Von Friedrich Knapp

Das Abenteuer ist, um mit Fontane zu reden, "ein weites Feld", das sich der 6literatirkritischen Betrachtung auftut. Zunächst: Was ist denn überhaupt das Abenteuer? Am ehesten tritt noch das mittelalterliche "Aventiure" den genauen Sinn: ein Begebnis, das dem Menschen zustöft, falkengleich ihm zufliegt, ihn auf die Probe stellt, ihn gestärkt oder herabgemindert entläßt, das aber vor allem sein Leben in Bewegung bringt oder erhält. Kräftige Bewegung, Entwicklung, Erhellung des ganzen Spektrums unserer Lebensfarben – darauf kommt es dem "ursprünglichen", dem geborenen Epiker an: im Zusammenprall zwischen dem Ich und der ganz "anderen" Welt dies und jenes zu schildern und zu deuten, wohlgemerkt, aus der Anschauung, nicht aus dem "Traum vom Leben". Und eine innerste Neugierde, ja eine echte Sehnsucht nach Erfahrung ist zusammen mit dem starken Wunsch, allem Geheimnis des Daseins "von der Peripherie aus" nahezukommen, der Hauptimpuls zum rechten Abenteuer! "Immer zu reisen ist besser als ans Ziel zu kommen", heißt es in einem frühen Bich von Hermann Hesse. Wie bezeichnend sind in solchem Zusammenhang auch zwei, bloße Buchtitel von Thomas Wolfe, dem nobelsten und mächtigsten Abenteurer der neueren Literatur: "Schau, heimwärts, Engel" und "Es gibt keinen Weg nach Haus". Diese nie ganz gestillte spannungsvelschöne (und gewiß auch bedrohliche) Unrast ist es, die zum Erleben und Ersinnen des Abenteuers drängt. Das Abenteuer muß in einem konkreten und umgrenzten, nicht in einem vagen und grenzenlosen Sinn begriffen werden, als "spannende" und im Geist eines unverbrämten Realismus vollzogene Begegnung mit Welt, Natur und Mitmensch und erst auf diesem scheinbaren Umweg als Begegnung mit sich selbst. Eben dann zeigt sich auf das deutlichste, daß es sozusagen ein literarisches "Urphänomen" ist – fast wie die Liebe, wenn man will, ein männliches Korrelat zu ihr.

Bereits wenige Zitate aus der Literaturgeschichte des Abenteuers geben Zeugnis für diese Behauptung. Sage und Märchen, die früheste Volksdichtung, sind schon voll vom Abenteuer; es geschieht unendlich viel, es fehlt vor allem nirgends an zwei Hauptmerkmalen des Abenteuers: dem Gefährlichen und dem Ungewöhnlichen. Und wie, reich im Abenteuerlichen, ja erfüllt von ihmsind die frühesten und zugleich größten Epen die "llias" und die Odyssee Erst die unablässigen Abenteuer des Odysseus lassen ja, ohne tiefenpsychologisches Dreinreden des Sängers, Charakter und Größe und Persönlichkeit des Mannes, voll in Erscheinung kommen. Nicht anders die vormittelalterlichen und mittelalterlichen Epen des Abendlandes: "Beowulf", das "Waltharilied" und das "Hildebrandlied" sowie die "Nibelungen". Erst nach einer beträchtlichen Pause am Beginn der Neuzeit, erscheint dann das Abenteuerbuch mit wenigen meisterlichen Werken: "Don Quichote", "Simplizissimus", "Schelmufski", "Gargantua und Pantagruel", "Robinson Crusoe". Hier ist überall schon in einem uns näheren Sinn vom individuell ausgeformten Menschen Und seiner allseitigen Erprobung in den Weltläuften die Rede. Die modernen differenzierten "Typen" kündigen sich an: der Schwärmer, der Draufgänger, der Eigenbrötler – sie alle aus ihren abenteuerlichen Lebensschicksalen entwickelt. Wieder folgt eine tiefe Zäsur, bis dann nach dem klassischen, dem mittelalterlichen, dem barocken Abenteuerepos im späten 18. und im 19. Jahrhundert die nicht mehr abreißende Reihe des modernen Abenteuerbuchs beginnt. Und hier ist es nun höchst auffällig und wichtig, daß das deutsche Schrifttum, kaum mehr Anteil daran hat. Warum? Weil die deutsche Dichtung von nun an fast ausschließlich unter der Devise "das Leben als Problem" steht, indes vor allem die angelsächsische Literatur überwiegend der Vorstellung "das Leben als Abenteuer" folgt. Der "sentimentalische" deutsche Poet geht den Weg von innen nach außen, vom Ich und seiner allseitigen Ergründung in die Welt, von der Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis (wenn er nicht auf halbem Weg resigniert stehenbleibt). Der "naive" angelsächsische Dichter dagegen geht den Weg von außen nach innen, von der allgemeinen Lebensbetrachtung- und Lebensbemächtigung zur Selbstergründung und -deutung, von der Weite in die Tiefe (wobei freilich auch er oft auf halbem Weg, auf der Oberfläche innehält). Hier ist auch ein wichtiger Anhalt zum Verständnis der Tatsache, daß deutsche Dichtung bei fremden Völkern so verhältnismäßig wenig Verständnis und Wirkung erreicht, während die angelsächsische Literatur leichterhand in aller Welt Anklang und Freunde findet. Die meisten Menschen sind eben "naiv" und nicht "reflektierend", dem bunten Bild der Welt und der Fülle des äußeren Geschehens viel eher erschlossen als dem "lyrischen" oder philosophischen Blick in die Tiefe. Sie lassen sich leichter von außen nach innen fühlen als unmittelbar ins dunkle Innere.

