Ein krankes Deutschland ist genau so gefährlich wie ein tolles Deutschland." Dieser Satz steht in einem Artikel, den H. R. Trevor-Roper in der Wochenausgabe der "New York Times" veröffentlicht hat. Der Verfasser ist Lehrer an der Universität Oxford. Vorher war er Offizier im britischen Geheimdienst-und hatte in dieser Eigenschaft die Aufgabe, Ermittlungen über den Tod Hitlers anzustellen. Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist das vielgelesene Buch "Hitlers letzte Tage". Trevor-Roper ist kürzlich durch Deutschland gereist, hat Bayern, Frankfurt, das Ruhrgebiet, Berlin und verschiedene deutsche Universitäten besucht und erzählt jetzt von seinen Eindrücken.

Berichte dieser Art, zumal wenn sie in der nüchternen und leidenschaftslosen Art erstattet werden, die dem angelsächsischen Charakter, entspricht-, sind für uns außerordentlich aufschlußreich. Wir sollten, uns gründlich in sie vertiefen, auch unsererseits ohne Leidenschaft und vor allem ohne Empfindlichkeit. Es mag uns in unserer besonderen Lage nicht immer gefallen, wenn man uns kühl analysiert, aber wir sollten uns darüber klar sein, daß eine wesentliche Voraussetzung einer erfolgreichen Deutschlandpolitik der Sieger darin besteht, daß sie uns richtig sehen und daß sie das Gesehene richtig deuten. Und schließlich sind wir selbst nicht so gesichert in unserer Selbsterkenntnis, daß wir es uns leisten könnten, fremde Urteile unbeachtet zu lassen

Trevor-Roper berichtet, daß er in Deutschland ein "politisches Vakuum" vorgefunden habe. Das ist der Generalnenner, auf den er. seine mannigfachen Eindrücke bringt. Er findet, dieses Vakuum in den Köpfen der Deutschen. "Sie haben", so sagt er, "ihre selbstgefälligen Illusionen verloren; sie haben aber keinen Verantwortungssinn gewonnen." An die Stelle des alten Glaubens sei kein neuer Glaube getreten. Dem englischen Beobachter scheint es sogar, daß wir allen Willen und jede Hoffnung eingebüßt hätten. Er stellt bei allen Deutschen einen "völligen Pessimismus fest, der sich im günstigsten Falle als ein nur um den nächsten Tag besorgter Fatalismus auswirke, im ungünstigstenFalle als eine Sentimentalität der Hilflosigkeit und des Selbstmitleids. Das läßt uns als ein Volk erscheinen, "das unfähig ist, Schuld zu empfinden, aber jederzeit bereit, sein eigenes Elendsbewußtsein zu romantisieren".

Die letzte Ursache für diesen Zustand erblickt Trevor-Roper im Totalitarismus und seinem Zusammenbruch, in der Tatsache, daß ein totalitäres System. keinerlei Aktivität außerhalb des Staates duldet und daher bei seinem Ende nur ein Nichts zurücklassen kann. Bei der weiteren Analyse des deutschen Vakuums hebt der Artikel die grundlegenden Änderungen unserer wirtschaftlichen und sozialen Struktur hervor: die Lahmlegung unseres industriellen Apparats, den Untergang des deutschen Mittelstandes, die neuen Grenzen und die Massenwanderung aus dem Osten, nicht zuletzt, auch die Bodenreform in der Sowjetzone. Zwar versuche die alte Generation immer noch, den Schein eines früheren Standards zu wahren; aber im Grunde gebe es nur noch zwei wirtschaftliche Klassen in Deutschland: die unpolitischen Bauern und die große Masse der Enteigneten.

Das politische Leben in Deutschland findet Trevor-Roper durch und durch unwirklich. "Politik", so stellt er fest, "ist manchmal der Ausdruck – wirklicher politischer Kräfte und manchmal nur die Betriebsamkeit von Politikern." Nach seiner. Meinung kann man schon auf den ersten Blick erkennen, daß das, was sich heute in Deutschland politisch abspielt, in die zweite Kategorie gehört. "Die Parteien und Parteiführer sind im allgemeinen alte Parteien und alte Männer in einer neuen und revolutionären Situation." Diese Diskrepanz wird noch starker betont als die Tatsache, daß deutsche Politiker, auch wenn sie fähig wären, heute nur wenig zu bestimmen hätten. Wenn aber die Politik, in Deutschland einem "Marionettentheater" ähnelt, einer allenfalls "unterhaltsamen Fassade", so sind "die wirklichen politischen Kräfte im Hintergrunde, und verborgen".

Die Frage nach diesen Kräften "in Reserve" beschäftigt den englischen Beobachter stark. Er bezweifelt, daß die Zurückhaltung von ewiger Dauer sein wird, und nimmt an, daß mit besseren Lebensbedingungen in Deutschland die Reservekräfte in das politische Leben eingreifen werden. "Welche politische Form werden sie annehmen?" Auf-der Suche nach einer Antwort auf diese Frage hat Trevor-Roper verschiedene, deutsche Universitäten besucht, um aus den dort vorherrschenden Ideen auf eine zukünftige deutsche Politik schließen zu können. Er hat bei unseren Hochschulen einen all-, gemeinen Skeptizismus gefunden, einen "Zynismus. der Verzweiflung" und als vorherrschende geistige Richtung die Existentialphilosophie, die er als Philosophie des Nihilismus bezeichnet und von der er annimmt, sie könne noch einmal zu der Ideologie eines zweiten Rosenberg führen.

Zusammenfassend stellt der Bericht fest, daß das ehe Deutschland tot sei, daß es aber schwerfalle, Gültiges über das kommende Deutschland vorauszusagen, abgesehen von der Feststellung, daß es sticht durch die heute tolerierten Parteien repräsentiert sein werde. "Die neuen Beherrscher Deutschlands mögen Kommunisten sein oder Neonazis, sie mögen sogar – denn keine historische Entwicklung ist vorausbestimmt – Liberale sein. Zur Zeit scheint die Wahrscheinlichkeit gegen die Liberalen zu sprechen."