Von Friedrich Ahlers-Hestermann

Den schweren dunklen Klang "Hundert Jahre" auf Max Liebermann zu beziehen, mag, zumal den Älteren von uns, die ihn und sein Wirken noch als lebendige Realität gekannt haben, sonderbar ankommen, während es etwa bei einem Hans Thoma. ganz natürlich erschiene; hatte doch dieser freundliche Patriarch schon im Leben etwas Hundertjähriges. Liebermann dagegen War in Werk und Person gespannte Energie und immer sprungbereiter, heller Geist. Sein Name war früh ein Kampfruf gewesen, wie der des jungen Gerhart Hauptmann, und auch als er längst vom Erfolg emporgehoben, war, auch als sich eine neue Jugend ohne ihn oder gegen ihn in Bewegung setzte, zeigte er keine Resignation, keine Müdigkeit, sondern es blieb immer die Atmosphäre wacher polemischer Bereitschaft und kompromißloser Entscheidung um diesen Unruhigen mit den dunklen Augen und der großen scharfen Nase.

Eine umfassende, entwicklungsmäßig gegliederte Ausstellung seines Lebenswerkes ist augenblicklich praktisch unmöglich, und so freuen wir uns, daß dank der jahrzehntelangen Beziehungen zwischen dem Künstler und Alfred Lichtwark der Besitz der Hamburger Kunsthalle den Kern einer immerhin so reichen Und vielseitigen Ausstellung bilden konnte, wie sie, vervollständigt durch die Leihgaben der Bremer Kunsthalle und einiger Sammler, jetzt der Kunstverein in den Sälen Louis Bode und Sohn in-Hamburg zeigt.

Einen besonders warmen Reiz gibt dieser Jubiläumsausstellung die Wiedersehensfreude mit Bildern, die zwölf Jahre lang hinter: dem braunen Vorhang verschwunden waren. Und viele – gerade viele intensive Freunde der Malerei – haben diese Bilder vielleicht wesentlich länger nicht eigentlich gesehen; denn da war so viel erregend Neues – daß sie für Liebermann, den gerade "Überwundenen", nur noch einen kurzen höflichen Seitenblick hatten oder ihn als Gegenbeispiel benutzten. Durch die lange Verbannung aus der Öffentlichkeit und dadurch, daß er nicht mehr Zeitgenosse ist, hat er nun die Chance, "historisch" betrachtet zu werden. Der unsachliche. Vergleich fällt weg, die stillere, unegoistische Versenkung wird möglich.

Sie findet – will mir scheinen – das schönste Genügen in den frühen Werken: Da ist eine Spitzenklöpplerin von1881, eine Naturstudie von schimmernd-blühender Sachlichkeit. Das Schwarz und Ultramarin des .Kleides steht vor einer lachsrosa Hauswand mit der smaragdgrünen Andeutung eines Fensterladens. Da ist das große, stille Bild der nähenden Waisenmädchen, blond mit Schwarz und mattem Rot, gehoben durch ein feines kühles Grün. Die ganz naive Anmut des einen Mädchenprofils in seiner hellen, festen Malerei, ohne eine Spur von Süße oder Sentimentalität, macht schon für sich allein das Bild liebenswert. – Das später machtvoll, ausgebaute Thema der lichtdurchschossenen Alleen wird leise präludierend angeschlagen in dem feinen staubgrauen Pastell von der "Kirchenallee" mit den schwarzen Stämmen und einem blaßrosa Dienstmädchen (1890). Doch gleich daneben, sind mit dem großen Aufwand des gelösten Maltemperaments die "Netzflickerinnen" und der schlicht-monumentale "Bürgermeister Petersen" entstanden, in denen sich, wie auch in der "Frau mit den Ziegen" (Münchener Pinakothek) die jugendliche Vollkraft seiner Malerei mit der überlieferten Förderung des "Bildes" (im Gegensatz zu der spontan vor der Natur entsandenen Studie) zu völlig ausgetragenen Schöpfungen vereint. In diesem Sinne sind sie von späteren Werken nicht übertroffen, ja kaum wieder erreicht worden. Die andere Seite dagegen: im Sturzflug auf das Objekt stoßen, es packen und auf die Ebene seiner Darstellung tragen, hat Liebermann noch weiter, entwickelt, etwa in der Reihe seiner Amsterdamer Judengassen, der Einzelbildnisse und der Wannseegärten.

Dieses bis zuletzt wahrhaft lebendige Malerdasein hat viele Wandlungen durchgemacht, denen hier im einzelnen nicht nachgegangen werden kann und soll. Nur ganz "impressionistisch" könnte man den Unterschied zwischen seinem früheren und dem späteren Werk durch einen Vergleich mit seiner Vaterstadt Berlin charakterisieren: Da scheint denn die Frühzeit noch etwas von der Atmosphäre Wilhelms 1. und Theodor Fontanes zu haben, von dem Berlin der Linden und des Alten Westens, während die kurz vor der Jahrhundertwende einsetzende. neuere Produktion die gänzlich gewandelte Stadt Wilhelms II. spiegelt, die Stadt des Kurfürstendamms, des weltstädtischen Tempos, der kritischen Intelligenz und des kulturellen Ehrgeizes. Der Vergleich ist nicht wörtlich zu nehmen, denn Liebermann hat außer ein paar Tiergarten-, szenen nie ein Berliner Motiv gemalt. – Aus der Versponnenheit der Romantik, den Bezirken der Deutsch-Römer mit ihrer Sehnsucht nach Süden und Vergangenheit, aus der philiströsen Genügsamkeit der Düsseldorfer Genremalerei und der provinziellen Luft seiner Vorgänger; selbst eines Menzel, hat die deutsche Malerei mit Liebermann den Schritt ins Europäische und Weltgültige getan.

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