So fließt denn seit mehr als hundert Jahren ein in allem Sonnenlicht blitzender Strom großer angelsächsischer Abenteuerliteratur von den frühen Amerikanern. Cooper, Melville, Poe (den scharfsichtigen amerikanisierten Österreicher Sealsfield nicht zu vergessen) bis zu den Zeitgenossen London, Hemingway (bei dem die Verwandtschaft hoher Abenteuerliteratur mit wirklich großem Journalismus am auffälligsten ist), Steinbeck, Dos Passos, von den klassischen Engländern Stevenson und dem kleineren Marryat bis zu den Mächtigen von gestern, Kipling und Conrad, bis zu den Heutigen, zu Knox, Chesterton, Masefield. Bei aller Verschiedenheit im Lebensgefühl, in der Weite, im Ton, in der Gesinnung ist ihnen bezeichnenderweise eine Eigenschaft gemeinsam – der große Humor. eh meine damit nicht allein die kräftige Lebensheiterkeit sondern das Lachen aus dem Abstand zu den Dingen und Menschen, aus dem Darüberstehen und dem männlichen Bestandenhaben des großen "Examens "Leben" – diesen Humor, der vom homerischen Gelächter bis zu dem weisen Schmunzeln von Chestertons Pater Brown reicht ...

Während ein Hauptzweig moderner Dichtung in aller Welt sich so entwickelte, wie ging es in der Literatur der deutschsprechenden Länder zu? In den letzten eineinhalb Jahrhunderten entstand zuerst aus dem Geist der Klassik die große Ideendichtung und ein Pendelschlag nach ihr die aus romantischem Weltgefühl gekommene unvergeßbare Gefühlsdichtung. Es folgte die (heute für uns wohl wichtigste) realistische Epoche von Stifter’ bis Fontane. Dann kam die Jahrhundertwende und mit ihr der absichtlich phantasielose Naturalismus. Ihm folgte die Zeit der dichterischen Introspektion, der "Seelenaussage", die im Bereich der hohen Literatur schließlich das Feld behauptet hat und es bis heute tut (Dazu Pascal: "Wenn der Mensch immerfort’ in sich hineinsieht, muß er unglücklich werden.") Daneben gab und gibt es, gleichsam unbeaufsichtigt und im Wildwuchs, die unendliche Menge der "schöngeistigen Bedarfsbücher". Hier tobte sich am schlimmsten aus, was doch in den Grenzen der hohen Dichtung reine und holde Blüten werden – ließ, das "deutsche Gemüt". Wer insbesondere die deutschen Unterhaltungsbände der letzten Jahre prüfend betrachtet, dem muß trübe zumute werden über der Einsicht, wie hier der Hang der Deutschen zum Verschwommenen und Abgründigen in eine wahre Zersetzung der erfahrbaren realen Welt – eben auf der Suche nach dem "Wesen" –, zur Flucht aus der Wirklichkeit wurde. Und im "Dritten Reich" wurde diese verhängnisvolle Neigung noch bestärkt durch den Willen zum Nur-Deutschen ("Blubo"-Dichtung, Heimatroman), zum Erblinden für die Weltweite. So aber entstand auch ein ganz falsches wahrhaft kitschiges Bild vom Dichter, das nun dringend der Revision bedarf.

