Von Claus Woldemar Schrempf

Die Revolution von 1789 gab mit der Beseitigung der Dynastie in Frankreich den Anstoß zu einer Umgestaltung Europas, in deren dialektischer Entwicklung zwei entgegengesetzte Lösungsversuche hervortraten; die napoleonische Militärdiktatur nach dem Prinzip der Unterwerfung unter einen einzigen Willen, oder die Vereinheitlichung der Teile in einer Konföderation europäischer Republiken nach dem Prinzip der Freiheit und Gleichheit. Diese Lösung im Sinne der ursprünglichen Revolutionsidee vertrat selten Jemand entschlossener und konsequenter als Madame de Staël, die Tochter des Genfers Necker, der als letzter Finanzminister im Anden régime durch unheilvolle Maßnahmen zum Untergang des Königtums beigetragen hatte. Diese Frau wurde Napoleons gefährlichste Gegnerin. Geschah es aus schweizerischer Freiheitsliebe und aus Abneigung gegen den Despotismus, daß sie den ersten Konsul und Kaiser der Franzosen bekämpfte. so waren ursprünglich auch persönliche Motive im Spiel. Die Tochter Neckers hatte sich einst Hoffnungen gemacht mit ihrem stürmischen Temperament, ihren Geistes? gaben und ihrem Reichtum, die schöne Josefine bei Napoleon ausstellen zu können. Sie hatte den aufstrebenden Bonaparte mit ihren Werbungen verfolgt und ihn bei einem Interview mit der indiskreten Frage überfallen: ,,Welche Frau lieben Sie am meisten?" "Die meinige", hatte er trocken entgegnet. "Aber welche Frau schätzen Sie am meisten?" "Diejenige, die die meisten Kinder zur Welt, bringt." Das war die Antwort eines Generals, der an seine Rekrutendepots dachte.

In ihren Salons wie in ihren Büchern trieb dann die Gattin (und später als Witwe) des schwedischen Gesandten Baron v. Stael-Holstein eine unermüdliche Opposition gegen den Korsen, nachdem sie Napoleon und seine Ziele völlig durchschaut hatte. Sie fühlte, kalte Verachtung auf. dem Grunde seines Wesens und jene tiefe Ironie, der nichts entging, nicht das-Erhabene und auch nicht das Schöne, nicht einmal sein Ruhm: "Ich habe bedeutende Männer genug gesehen, auch wilde. Naturen, aber die Furcht die ich vor diesem empfinde, ist besonders. Dieser, nämlich ist weder gut noch böse, weder sanft noch grausam. Er ist mehr und auch weniger als ein Mensch. – Er haßt nicht mehr als er liebt, für ihn existiert nur er selbst, alle anderen sind Nummern. Ein großer Schachspieler, für den die Menschheit den Gegner darstellt, den er sich vornimmt schachmatt zu setzen! Er verachtet die Nation, deren Beifall er sucht, kein Funken Begeisterung mischt sich in sein Bedürfnis, die Menschheit in Erstaunen zu setzen. Ich habe in seiner Gegenwart nie frei atmen können."

In der gewitterschwülen Zeit, in der Bonaparte seinen Übergang von der Diktatur zum Kaisertum vorbereitete, erschien ihr Briefroman "Delphine", der sie weltberühmt machte und ihr zugleich die Ungnade des Allgewaltigen eintrug. Schon die Widmung – "dem schweigenden Frankreich" – hatte etwas Aufreizendes. Den Inhalt des Buches, verurteilte Bonaparte als unsozial, un-– moralisch, unreligiös – und, was er für das Schlimmste hielt, als proenglisch. Das Buch schien alles herabzusetzen, was ihm teuer war, und alles zu verherrlichen, was er haßte.

Aus Frankreich ausgewiesen, trat Madame de Stael im Winter 1803 ihre große Entdeckungsreise nach Deutschland an; Im Weimarer Dichterkreis, wie auch am sächsischen Hofe fand sie die beste Aufnahme. Ihr überragender Geist, ihr Wissen, ihre Beredsamkeit flößten den-Männern teils Bewunderung, teils Schrecken ein. Am meisten verdankte sie Schiller, der seine Arbeit am Teil, unterbrach, um die berühmte Pariserin in die Gedankenwelt des deutschen Idealismus einzuführen. Auf der Weiterreise machte sie in Berlin die Bekanntschaft August Wilhelm v. Schlegels, der sich ihr mit seiner – ganzen Person in einer schämen Vertragsurkunde verschrieb und sie als Hofmarschall und gelehrter Ratgeber bis an ihr Lebensende durch ihr ruheloses Emigrantendasein begleitet hat.

Die Abwesenheit Napoleons im Feldzuge 1806/7 benutzte sie zu dem Versuche, sich wieder nach Paris einzuschmuggeln. Doch Napoleon ließ sie durch seine Geheimpolizei beobachten und vereitelte ihre Pläne. Ihre neuen Gesuche um Aufenthaltserlaubnis wurden abgewiesen "weil sie imstande ist, Leuten das Denken beizubringen, die es nicht konnten oder verlernt hatten." So kehrte sie auf ihr Schloß Coppet bei Genf zurück und vollendete in jahrelanger Arbeit ihr Hauptwerk "De Allemagne", das den Franzosen einen Begriff von deutscher Geistes- und Wesensart vermitteln sollte.

Abermals stahl sie sich nach Frankreich; um den Druck ihres Buches zu überwachen und wenn möglich wieder in Paris Fuß zu fassen. "Freude – das ist entweder Liebe oder Paris oder Macht", lesen wir. in einem ihrer Briefe. Ihr jahrzehntelanges Liebesverhältnis mit Benjamin Constant war. allerdings nur ein wildes Duell der Leidenschaften, bei dem beide ihr Lebensglück zerstörten. Was Madame de Stael sich unter Macht vorgeteilt hat, geht allerdings wohl über ihre Geltung in den Salons nicht weit hinaus. Der Salon war ihr Wirkungskreis, Literatur ihr Lebenselement. Alles, was ihr begegnete, Menschen und Zustände, Ansichten und Umwälzungen, verwandelte ihr Feuergeist in sprühende Konversation. Ihre Reise endete vorzeitig durch den Befehl, Frankreich binnen 48 Stunden zu verlassen, während gleichzeitig ihr neues Buch beim Verleger beschlagnahmt und als staatsgefährlich verboten wurde. Völlig geschlagen flüchtete, sie wieder nach Coppet. Aber ihre Stunde war nicht mehr fern.