Die am 30. Juni geplatzte französische Verschwörung ist noch immer in ein gewisses Dunkel gehüllt, so daß sich Endgültiges noch nicht sagen läßt. Erstaunlich erscheint auf den ersten Blick, daß neben Bretonen, die immer "dagegen" sind, maßgeblichen Vertretern der Armee und der Luftwaffe und Monarchisten auch Kollaborationisten, unter denen sogar Marcel Déat genannt wird, und Angehörige der Widerstands-Bewegung sich hier zusammengefunden haben. Dies findet aber seine Erklärung in dem Gewissenskonflikt, in den die Gegner der Republik in ihrer Eigenschaft als Faschisten gerieten, als sie im Herbst 1939 als Franzosen gegen Deutschland zu kämpfen, hatten. Unter diesen alten Gegnern der Dritten Republik sind im Rahmen der neuen Verschwörung auch die Cagoulards wiederaufgetaucht.

Die faschistisch eingestellte Gruppe der Cagoulards (La Cagoule = die Kapuze) entstand 1937 mit dem Ziel, die als korrupt und unfähig angesehene Dritte Republik zu stürzen und damit die kommunistische Gefahr zu bannen. Einflußreiche Kreise der Armee und der Finanz unterstützten diese Verschwörung. Besonders gut waren damals und sind vielleicht auch heute wieder die Verbindungen der Cagoulards zum Nachrichtendienst der-Armee. General Giraud war Cagoulard, de Gaulle wurde auch dazu gerechnet, und Pétain, der seit langem mit de Gaulle politisch eng verbunden war und auch der Pate des ältesten Sohnes von de Gaulle ist, dürfte zumindest über die damaligen Pläne unterrichtet gewesen sein.

Die Niederlage Frankreichs im Westfeldzug hatte eine Spaltung der Cagoulards zur Folge. Die einen führten als Nationalisten den Widerstand gegen Deutschland offen und geheim weiter, während andere die innenpolitischen Grundsätze für wichtiger hielten und mit Deutschland zusammenarbeiteten, um so vielleicht die Dritte Republik beseitigen zu können. Die Gründung des autoritären Etat Francais unter Pétains Führung kam ihren Absichten entgegen. So fand man Cagoulards an vielen wichtigen Kommandostellen der Vichy-Regierung.

Bei beiden Gruppen kannte das dominierende Motiv, hier die traditionelle antideutsche Haltung der französischen Rechtskreise, dort die Ablehnung der parlamentarischen Staatsform, das jeweilige Gegenmotiv nicht völlig überdecken, Das führte dazu, daß die Cagoulards, die mit der Vichy-Regierung arbeiteten, die deutsch-französische Zusammenarbeit auf das unerläßliche Minimum herabzudrücken versuchten. So waren sie an der Durchführung des Putsches vom 13. Dezember 1940, der Laval stürzte, beteiligt. Auch liefen Verbindungen zu den ehemaligen Gefährten, die mit de Gaulle im angelsächsischen, demokratischen Lager standen.

Diejenigen Cagoulards, die im Lager "der Demokratie kämpften, um den Erbfeind Deutschland. zu bekriegen, haben nun ihre alten antiparlamentarischen und antikommunistischen Grundsätze nicht vergessen. Die Tatsache, daß die Kommunisten die stärkste französische Partei gewerden sind, mag sie darin bestärkt haben, sich wieder mit allen alten Bundesgenossen zusammenzutun, ungeachtet dessen, was sie in der Zeit der deutschen Besetzung trennte. So entsteht der gemischte Verband, der den Widerstandskämpfer neben den Vichymann bringt.

Die große und von allen gestellte Frage, ist, ob General de Gaulle und seine Sammlungsbewegung von den Plänen der Verschwörer wußten. Sicher ist, daß einige seiner Freunde und Mitkämpfer in die Angelegenheit. verwickelt sind. Anderseits heißt es, daß die Ermordung de Gaulles durch "Kommunisten" und andere angeblich kommunistische Gewalttaten das Fanal für das Eingreifen des "Maquis Noir", wie sich die Verschworenen nannten, geben sollten,

Die Männer des Maquis Noir sind ohne Zweifel eine gefährliche Bedrohung für die Vierte Republik, denn es sind alte Routiniers des illegalen Kampfes, die ein Geräusch von klirrenden Handschellen und knackenden Gewehrschlössern umgibt und die sich ebenso auf das Herstellen von Bomben wie auf das Schmuggeln von Waffen verstehen. – Beunruhigend ist daran, daß der Geist der Gewaltpolitik auch anderswo noch lebhaft umgeht und daß weite einflußreiche Kreise in Frankreich, die sich energisch dagegen verwahren, daß ihre lauteren Absichten in Zweifel gezogen werden, bereit sind, ihre letzte Zuflucht für die Erreichung politischer Ziele bei den Waffen zu nehmen. Ihr vornehmstes Argument der Verteidigung, daß nämlich die äußerste Linke sich auch nicht scheue, ja im Begriff sei, ihrerseits ein Terrorregiment einzurichten, stimmt dabei nicht tröstlicher. ds.