Seit im Jahre 1921 in Gottlosen zum ersten Male eine Händeloper auf die deutsche Bühne gebracht wurde, ist viel darüber gestritten worden, ob diese Wiedererweckung dem deutschen Musiktheater neue Anregungen gegeben habe, oder ob sie nicht vielmehr erst dadurch möglich wurde, daß bereits ein neuer Stilwille zum Durchbruch gekommen war, der vom Wagnerschen Musikdrama fort zur Musikoper führte. Das Verdienst der Händel-Renaissance wird aber durch – solche Erwägungen nicht geschmälert. Sie hat unser musikalisches Geschichtsbild, erweitert, unsere Kenntnis Handels vertieft, eine Fülle edelster-Musik zu neuem Klang erweckt. Die Göttinger Händelgesellschaft hat das einmal Begonnene weitergeführt und bis heute etwa ein Dutzend Opern neu herausgegeben und während der sommerlichen Festspiele aufgeführt. Sie ist dabei von den stark bearbeiteten und gekürzten Fassungen der ersten Jahre zu originalgetreuen und ungekürzten übergegangen. Damit ist der Aspekt der Aufführungen immer mehr historischer geworden, auch in den Inszenierungen von Hanns Niedecken-Gebhard, die nach mancherlei Wandlungen und Versuchen in gemalten Barock-Architekturen und Reifrock-Kostümen und mit einer der strengen musikalischen Symmetrie angepaßten Bewegungsform ihren endgültigen Stil gefunden zu haben.scheinen.

Auf der also vorgezeichneten Linie Verlief auch die diesjährige Erstaufführung des "Theseus" (entstanden 17 12). Er gehört zur Gattung der Zauberoper. Seine Geistesbschwörungen, phantastischen Verwandlungen und aus den Wolken fallenden Erscheinungen gehen einen Begriff von der Schaulust. und den Maschinekünsten der damaligen Zeit. Die zentrale Gestalt der Zauberin Medea, vom Textdichter mit sorgloser Inkonsequenz gezeichnet, von Händel mit bildkräftigen Beschwörungsszenen und pompösen Wutarien bedacht, ist beispielhaft für die Typenfiguren des musikalischen Barock-Theaters, dem es in der Abfolge der Asien, vor allem auf den Wechsel der Affekte ankam, ob sie jeweils zur Person paßten oder nicht. Alles dies und manches andere kannten wir bereits aus früheren Händelopern und fanden es im "Theseus" bestätigt. Wieder war es auch der Dirigent Fritz-Lehmann (den Göttinnen jetzt als Intendanten dauernd für sich gewonnen hat), der durch die Unmittelbarkeit seines Musizierens den strengen Schematismus des Kunstgebildes mit pulsierendem Leben erfüllte. Trotzdem kam man zu dem Schluß, daß sich die Ausgrabung weiterer Opern im Grunde nicht rechtfertigen läßt, Ein Vierteljahrhundert. hat erwiesen, daß sie sich nicht im Spielplan halten. Es bedarf einer besonderen inneren Bereitschaft, um sich in ihre fremde und ferne Welt einzuleben. Was wir von ihnen kennen, gibt ein gerundetes Bild vom Händelschen Gesamtkunstwerk. Was in den unbekannten noch an musikalischen Schätzen ruht, läßt. sich für den Konzertsaal retten. Die Göttinger Händelgesellschaft war wohl selbst zu der Einsicht gekommen, daß den Festspielen neues Blut zugeführt werden müsse. So griff sie den Gedanken des Intendanten Lehmann auf, jene Bettler-Oper von Gay und Pepusch aufzuführen, die im Jahre 1728 in London solch ungeheuren Erfolg hatte, daß sie das Händelsche Opernunternehmen ins Wanken brachte. Diese Bettleroper ist nicht weniger als das erste national-englische Singspiel.

Die Gesellschaft, auf die das Stück gemünzt war, ist nicht mehr. Die Kunstform, die es ad absurdum führen wollte, feiert heute Auferstehung. Was für die Gegenwart bleibt, ist ein kulturgeschichtliches Dokument, eine Burleske, deren roher Text für unser Empfinden in einem gewissen Widerspruch steht zur Frische und Liebenswürdigkeit der unterlegten Volksmelodien. Der – Regisseur Ludwig Schiedermair hatte das Buch einfühlend überarbeitet, doch blieben noch dramaturgische Schwächen wie die zweimalige Auslieferung des Räuberhelden durch die Dirnen. Schiedermair stellte Hogarthsche Gestalten auf eine Jahrmarktsbühne und brachte die komödiantischen Wirkungen mit Phantasie und Laune heraus. Das Göttinger Theater-Ensemble, soweit es dem Schauspiel und der Operette angehörte, traf den frechen Ton nicht übel, während die Opernsänger ihre Wohlanständigkeit nicht ganz überwinden konnten.

Einer neuen Bühnenlaufbahn der Bettleroper wird vermutlich Brecht-Weills "Dreigroschenoper" im Wege stehen, in der ein hochbegabter Dichter den Stoff neu geformt und (im Sinne der zwanziger Jahre) aktualisiert hat. Nichtsdestoweniger war die Aufführung des Originals in Göttingen ein verdienter großer Erfolg.

Gertrud Runge