Großer Himmel! Wie weh das tut! Das ist oben der rechte Arm! Armer Arm! Legst du ihn neben dich, so ganz langsam, gekrümmt, die Hand auf dem Bauch, so kannst du mit soviel Vorsicht dein Leben besser ertragen: Den Schmerz, den Hunger, das nasse Wetter, das harte Bett, das nasse Wetter, den plündrigen Stuhl, das nasse Wetter ...

Im Nußbaum vor dem Fenster sitzt eine Amsel. Amsel. – Was mag aus Amseln Nick geworden sein? Was aus seiner Schwester Dagmar? Kümmert sich jemand um sie? Hatten sie nicht einige Tropfen jüdisches Blut in den Adern? Damit wird es ihnen in dieser vereideten Welt heute vielleicht gut gehen. Aber, wer kümmert sich, wenn sie nun keinerlei Tropfen jüdisches Blut hätten?

An der Wand, in der Schräge, ist eine kleine Wanderausstellung aus Licht und Schatten geboren. Ich blinzle, dann sehe ich deutlich einen handgroßen, zierlich geschnitzten Pegasus, sehr zerbrechlich, mit abgestoßenen, ausgelöschten Farben und mir etwas Weiß, und Gold an den Flügeln ist besser erhalten. Der Pegasus hat das rechte Vorderbein zum Sprung erhoben.

Hach – mein Arm! Der Pegasus ist fortgesprungen, Da liege ich, eine geschlagene Frau. Ein geschlagener Mann ist etwas ganz anderes.

„Tami“, sagt mein lieber Herr Professor, der sich nun schon vier Wochen lang um meine Überreste bemüht, „es nützt nichts, hier ist Krankenhaus unsere einzige Rettung.“

Nun komme ich vielleicht bald zum alten Eisen auf den Friedhof – und von meinen zehn Büchern ist immer noch keins erschienen, noch nicht das kleinste Lorbeerblatt ist irgendwo im Blätterwald zu entdecken. Nein, hier auf dem Friedhof lassen die Eingeborenen mich nicht so einfach ruhen! Es hat sich herumgesprochen – ich. habe eine andere politische Überzeugung, gelinde gesagt, linksradikal. Ich bin so gar aus Bremen?

Mir kann es ja gleich sein, wohin die Einheimischen später meine verblichenen Überreste hinlegen. Bücher habe ich umsonst geschrieben. Auf meinen Grabstein, wo immer er auch stehe, graviert: Der Untenliegende hat; der viele internationale politische Blödsinn plus Wut über alle die, die nicht einmal in der Partei gewesen sind, das Herz gebrochen. Unterzeichnet Tami Oelfken.