Es ist eine Binsenwahrheit, daß jede Generation sich ihre eigene Literatur schafft, ebenso wie sich jede Generation ihren eigenen Zugang zur Literatur schaffen muß. Was diesen "Zugang" betrifft – wir, sollen ihn zum großen Abenteuerbuch der fremden Literatur suchen. Aber das kann und wird nur gleichsam eine Vorstufe dazu sein, daß das echte Epos, die Aventiure, das, Abenteuer in unserer eigenen zeitgenössischen Literatur wieder in die-Erscheinung kommt. An mancherlei Voraussetzungen dazu fehlt es nicht, vor allem nicht an den wichtigsten: Der Deutsche dürstet einmal nach dieser langen Zeit der inneren Verkrampfung und äußeren Absperrung nach "Welt" ebenso wie nach der "umfassenden Realität"; ferner ist er, nach einer Epoche der aus Schuld und Irrtum entstandenen Vereinzelung, der Kraft und Multikolorität des Ganzen weiter aufgeschlossen als jemals früher. Und wozu wir noch nicht bereit sind, wessen wir aber auch auf das dringendste bedürfen: über die eigenen physischen und psychischen Schwierigkeiten hinaus ins fremde Leben zu schauen, aus seiner breiten Kenntnis und inneren Verarbeitung an eigenem "Volumen" zu gewinnen, auch zu diesem Ziel ist "das Abenteuer" als ein Hauptstück aller Literatur ein Weg, reich an Ausblicken in alle Ferne. Aus dem "Kasten" bürgerlicher Sekurität sind wir alle heraus, die Älteren höchst unfreiwillig, die Jungen mit Selbstverständlichkeit und ahnungslos. Ein wichtigstes Merkmal des Abenteuers ist heute unserem eigenen alltäglichen Leben eingeprägt: das "Risiko", die Ausgesetztheit (das Geworfensein, sagt der Existentialismus), das Wagnis. Unsere "normale" Wirklichkeit ist in eine nach früheren Maßstäben höchst ungewöhnliche spannungsvolle Abenteuerlichkeit geraten; abenteuerlich ist die Art, wie das Lebensminimum ergattert wird, höchst abenteuerlich sind die Flüchtlings- und Gefangenenschicksale – abenteuerlich ist unsere. Gesamtsituation zwischen Krieg und Frieden. Worauf es ankommt im weitesten Bereich: unseres profanen "bürgerlichen" (wie bezeichnend, daß das Wort nur mehr unter Anführungszeichen stehen kann!) Lebens, ist, ob man diese Abenteuerlichkeit als etwas fraglos und völlig Negatives wertet und empfindet oder ob sie willig hingenommen, ja geradezu vollzogen wird. Es gibt bereits einen Typus unter den Jüngeren, der vernehmlich ja sagt zum Lesben als Wagnis. Und worauf es in der Literatur der Gegenwart und der nächsten Zukunft ankommt, ist, daß sie das Abenteuer schlechthin alsThema oder doch als Ingrediens aller wirklich "wirkenden" Epik wiederaufnimmt, auch ja eben dort, wo die höchsten Anspräche erhoben werden: das Abenteuer, in allen (und für lange Zeit noch verschlossenen) Fernen als Wunschtraumerfüllung und Horizonterweiterung, und durchaus dichterwürdiges Phantasiespiel; das Abenteuer rings um uns und in der eigenen Existenz als Lebensdeutung und Lebensschule – denn ebenso groß wie die Gefahr, daß man vor ihm flüchtet, ist die andere, daß man es nur als Selbstzweck sucht.