Die kürzlich eröffnete Bielefelder Buchausstellung "Weltoffene Schweiz" zeigt 2500 Bände der schweizerischen Verlagsproduktion. Besonderes Interesse erwecken die in einer Sonderschau zusammengefaßten geschichtlichen und politischen Schriften von der jüngst vergangenen deutschen Geschichte. Der nachfolgende Bericht aus der Schweiz gibt einen kurzen Überblick über die Neuerscheinungen des letzten Jahres.

Steht man heute als Deutscher in einer Schweizer Buchhandlung, so öffnet sich einem eine unbekannte Welt. Die Fülle der Erscheinungen ist überwältigend. Etwa ein Drittel der in der Schweiz erscheinenden Literatur sind Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Englischen, ein zweites Drittel Übersetzungen aus anderen Sprachen, das letzte Drittel stammt von Schweizer oder vereinzelt von deutschen Verfassern. Hinzu kommen die laufenden Neuauflagen der Klassiker. In der letzten Vergangenheit ist der Schweizer Verleger ein gewisser Treuhänder des deutschen Buches geworden, und der deutsche Bücherfreund wird glücklich sein, wenn ihm eines Tages das erreichbar sein wird, was der Schweizer Buchhandel bewahrt und neu geschaffen hat.

Auf dem politischen Sektor beschäftigen sich eine ganze Reihe von Büchern mit dem Geschehen des letzten Jahrzehnts, vor allem mit Deutschland, oder mit den Vorgängen vor und während des Krieges. Ende 1946 erschien der zweite Band "Bis zum bitteren Ende" von Gisevius, der sich mit der Zeit des inneren Widerstandes bis zum 20. Juli 1944 beschäftigt. Kurz davor waren die Tagebücher des Grafen Ciano und das Buch des im Anschluß an den 20. Juli hingerichteten Botschaften von Hassel "Vom anderen Deutschland", das aus den nachgelassenen Tagebüchern von 1938 bis 1944 zusammengestellt worden ist, herausgekommen., Es wäre schwer, alle Bücher, die diese Vergangenheit behandeln, anzuführen. Aber man wird den wesentlichen Teil dieser Bücher lesen müssen. Zu verschieden sind die Persönlichkeiten, ihre Standpunkte Möglichkeiten des Einblicks gewesen. Nur nach einem Vergleich ihrer Erleb-’ nisse, Erfahrungen und Urteile wird es gelingen, ein klares Bild der Vergangenheit zu erhalten.

Auffallend ist, daß über Rußland in den letzten Jahren so gut wie nichts erschienen ist. Man findet lediglich etwas belletristische Literatur oder kleinere Kriegsbücher russischer Autoren. Von nichtrussischen Autoren berichten nur Walter Boßhard ("Erlebte Weltgeschichte", Reisen und Begegnungen eines neutralen Berichterstatters im Weltkrieg 1939-1945) und der Engländer Aldridge in einzelnen Kapiteln seiner Bücher über Rußland.

Weitaus schwieriger ist es, einen Überblick über die Bücher zu gewinnen, die sich mit den geistigen, psychologischen oder wirtschaftlichen Grundlagen der heutigen Zeit beschäftigen. Es begegnen uns Namen wie Benedetto Groce, Stanislaw Warynski, Guglielmo Ferrero, Jacques Maritain, Walter Lippmann und Joseph A. Schumpeter in der Schriftenreihe des A. Francke Verlages "Mensch und Gesellschaft", die der Aufgabe dienen soll, sich über die im menschlichen Gemeinschaftsleben wirkenden Kräfte Rechenschaft zu geben. Die "Psychologischen Grundlagen der geschichtlichen, und sozialen Entwicklung" von Emil J. Walter und das Buch "Vom Geist der Massen" von Paul Reiwald sind die bedeutenden Neuerscheinungen auf psychologischem Gebiet.

Besonders umfangreich ist die unterhaltende Literatur. Zu den Büchern, "von denen man spricht", gehört Erich Maria Remarques ,,Arc de Triomphe", das sehr packend, oft auch recht pikant das Emigrantenmilieu in Paris von 1936 bis 1939 schildert. – Der große Publikumserfolg – wohl, in der ganzen Welt, außer England, wo es verboten ist – ist das Buch von Kathleen Winsor "Amber". Eine Sittenschilderunng vom ’Hofe Karls II., in deren Mittelpunkt die Dirne und "Herzogin" Amber steht. Beide Bücher wurden inzwischen in Hollywood verfilmt. – Als besten Roman der letzten Zeit bezeichnet man das Buch von Ayn Rand: "Der ewige Quell" ("The Fountainhead") Eine packende Auseinandersetzung mit der heutigen Gesellschaft und ihren typischen Vertretern in Amerika. – Upton Sinclair hat neue Wege beschritten. In seinem letzten Buch "Drachenzähne" findet man eine scharf gesehene kritische Darstellung der Zeit. vom New Yorker Börsenkrach. 1929 bis zur deutschen Bartholomäusnacht am 30. Juni 1934. Die neuen Werke von Cronin, dem Russen Garbatow, Priestley, St. Zweig und Soderholm dürfen nicht vergessen werden sie und viele andere neue Bücher der Schweiz geben einen bemerkenswerten Querschnitt durch die Neuerscheinungen der Weltliteratur.

J.W.