Im Bahnhof Idar-Oberstein steigen französische. Soldaten in die hell erleuchteten D-Zugwagen des Urlauberzuges, an den einige dunkle Personen? zug wagen für Deutsche angehängt sind. Aus dem hellen Licht des Bahnhofs drängen und quetschen sich die Menschen in die überfüllten, düsteren Abteile.

Im Dämmerlicht bietet die langgestreckte Stadt einen beinahe unzerstörten Eindruck. Auf engen Straßen stehen französische Soldaten. Sie müssen sich ebenso in die Straßenbahnwagen hineinwinden wie die altansässigen Idar-Obersteiner und bewaltigen es meist mit vielen "Pardon, Madame" oder "Pardon, Monsieur".

In den Händen des französischen Gäste sieht man oft die Kunstwerke der Idar-Obersteiner Schmuckstein-Industrie; Ketten, Anhänger. und ähnliche Schmuckstücke werden gern getragen Die Industrie arbeitet fast ausschließlich, des Bedarf der Besatzung. In einer besonderen Ausstellungshalle, deren Besuch Deutschen unmöglich ist werden die Schmuck- und Kunstgegenstände der beimischten Industrie ‚feilgeboten. Dabei kann man nicht sagen, daß die Schieberei und die mit ihr zusammenhängenden Gewerbe im Verhältnis zu anderen Industriezweigen sehr viel schlechter dastehen Nach zuverlässigen Auskünften dürfte die Beschäftigung zwischen 60 und 70 V. H des Vorkriegsstandes liegen Der Export, der früher den Hauptteil des Idar-Obersteiner Handels darstellte, ist vollständig zum Erliegen gekommen. Er beträgt noch nicht einmal 1 v. H." früherer Zeiten. Eine. Exporterlaubnis zu bekommen, ist nicht leicht, wenn auch der Ausfuhr nach Frankreich weniger große Hindernisse in den Weg gelegt werden als der Verbindung mit den ehemaligen Abnehmern im übrigen Deutschland und in der Welt. Seitdem es gestattet ist, wieder mit den deutschen Exporteuren in Verbindung zu treten, häufen sich die Anfragen aus aller Welt nach Idar-Obersteiner Schmuck- und Kunstgegenständen. Die Idar-Obersteiner Schleifer bedauern es.sehr, daß außer dieser brieflichen Verbindung keine weiteren ergiebigeren Fäden zu ihren alten Kunden gesponnen werden, können. 60 v. H. der früheren Produktion fand den Weg nach Amerika, die restlichen 40 v. H. verteilten sich auf die übrige Welt.

Augenblicklich erweckt die französische Handelspolitik den Eindruck, als wollte man Idar-Oberstein zur Lohnschleiferei oder Besatzungsmacht machen; Der Export, wenn er auch noch so gering ist, geht, durch die Hände eines Verkaufssyndikates in Baden-Baden, das von sich aus, soweit zu übersehen, den Handel mit Frankreich treibt. Sowohl von der Seite der Kunden wie von der Seite der Hersteller ist dieses Verfahren nicht erwünscht, da das lebendige Verhältnis zwischen beiden, das für die Schwankungen des Bedarfs und des Geschmacks wesentlich war, vollkommen, erloschen ist. Auch der Export kleinster Mengen in andere Zonen wird scharf überwacht. So ist es unmöglich, Wert- oder Einschreibebriefe mit Warenproben der Schmucksteinindustrie ohne Stempel der Handelskammer auf der Post abzusenden. "Daß trotzdem ein Schwarzhandel mit Schmuckstücken möglich ist und auch blüht, wird nicht überraschen. Besonders die kleinen Schleifer, haben sich im Lauf der Zeit einen gewissen Vorrat von’Steinen geschaffen der man seinen Weg in den inoffiziellen Handel findet.

Die Diamantschleiferei, die als reine Veredlungsindustrie im Jahre, 1886 eingeführt wurde, istaugenblicklich vollkommen stillgelegt. Bei dieser Industrie hat es sich immer um eine Lohnschleifeiei gehandelt; die Diamanten waren meist von Besitze in oder Händlern im Ausland den hiesigen Schleifern übergeben worden. Für den örtlichen Schmucksteinmarkt hatte die Diamantschleiferei nie eine größere Bedeutung. Arbeitsmäßig wurde jedoch eine große Anzahl von Menschen darin beschäftigt. Einer Zahl von 60 Diamantschleifern im Jahr 1890 standen 1937 2700 Beschäftigte gegenüber. Heute haben eine Reihe von Schleifern ihren Beruf gewechselt. Eine Erschwerung der Idar-Obersteiner Industrie bedeutet die Strom- und Kohlenkontingentierung, Man ist sogar in einigen Fällen dazu übergegangen, Wasserschleifen, die ihren Antrieb längst auf Elektrizität umgestellt hatten, wieder zu betreiben.

Die Zahl der in der Schmuck- und Metallwarenindustrie Idar-Obersteins Beschäftigten beläuft sich jetzt auf über 1800. Durch die Neuaufnahme verschiedener Artikel versuchen einzelne Firmen sich in den Wiederaufbau einzuschalten. Und so stellt man jetzt Schubkarren, Schaufeln, Beschlagteile, Möbelbeschläge, Beschläge Und Schnallen für die Lederindustrie, Reißverschlüsse und viele kleine Artikel des täglichen Bedarfs her.