Von Hans-Achim von Dewitz

Im Schatten der holländisch-indonesischen Verhandlungen und ausgelöst durch sie hat sich in Djokjakarta ein Kabinettswechsel der republikanisch-indonesischeu Regierung vollzogen. Der bisherige Ministerpräsident Satan A. Sjahrir nahm seinen Rücktritt als Folge des Widerstandes, der sich in den linksgerichteten und radikaleren indonesischen Parteien gegen einige Zugeständnisse richtete, die er den Holländern zu machen im Begriffe war. Das Bild dieser holländisch-indonesischen Verhandlungen ist für den Beobachter durchaus verworren. Für den fernen Europäer schien das Abkommen von Linggadjati Vom November vorigen Jahres zumindest grundsätzlich den Konflikt zwischen Holland und Indonesien im Sinne der künftigen holländisch-indonesischen Union gelöst zu haben. Niemand begriff angesichts der mangelhaften Unterrichtung, warum noch ein Dreivierteljahr später sich beide Parteien stets hart am Rande der bewaffneten Auseinandersetzung bewegen; warum immer neue Verhandlungen in immer neuen Sackgassen endeten, und welches nun eigentlich die Punkte sind, die für die gegenseitige Verständigung eine so unüberwindliche Hürde bilden.

Beide Parteien waren in Linggadjati dahin übereingekommen, die Vereinigten Staaten von Indonesien und die Holländisch-indonesische Union bis zum 1. Januar 1949 aufzurichten. Für die Übergangszeit schlugen die Holländer eine gemischte vorläufige Regierung vor in der ganz richtigen Erkenntnis, daß vor allem die drängenden wirtschaftlichen Notwendigkeiten Indonesiens eine Fortsetzung des Interregnums nicht rateam machen. Die Indonesier haben diesem Gedanken unter, der Bedingung zugestimmt, daß mindestens die Hälfte der Mitglieder der Interimsregierung aus Vertretern der indonesischen Republik (Java,. Sumatra, Madura) bestehen und daß Beschlüsse mit einfacher Mehrheit gefaßt werden, sollen, Im weiteren Verlauf der Verhandlungen hat sich die Auseinandersetzung offenbar auf die holländische Forderung zugespitzt, daß die Interimsregierung jedenfalls einen mit dem Vetorecht ausgestatteten Vertreter der holländischen Krone enthalten müsse. Die Antwort Soekarnos war durchaus asiatisch: sie enthielt kein Nein, ja sie erwiderte sogar, daß die indonesische Republik keinen Einwand gegen die Anwesenheit eines Vertreters der Krone im Kabinett habe, aber sie überging die entscheidende Frage, nämlich die des Vetorechts, offensichtlich mit Stillschweigen. Immerhin machte Soekarno bereits in der Zubilligung des Vertreters der Krone eben jenes Zugeständns, über das Sjahrir vierundzwanzig Stunden früher gestürzt war. Sowohl Soekarno wie Sjahrir oder irgendeiner der übrigen beteiligten Indonesier wissen genau, daß man mit dem Veto alles machen und alles – verhindern kann. Ihre empfindliche Wachsamkeit über die junge indonesische Souveränität wird verstärkt durch ihren Verdacht, daß die Holländer – auch heute letzten Endes nur eine Wiederholung ihrer Taktik von 1930 beabsichtigen könnten, als sie schon einmal das indonesische Leben auf administrativem Wege nach Ansicht der Javanen praktisch auf den kolonialen Zustand zurückzuführen verstanden hatten.

Die zweite Streitfrage ist die der gemeinsamen Polizei und damit der bewaffneten Streitkräfte überhaupt. Die meist auf europäischen Universitäten herangebildeten, indonesischen Führer wissen nur zu genau, daß diese Frage sich in der Geschichte der Staaten stets als die Frage der eigentlichen Macht erwiesen hat. Der indonesische Standpunkt ist, daß die Wahrung von Gesetz und Ordnung eine ausschließliche Angelegenheit der indonesischen Republik sei und daß auch die Verteidigung der Vereinigten Staaten von Indonesien allein diesen selbst zustehe. Die einzige Hilfe für eine Übergangszeit dürfe in der Lieferung von Material und der Stellung von Beratern bestehen. Demgegenüber verweisen die Holländer darauf, daß die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung und die Sicherung von Leben und Eigentum unbedingt die Aufstellung einer gemeinsamen Polizeitruppe erforderten, und sie erinnern an den Artikel 7 des Abkommens von Linggadjati, der ausdrücklich die Verteidigung als gemeinsames Interesse einer Holländisch-Indonesischen Union bezeichnet. Verdacht und Mißtrauen der Indonesier finden in den verschiedensten Vorgängen Nahrung. Man beanstandete in Djokjakarta, daß die Holländer, die mit Batavia und Teilen von Semarang und Soerabaja militärisch eigentlich nur noch stützpunktartig vertreten sind, ihre Truppen, die von dem holländischen General Kruls bereits mit 100 000 Mann beziffert werden, unausgesetzt verstärken, obwohl nach dem Artikel 16 von Linggadjati beide Parteien dahin übereingekommen seien, ihre Truppen zu vermindern. In der angeblichen Tolerierung, wenn nicht offenen Unterstützung der separatistischen Pasoedan-Bewegung auf Westjava durch die Holländer erblicken die Indonesier ein weiteres Moment, das sie der Vorbehaltlosigkeit der holländischen Absichten mißtrauen läßt.

Wirtschaftlich zielen die Holländer auf eine Regelung ab, die, zum mindesten für die Übergangszeit, den gesamten indonesischen Raum, also nicht nur die Republik, sondern auch Borneo und den "Großen Osten", umfaßt. Einer Einigung am nächsten scheint man sich in der Frage der grundsätzlich durch die Indonesier schon zugestandenen Rückerstattung holländischen und europäischen Eigentums zu sein, wenn auch die praktische Durchführung bereits manche Schwierigkeit bietet und noch bieten wird.

Das Bestreben der Indonesier, im Verkehr mit der Außenwelt auch wirtschaftlich souverän handeln zu können, wird bestärkt durch die Befürchtung; daß mit einer holländischen Vormundschaft praktisch auch die englische und amerikanische Wirtschaft in unerwünschtem Umfange Einfluß nehmen wird. Es lagen in der Weltpresse bereits Meldungen vor, daß die Holländer auch den Amerikanern jene früher den Engländern gegenüber gültig gewesene Vereinbarung angeboten hätten, derzufolge die amerikanische Wirtschaft zu den gleichen Bedingungen wie die holländische in Indonesien würde arbeiten können. Es ist interessant. daß die USA jetzt eine wirtschaftliche -Unterstützung Indonesiens von der Annahme der holländischen Vorschläge abhängig gemacht haben.

So ist der Weg zur Verwirklichung des Abkommens von Linggadjati nicht frei von Hindernissen, aber auch nicht ohne Hoffnung. Auch im Kabinett Sjarifuddin, der ein Mann Soerkaruos ist, überwiegt, die gemäßigte Richtung der Indonesier, Die Holländer andererseits wissen genau, daß eine militärische Kraftprobe die Gefahr in sich birgt, zum Chaos eines Partisanenkrieges ohne Ende zuführen, und daß die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen militärischen Aufgebots die finanziellen Mittel Hollands auf die Dauer übersteigt.