Folgende neue Bestimmungen werden bei den Abiturientenprüfungen in der französischen Zone Ende dieses Sommers zum ersten Male angewandt: Die Aufgaben werden zentral vom Ministerium gestellt. Die schriftliche Prüfung ist anonym, der Schüler schreibt statt des Namens eine Nummer auf die Arbeit, die fremden Lehrern zur Beurteilung vorgelegt wird. Die mündliche Prüfung wird von Lehrern durchgeführt, die den Prüflingen unbekannt sind.Das Examen findet an einem fremden Schulort statt.An die Stelle der alten Zensuren treten Punkte von 1 bis 20, aus denen der Durchschnitt ermittelt wird. Mindestens 13 Punkte sind zur Studiererlaubnis erforderlich.

Leute, die ihre Hochschulreife ruhigen Zeiten erwarben, haben sich oft gefragt, ob eine Abiturientenprüfung überhaupt nötig sei. Denn ein Lehrerkollegium, das ohne Prüfung nicht in der Lage gewesen wäre, die Schüler, die ihnen aus jahrelanger gemeinsamer Arbeit bekannt waren, gerecht zu beurteilen, hätte seine Bankerotterklärung unterschrieben. Aber ein solches Kollegium gab es nicht. So war das Abitur mehr oder minder eine Formalität, ein abschließender Akt. Wer durchfiel, hatte es verdient.

Dennoch hätten damals die Primaner eine strenge Prüfung, von deren Ergebnis allein die Erlaubnis zum Hochschulbesuch abhängig gemacht worden wäre, kaum zu fürchten brauchen, weniger jedenfalls als heute. Denn jene Schüler hatten, weder vom Staat noch vom Krieg noch von der Not des Tagees, sondern allein von der Schule in Anspruch genommen, neun ununterbrochene Jahre an der Ausbildung ihres Geistes und der Ansammlung exakten Wissens arbeiten können. Wie anders dagegen ist die Situation der Schüler heute: Den partei- und kriegsbedingten Unterbrechungen des Lernbetriebes, den seelischen Schlägen sind Nahrungs- und Wohnungssuche, Holzeinschlag und Aufbauarbeit, Lehrer- und Lernmittelmangel, Unterernährung undKrankheit gefolgt.

In einer solchen Zeit scheint es ein ganz besonderes Wagnis zu sein, allein durch eine Prüfung die Reife eines Schülers ermitteln zu wollen. Dennoch wird in der französischen Zone dieses Wagnis unternommen. Die Absicht, eine strenge Auslese zu treffen, um damit die Zahl der Immatrikulationen an den überfüllten Hochschulen zu senken und das Entstehen eines Bildungsproletariats zu verhüten, ist richtig. Richtig ist auch der Grundsatz, persönliche Beeinflussung bei der Prüfung weitgehend auszuschalten. Würdedurch die Änderung der Zweck erreicht, nämlich die objektive Ermittlung der Würdigsten, so wäre das neue Abitur in der Tat ein Gewinn. Ob die entschiedene Schockwirkung des neuen Abiturs das richtige Mittel darstellt, muß unter den gegenwärtigen Verhältnissen zweifelhaft erscheinen, und man weiß nicht, wie eine gerechte Beurteilung ohne Berücksichtigung der schulmäßigen Leistungsbilanz, also ohne die genaue Kenntnis des Prüflings, möglich sein soll. Wer als Prüfling X. versagt, muß nicht notwendig ein Versager sein. HH