Die Pariser Konferenz endete damit, daß die Vertreter Westeuropas, Bevin und Bidault, und der Vertreter Osteuropas, Molotow/sich gegenseitig vorwarfen, andem Scheitern der Verhandlungen schuld zu sein. Die Ausdrücke, in denen dies geschah, waren – soweit man aus den Berichten ersehen kann – ziemlich scharf. Was der eine "Warnungen" nannte, faßten die anderen als "Drohung" auf. Vorhergegangen war eine klare Präzisierung der Standpunkte. Molotow hatte erklärt, die englisch-französische Forderung, der Wiederaufbau Europas müsse nach einer einheitlichen Wirtschaftsplanung aller beteiligten Völker erfolgen, bedeute einen Eingriff in die souveränen Rechte der kleinen

Nationen. Bevin und Bidault ihrerseits hatten den russischen Vorschlag zurückgewiesen, daß jedes Land für sich seine eigenen Forderungen anmelden müsse, die dann gesammelt an Amerika weitergeleitet werden sollten. Sie begründeten ihre Ablehnung mit der Feststellung, dieses Vorgehen entspreche nicht der Aufforderung Amerikas; aus den Äußerungen. Marshalls ginge deutlich hervor, daß Europa zunächst einmal feststellen, müsse, wieweit es sich selber helfen könne und daß es dann den Bedarf, anmelden solle, für den es amerikanische Hilfe brauche.

Dieser Gegensatz der Meinungen war unüberbrückbar, Nach der Konferenz kam er in der Presse der beteiligten Länder unverhohlen zum Ausdruck. Die kommunistischen Zeitungen warfen den Westmächten Dollarimperialismus vor und beschuldigten sie,, die Truman-Doktrin auf ganz Europa ausdehnen zu wollen. Die westlich orientierte Presse – sprach von Sabotage des Weltfriedens durch die Russen und von dem Wunsch der Sowjetunion, Europa schwach zu halten, um es zu beherrschen.

Die Begleitmusik zeigt, wie stark der wirtschaftliche Konflikt ideologisch fundiert ist. Man geht nicht zu weit, wenn man sagt, daß Kommunisten und Nichtkommunisten heute nicht nur verschieden sprechen, sondern auch so völlig verschieden denken, daß sie sich nicht mehr verstehen können. Dies geht allein schondaraus hervor, daß jede Partei für sich in Anspruch nimmt, Vorkämpfer derFreiheit zu sein, die der andere unterdrücken wolle. Die Einheit. des Denkens, in der Welt ist zerstört, und man muß sehr weit zurückgehen in der Geschichte, wenn man eine ähnliche Situation wiederfinden will, zurück bis zur ausgehenden Antike, als sich Christen und Heiden ebenso verständnislos gegenüberstanden wie heute die Kommunisten und ihre Gegner.

War daher eine Einigung in Paris überhaupt möglich? Der Krieg hat eine schwere Unordnung in der Weltwirtschaft hinterlassen. Den Überschußländern, deren Produktion gewaltig gewachsen ist, in erster Linie den USA, stehen die Zuschußländer gegenüber, die fast ganz. Asien und Europa umfassen. Länder, die nicht nur durch unmittelbare Zerstörung, sondern auch durch den Verschleiß ihrer Industrieanlagen, den Ausverkauf ihrer Läger und das Aufzehren ihres. Kapitals gelitten haben.

Diese Länder brauchen Zeit und Anleihen, um die Investierungen vorzunehmen, die für ihre wirtschaftliche Gesundung notwendig sind. Beides wollen die USA ihnen geben. Sie. wollen damit den Weltmarkt vom Export her organisieren, indem sie die Wirtschaft der Zuschußländer aufbauen, um selber bei ihnen Absatz für die eigene Produktion zu finden und ihnen, gleichzeitig die Möglichkeit zu bieten, Gegenleistungen in Form von Importen zu liefern. Die Welt soll, dies ist dasZiel, nach dem Grundsatz der Meistbegünstigung zu einem großen freien Markt entwickelt werden, bei dem jede Mangelwirtschaft mit allen sich aus ihr ergebenden Beschränkungen aufgehoben ist.

Völlig anders, ist die wirtschaftspolitische Konzeption der Sowjetunion. Getreu ihrem Grundsatz einer krisenlosen Wirtchaftsordnung – der die ursprüngliche Idee zugrunde liegt, jede Arbeitslosigkeit zu vermeiden –, will sie die staatlich gelenkte Wirtschaft nicht beseitigen, sondern totalitär immer weiter ausbauen. Sie verfährt dabei so, daß, sie das Ziel des Fünfjahrplanes bewußt so hoch ansetzt, daß seine Erreichung die Leistungsfähigkeit ihrer Wirtschaft – auch unter Einbeziehung der osteuropäischen Staaten – übersteigt. Daneben sind unter ihrem Einfluß gleich weitgehende Pläne auch in den angeschlossenen Ländern entwickelt worden. Was die Sowjetunion von der übrigen Welt erwartet, sind Waren, für die sie überflüssige Rohstoffe, Agrarprodukte, Gold Platin und Luxusartikel liefern will. Ihr Bedarf an Waren ist auf sehr lange Zeit unbeschränkt. Jede Ausfuhr eigener Waren hingegen wird als Entzug von Produktionskraft angesehen und nach Möglichkeit vermieden. Eine Beteiligung an einer freien Weltwirtschaft durch freien Im- und Export ist daher für sie so undenkbar, daß sie geradezu als ein Verbrechen angesehen werden müßte, weil sie den Grundsatz einer krisenlosen Wirtschaft zerstören würde.