Die Münchner und die ihr gefolgten weiteren Kundgebungen der in- und ausländischen Delegierten an die deutsche Jugend haben ein wenig internationale Luft zu uns gebracht. Die Erscheinung Gides ist dabei mehr als ein nur rhetorisches Ereignis. Man weiß, daß Thomas Mann nicht den Weg nach Deutschland gefunden hat – die großen Franzosen jedoch haben es immer wieder verstanden, entgegen der herrschenden Meinung, selbst ihres eigenen Landes zu denken. Und wie Rolland niemals gezögert hätte, sich unserer suchenden und desorientierten Jugend zu stellen, so trat ihr jetzt der greise. Gide entgegen, der als einziger die Plejade des modernen Frankreichs überlebte.

Gide hat in diesen Tagen den Briefwechsel mit Marcel Proust, dem schon lange Dahingegangenen, veröffentlicht, nachdem er die überragende Bedeutung des Romanciers eingesehen und sich für die frühere Ablehnung Prousts entschuldigt hatte. Paul Valérys Tod ist noch frisch in der französischen Erinnerung. Er war das Symbol französischer "Clarté" uns Deutschen vertrauter denn jeder andere moderne Franzose durch Rilkes Übertragungen. Den Weg zum deutschen Leser fand André Gide durch die Deutsche Verlagsanstalt, die noch vor 1933 die Gesamtausgabe herausgebracht hatte. Aber die Jugend, die jetzt von Widerstandsbewegung, Kollektivschuld – alle Redner haben sie abgelehnt – und dem Fiasko der Vergangenheit, ihrer Vergangenheit, hört, kennt Gide nur dem Namen nach. Dennoch: selten ist ein französischer. Dichter so ungestüm-herzlich begrüßt worden wie der gelassene, chinesisch weise Gide, dessen aufrechte, festlich würdevolle Gestalt sich durch die gebannt schweigende. Menge der Studenten bewegte. Seine Bewegungen sind gemessener geworden. Sie haben etwas Zögerndes bekommen. Aber in dem sachlich klaren, unantastbaren Gesicht leuchtet eine apollinische Sicherheit, die dem seitengen Denken überlegen scheint. Man ist versucht, an Stefan George erinnert zu werden. Aber wie sich Gide frühzeitig vom Denken Mallarmés getrennt hat, auch wenn er Mallarmé den vollkommenen französischen Vers zuspricht, so scheidet ihn von George eine weltzugewandte, unromantische Präzision, die das "rhythmische" Arkadien von je gemieden hat.

Schwerlich hätten Stefan George oder Rudolf Borchardt eine Rede an die Jugend so improvisiert und aus dem Schatz der Erfahrung heraus formuliert wie André Gide. Es ist keine zündende Rede. Frankreich hat Rhetoriker genug entwickelt: die Aragons, Peguys, all die Hymniker eines erlösten Weltzustandes, sind mit französischer Eloquenz durchtränkt. Gide aber erinnert auch in den knapp formulierten Sätzen nicht zufällig an die Angelsachsen, denen sein Alterswerk so sehr verpflichtet ist. Das ist der Meister der Hamlet-Übertragung, der ‚,Caves du varican" und der "Faux Monnayeurs", der intimen Tagebücher schriftstellerischer, Verantwortung, der intimsten, die wir seit dem 18. Jahrhundert besitzen. Und seltsamerweise verläßt Gide vor den Tausenden das Intime nicht.

Mit Riesenlettern stehen an der Brüstung des Balkons die Worte geschrieben: "Ich glaube an den Wert der kleinen Zahl. – André Gide." Dies ist einer der herrlichsten Leitsprüche für die Jugend, für ihren Glauben an Auslese und geistige Zucht und einer der zukunftweisenden Gedanken der Moderne (die Wohlfahrt der Massen brauchen wir nicht zu propagieren, sie ist das Tagesgespräch der öffentlichen Meinung). Gide hat es zwar nicht unterlassen, an unsere Ernährungsnot zu denken; aber die behutsam, mit descartschem Zweifel hingesetzten Worte gleiten unmerklich ins Dichterische über, verlassen das Parkett der Politiker, wenden sich an den verborgenen Menschen: "Les journées de Munich m’emplissem de joie." Es sind Bemerkungen von jener Art, wie sie uns aus Gides Tagebüchern vertraut sind, Gedanken, die ein gefaßter und menschlich tief erfüllter Geist seinen jungen Nachfolgern zuruft. Was für ein köstlicher Gide, der das Lachen der "Provincials" von Pascal über den Ernst seiner "Pensées" stellt, der Hesses "Steppenwolf" zitiert – selten werden deutsche Romanciers von Ausländern angeführt –, um uns Deutsche durch einen Deutschen zu belehren: "Hört doch auf, euch allzu ernst zu nehmen!" Und der die beunruhigende Katastrophe des zweiten Weltkrieges in einem Nebensatz registriert. – Aber warum aufzählen, was von Gide in ein; elementares Gefühl der Teilnahme gefaßt ist, jene echte, persönliche, wohltuende und warme Teilnahme, die bei allen Rednern mitschwingt – etwa wie Männer ihren engsten Freunden einen Rat hinterlassen, der ihre ganze Erfahrung zusammenfaßt.

Das überhaupt ist das Tröstlichste: Während nach dem ersten Weltkrieg eine solde Kundgebung übergeschäumt wäre von Menschheitsideen und Verbrüderungsträumen, die schon am nächsten Tage durch die politischen Ereignisse widerrufen worden wären, sind diesmal die Worte bedächtiger, die Ratschläge ernster, als wüßten sie alle, daß das Spiel nun nicht mehr verloren werden darf. Die Grundfarbe dieser besorgt aufgeschlossenen Atmosphäre ist im "lettre intime" deutlich getroffen, den Gides Ansprache im Grunde darstellt, so wie Rilke jungen Menschen geholfen oder Dichter ermuntert hat, Dichter zu sein. Gide ermuntert diese Jugend, Jugend zu sein: Das ist die sagesse, die Weisheit eines Alters, das den geistigen Wandel; unseres Kontinents so aufmerksam begleitet, das von Anatole France bis zu Jean Paul Sartre, von Bergson bis Jean Wahl die ungeheuren Spannungen durchlebte – durchlebt, die Frankreich und Europa durchzucken. Und dann geschieht das Wunder, daß man, Auge in Auge mit diesem so ohne Makel gewachsenen Genius, jedes Gefühl für das Vergängliche verliert; das Wunder, ihn dem körperlichen Verfall trotzen zu sehen. Gide hat sich, nicht selbst überlebt. Er ist jung wie die Jugend, zu der er spricht.

Egon Vietta