Man kann es als ein Gesetz bezeichnen, daß jedes wirtschaftliche und politische Gestaltungsprinzip den Keim zu seiner eigenen Überwindung in sich trägt. Auch die kapitalistische Verkehrswirtschaft hat schon frühzeitig aus sich heraus eine. Fülle von Bindungen, Konkurrenzbeschränkungen. und Machtzusammenballungen entwickelt, die das „freie Spiel der Kräfte“ in vielen Teilen der Volkswirtschaft mehr oder weniger ausschalteten. Von der einfachen Festlegung der Wettbewerbsbedingungen bis zur völligen monopolistischen Beherrschung einzelner Märkte spannt sich eine verwirrende Fülle von Einzelformen.

Immerhin lassen sich zwei Grundtypen der Wettbewerbs- und Produktionsregelung unterscheiden, je nachdem, ob es sich um rechtliche Vereinbarungen im übrigen selbständig bleibender Unternehmen mit dem Ziel der Marktbeherrschung handelt (Kartelle) oder um die wirtschaftliche Angliederung vor-, nach- oder nebengeordneter Betriebe (Konzerne). Insbesondere die Konzernbildung, die sich vielfach im Zwielicht einer ungenügenden Publizität vollzog, hat zu wahren Monstergebilden in sich verschachtelter und verfilzter Abhängigkeiten geführt, die selbst dem Eingeweihten manchmal kaum noch zu durchschauen waren. Durch Zwischenschaltung von Tochtergesellschaften genügte zur kapitalistischen Beherrschung ganzer Wirtschaftszweige oft ein Bruchteil des Kapitals der Dachgesellschaft Demgegenüber war die Kartellbildung leichter kontrollierbar, insbesondere dort, wo eine staatliche Meldepflicht bestand. Beide Konzentrationsformen haben an den Landesgrenzen nicht haltgemacht, sondern in die Weite der Weltwirtschaft hinausgegriffen.

Angesichts einer derartig komplexen Materie verbietet sich jede schematisierende und oberflächlich verallgemeinernde Beurteilung von selbst. Kartelle und Konzerne sind an sich weder gut noch böse. Eine gerechte Abwägung der Vorteile und Nachteile kann nur fallweise unter eingehender Würdigung der völlig verschiedenen Verhältnisse in allen Wirtschaftszweigen erfolgen. So liegt z.B. eine vertikale Konzernierung dort in der Natur der Sache, wo es.sidi darum handelt, ein Erzeugnis im kontinuierlichen Produktionsprozeß durch alle Bearbeitungsstadien vom Rohprodukt zur Fertigware hindurchzuführen.

In Anbetracht der mit ökonomischen Machtzusammenballungen leicht verbundenen politischen Kräftekonzentration könnte der Staat dieser Entwicklung auf die Dauer nicht tatenlos zusehen. Insbesondere die Wettbewerbsbeschränkungen durch die Kartelle erregten seine Aufmerksamkeit. Sollte die Herausbildung unkontrollierbarer Machtgebilde innerhalb des Staates vermieden werden, so gab es zwei Möglichkeiten: entweder Verbot und Bekämpfung der Kartelle – dieser Weg wurde in des Vereinigten Staaten beschritten – oder staatliche Kontrolle, die unter Umständen zur Bildung von Zwangskartellen führte. Dieser Weg wurde in Deutschland beschritten. Ob die Vereinigten Staaten erfolgreich waren, mag. bestritten werden. Der deutsche Weg, der vom Nationalsozialismus im Sinne seiner Machtpolitik umgebogen wurde, führte direkt in den Abgrund Durch die Einschaltung der wirtschaftlichen Organisationen für politische Zielsetzungen wurde die ganze Angelegenheit auf die Ebene der internationalen Politik gehoben. Die wirtschaftliche Konzentration mußte somit als die ökonomische Entsprechung der allgemeinen Zentralisation erscheinen, und die Beseitigung beider wurde daher konsequenterweise als Programmpunkt in den Potsdamer Beschlüssen verankert.

