Werfel-Erstaufführung in Berlin

Komödie einer Tragödie“ nannte Franz Werfel dieses, sein letztes Drama; er vermied die -Tragödie, so unvermeidbar sie vom Thema her scheint; er beschwor das ferne Schattenbild zweier Gestalten, die menschliche Tragik und Romantik, aber auch überlegene Narrheit und instinktive Klugheit in sich vereinen. Er nannte sein Drama „Jacobowsky und der Oberst“ – in den beiden Helden dieses Titels stehen somit wieder einmal Don Quichotte und Sancho Pansa einander gegenüber, nur daß diesmal der Diener seinen Platz vor dem Herrn bekommen hat: die Komödie herrscht trotz der Tragik, der gesunde Menschenverstand trotz der Romantik.

Werfel besaß die bewundernswerte. Freiheit, in der Figur seines Jacobowsky sozusagen einen demokratischen Sancho Pansa zu geben. Dieser kleine jüdische Mann mit dem fröhlichen Herzen und dem klugen Kopf durchwandert die Stationen des Höllenweges, den die Geschichte der letzten Jahrzehnte sein Volk zu gehen zwang: Flucht nach Flucht ist sein Los, von Polen nach Deutschland, Von Deutschland nach Österreich, von Wien nach Prag, von Prag nach Paris, bis ihn der zweite Weltkrieg auch aus Paris und von neuem auf die Landstraße treibt. An diesem Punkt setzt die Komödie ein; denn auf diese Flucht nimmt er den Obersten des Titels als seinen Don Quichotte mit und bekömmt es fertig, ihn im Laufe der sechs Bilder von seiner Romantik und seinem Heldentheater. so weit freizumachen, daß sie am Ende gemeinsam und versöhnt die neue Flucht aus Frankreich, dem Land der romantischen Liebe und der Frauen, ins Land der Sachlichkeit – antreten können. Für ein dramatisches Gebilde ist diese Anlage von einer Idee aus und in einer immer gleichen, immer wiederholten Grundform aller Szenen eine etwas diffizile Voraussetzung. Jedes Bild ist Flucht, und jedes ist Gegensatz zwischen Jacobowsky und dem polnischen Obersten Stjerbinski, mit dem er flieht. Im Luftschutzkeller des kleinen Pariser Hotels beruhigt Jacobowsky mit seinem Optimismus die ängstlichen Seelen der Gäste. Der Oberst, unterwegs zu seiner fernen Geliebten, tut das Gegenteil, indem er, in seinem Zimmer mit einem kleinen Pariser Mädchen beschäftigt, das Verdunkeln vergißt und dadurch die Flieger’ anlockt. Am nächsten Tag kommen die Deutschen, der große Treck beginnt; Jacobowsky erwirbt ein vor- – sintflutliches Auto und verläßt die entsetzte Stadt.

Den Obersten nimmt er als seinen polnischen Landsmann mit und läßt sich von ihm verleiten, die Fahrt über Pontivy zu machen, wo Marianne, die angeblich so romantische Geliebte, haust. Jacobowsky sieht den Unsinn; er macht trotzdem den Umweg mit, holt die junge’-Frau ab und verliebt sich sogar in sie, so daß er auf der weiteren Flucht selber fast romantische Cyranozüge bekommt. Er rettet den Reden schwingenden und sich bei Marianne mit einem Geigensolo anmeldenden Don Stjerbinski durch seine kluge Sachlichkeit vor, der drohenden Katastrophe; dannflieht er halb vorsich selbst und seinem Gefühl allein weiter, um schon im nächsten Bild die beiden wiederzutreffen und nun seinen größten Sieg zu erringen: er zwingt nicht nur den Obersten auf das Fundament des Wirklichen zurück, er überwindet mit seiner positiven, untragischen Haltung, zum Leben, die ihn immer von neuem gläubig den Kampf gegen Phrase und billigen Pessimismus aufnehmen läßt, sogar den englischen Captain, der Angehörige der polnischen Armee sammelt, so daß er ihn auf seinem Schiff mitnimmt in das sachliche England, wo man Leute wie Jacobowsky brauchen kann.

Es wäre ein leichtes, die Schwächen aufzuzeigen, die sich aus der gleichbleibenden Struktur der Szenen wie aus der Entwicklung des Ganzen von einer Idee her ergeben müssen. Werfel hat diese Schwächen selbst gesehen und mit wirksamen Episoden zu überdecken versucht: etwa mit dem reizenden Einfall des französischen Brigadiers, der Jacobowsky, weil er nicht die notwendigen Papiere hat, zunächst verhaftet und nicht weiterfahren läßt, bis es plötzlich neun Uhr schlägt: daist sein Dienst zu Ende, der Mensch löst den Beamten ab – er hilft dem Delinquenten zur weiteren Flucht. Entscheidend ist das Vorbild, das Werfel menschlich wie dichterisch gibt, indem er, der selbst alle bösen Erfahrungen, des Fliehenmüssens durchlebt hat, von sich doch die Kraft zum Ja, zur überlegenen Komödie verlangt und zugleich mit dieser Distanzierung dem Drama der Zeitnähe’ einen möglichen Weg zur notwendigen Distanzierung vom Stofflichen überhaupt zeigt, Der Dichter des „Spiegelmenschen“ hat hier der Welt und der Literatur einen anderen Spiegel vorgehalten, der erheblich mehr sichtbar macht als nur den gegenständlichen Widerschein durchlebten Grauens.

Die Aufführung im Hebbel-Theater, die letzte der Spielzeit; hatte stark die sommerliche Tönung, die auf Berliner Bühnen von heute nicht nur während der Monate der langen Tage üblich geworden zu sein scheint. Die Pallenberg-Rolle des Jacobowsky spielte Herrmann-Schaufuß mit seiner freundlichen Wärme und Behaglichkeit; der Oberst war Walter Süßenguth. In der Gestalt der Marianne glitt ein Schatten von Lu Säuberlichs zarter Kunst vorüber. Paul Fechter