großem Stil. Die Kriegs- und Nachkriegsverluste an lebendem und totem Inventar Sind in Ungarn riesig. Aus einer im Juli 1946 an Moskau, gerichteten amerikanischen Note geht hervor, daß die Sowjetregierung neben; großen-Mengen an Maschinen und Rohmaterial allein in der ersten, Hälfte 1945 4 Mill. t Weizen, Gerste, Mais und Hafer nach Rußland abtransportiert hat. Der Viehbestand beträgt heute nur etwa 40 v. H. des normalen Standes. In dieser Situation war die Wirkung der Bodenreform absolut vernichtend. Im Verlauf des Jahres. 1945/46 wurden etwa 11.4 Mill. Morgen neu verteilt, im Durchschnitt in Einheiten von 10 Morgen pro Kopf: Die Austreibung der Deutschen macht, wie man annimmt, noch einmal zusätzlich 900 000 Morgen für die Bodenreform frei. In der englischen Zeitschrift "Left News" schreibt Tibor Mende hierzu: "trotz des fast völligen Mangels an landwirtschaftlichen Maschinen und Düngemitteln, und trotz der Tatsache, daß die Bauern mit fast übermenschlicher physischer Anstrengung ihre nackten Fäuste gebrauchen mußten, um das Land zu bebauen, sind fast 75 v. H. des nutzbaren Landes bebaut worden." Und er fügt hinzu: "Wenn man die Reform hauptsächlich vom politischen und sozialen Standpunkt aus betrachtet, so war sie ein Erfolg." Ob allerdings in einer Zeit, da ganz Europa hungert, die Verwirklichung politischer Ideale innerhalb der Landwirtschaft wirklich das vordringlichste Problem ist, sei dahingestellt.