Die Einigkeit der ehemaligen Feinde erschöpfte sich aber auch hier im wesentlichen in der Negation; die Auffassungen über den nunmehr zu erfolgenden „positiven“ Umbau gingen dagegen erheblich auseinander, entsprechend der Haltung zu der politischen Alternative: Zentralismus, oder Föderalismus. Besonders verhängnisvoll im Hinblick auf eine spätere gesamtdeutsche Regelung war dabei, daß es nicht bei den verschiedenen Auffassungen blieb, sondern daß jede Besatzungsmacht in ihrer Zone alsbald mit dem Umbau begann. Am konsequentesten in dieser Hinsicht scheint die russische Zone zu sein: Nach Angaben, die der amerikanische Außenminister – Marshall auf seiner Reise nach Moskau in Paris machte, haben die Russen 50 v. H. der deutschen Industrie in der von ihnen besetzten Zone in sowjetisch geleiteten Kartellen zusammengefaßt. Die Maßnahmen in den Vereinigten westlichen Zonen beruhen auf dem „Anti-Trust-Gesetz“ vom Februar 1947, in dem der deutschen Industrie die Beteiligung an deutschen und internationalen Kartellvereinbarungen verboten wird und in dem auch den Konzernen weitgehende Beschränkungen auferlegt werden. Trotz der gemeinsamen Basis bestehen aber zwischen den Angelsachsen offenbar erhebliche Auffassungsunterschiede im einzelnen. Die Amerikaner neigen entsprechend ihrer föderalistischen Grundeinstellung stärker zur Wiederherstellung’ einer möglichst freien Konkurrenz; die Engländer wollen dagegen den Weg der Sozialisierung beschreiten. Allerdings wird eine eigentliche Verstaatlichung ausdrücklich abgelehnt, da damit die Gefahr einer’Neukonzentration in den Händen des Staates verbunden ist. Allenfalls eine Überführung in Länderbesitz scheint nach dieser Auffassung möglich, also eine Art „Verkleinstaatlichung“, eine Art Kantonisierung. Alles in allem läßt die angelsächsische Haltung eine größere Bereitschaft zum Eingehen auf den Einzelfall erkennen.

Daß die zweifellos notwendige Auflösung aller ökonomischen Machtzusammenballungen, die das wirtschaftliche Optimum weit überschritten haben, durch diese Politisierung des Problems gefördert worden sei, kann nicht behauptet werden. Auch deutsche Parteien haben mit erfrischender Deutlichkeit erklärt, daß sie den Umbau der deutschen Wirtschaftsverfassung als eine ausschließlich deutsche Angelegenheit betrachten. Das um so mehr, als Deutschland den Westmächten eines Tages wieder als Mitbewerber am Weltmarkt gegenübertreten muß und wird. Da nun Kartelle und Konzerne nicht mir der Aufrüstung als willfährige Werkzeuge dienen, sondern unter Umständen auch die Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt ganz erheblich steigern, würde eine Einschaltung der Engländer und Amerikaner in diese Angelegenheit u. U. falsch ausgelegt werden können. Ihre Einigkeit in diesem negativen Teile des Programms könnte als gemeinsame Frontstellung gegenüber einem künftigen Konkurrenten mißdeutet werden.

Was positiv, zu geschehen hat, darüber gehen auch die Auffassungen der Parteien ziemlich weit auseinander... Besonders aufschlußreich in dieser Hinsicht waren die Sozialisierungsdebatten in den Landtagen von Düsseldorf und Hannover. Wenn dabei auch Schlagworte wie – Entprivatisierung, Überführung in Gemeinwirtschaft, Gemischtwirtschaft und genossenschaftliche Wirtschaftsform eine große Rolle spielen, so war doch andererseits auch eine gewisse Annäherung der (Standpunkte zu verzeichnen. Selbst von sozialistischer Seite wurde eins, einfache Verstaatlichung kategorisch abgelehnt und der Privatinitiative ein angemessener Spielraum zuerkannt. Die nichtmarxistischen Parteien erkannten vorbehaltlos die Notwendigkeit an, gewisse Schlüsselindustrien der privaten Verfügungsgewalt zu einziehen. Würde man auf diesem Wege weitergehen, so würde man erkennen, daß die Frage der optimalen Wirtschaftsverfassung überhaupt nicht vom Boden einer wie auch immer gearteten Parteidoktrin her zu lösen ist, sondern nur als Ergebnis einer nüchternen und vorbehaltlos abwägenden Untersuchung von Fall zu Fall.