Von Adolf Grimme

Bei der Amtseinführung des Landesbischofs Dr. Hanns Lilje in Hannover hielt der Kultusminister des Landes Niedersachsen, Dr. Adolf Grimme, eine bedeutsame Ansprache über das Verhältnis von Kirche und Staat in der heutigen Zeit, die wir im Wortlaut wiedergeben.

Auchmein erstes Wort, dasich nun nach dem Herrn Ministerpräsidenten unseres Landes als Ressortminister zu sprechen habe, gilt Ihnen, Herr LandesbischofMarahrens. Es ist. ein Abschiedsgruß und ist ein Wort des Dankes. Ich weiß, Sie nehmen diesen Dank nur hin, um ihn im gleichen Augenblick weiterzuleiten an den, der höher steht als alle Staatsregierung und alles Kirchenregiment; denn Sie empfinden es wie wir als ein Geschenk, daß zwischen Wollen und das unsere sich niemals die zerstörerische Macht gedrängt hat, die in Deutschland das öffentliche Leben auch heute bereits wieder zu vergiften pflegte das mangelnde Vertrauenzueinander. Vertrauen und das, was aus ihm quillt: die Toleranz, dies beides und dazu der Wille, keinem Menschen, auch keiner Macht der Welt gegenüber anders als gerecht zu verfahren, das hat jeder als Grundzug Ihres Wesens und Ihrer Arbeit auch dann empfinden müssen, als dies Verbauen einer Belastungsprobe ausgesetzt war,an der wohl weniger gläubige Naturen zerbrochen wären. Das eben war es: Ihr Vertrauen war wie Ihr ganzes Tun Frucht jener Gläubigkeit, die auf dem Fundament des Wortes ruht: Es kann mir nichts geschehen.

Und was geschah um Sie herum und was an Ihnen selbst?! Es geschah, daß die ja nicht nur zeitbedingte, vielmehr zuvor niemals in unserer Geschichte grundsätzlich ausgetragene Problematik des Verhältnisses von Staat und Kirche aufbrach entscheidend mit an Ihrer eigenen Person. Die mehr als ein Jahrtausend alte Inkongruenz der beiden. Mächte lag mit auf Ihren Schultern,-und es erschien so und erscheint so, als sei die; Spannungsfeld nie auszuschreiten. Doch scheint es nicht vielleicht nur deshalb so, weil schon der Absatzpunkt der Fragestellung falsch ist? Denn heißt es wirklich Kirche oder Staat, als handelte es sich um die Frage, ob eins von beiden der Souverän des anderen zu sein vermöge? In Wirklichkeit geht ja der Rechtsstreit gar nicht um den echten Vorrang; denn weder dient der Staat der Kirche, noch sei jemals die Kirche Dienerin des Staates! Die Kirche ist ihrem Wesen nach staatsunabhängig, doch auch der Staat ist umgekehrt, wenn wir die Kirche als empirisches Gebilde nehmen, nicht seinerseits ecclesiae ancilla. Dem würde schon die Mannigfaltigkeit der Kirchen widerstreiten: der Staat steht nicht nur einer Kirche gegenüber. Und wenn er als ein demokratischer ein Toleranzstaat sein will, muß er dem Kirchenplural gegenüber paritätisch sein.

Wie also stellt sich das Verhältnis dar? Wir fragen: Wem dient der Staat? Die Antwort? Erhat dem Volk zu dienen. Doch damit ist die Antwort lediglich verschoben; denn nun ersteht die Frage: Ist Volk der schlechthin letzte Wert? Erfüllt es seinen Lebenssinn durch seine bloße Existenz? Indem wir diese Frage stellen hebt sich das ab, was Staat und Kirche in ihrer Zielgerichtetheit verwandt macht. Sie beide sind dazu da, zu helfen, daß diese-Welt, in die der Mensch hineingeschickt ist, die Welt des wird, der uns in sie: hineingeschickt hat. Die Existenz des Volkes erschöpft sich nun mal nicht in seinem bloßen Dasein; denn wenn das Reich, wie es im Evangelium des Johannes heißt, auch nicht von dieser Welt ist, von dieser Welt derUnzulänglichkeiten und der Minderwerte, so ist doch jedes Volk wie jeder Mensch als Mitarbeiter Gottes dazu aufgerufen zu helfen, daß auch diese Welt einmal ein Teil des Reiches Gottes werde. Auch diese unsere trübe Erde – sie muß religiöse Erde werden.

In diesem Ziel sind Staat und Kirche urverwandt. Ihm dienen beide und ihm gegenüber ist nicht die eine um der anderen willen da. Und so ist weder, ich wiederholender Staat ecclesiae ancilla, noch ist die Kirche ancilla reipublicae;sie ist nicht einmal ancilla ihrer selbst. Es ist in keinem anderen Heil für sie die Sinnerfüllung ihrer Existenz gegeben – als darin, daß sie um Gottes Willen da ist: sie ist ausschließlich und allein ancilla dei wie auch das Volk im Staat. So leben Staat und Kirche ein getrenntes Dasein; verbunden nur in dieser Zielgemeinschaft? Sonst aber geht die Kirche der Staat nichts an? Wie nun, wenn die res publica vergißt, wozu sie da ist, und wenn die Wirtschaft sich vermißt, als wäre sie um ihrer selbst willen da, und wenn die Politik so tut, als gäbe es kein höheres Interesse als die Eroberung der Macht, wie nun,wenn diese Welt so eingerichtet ist, daß weder Mensch noch Volk zur Sinnerfüllung ihrer Existenz gelangen können? Dann muß die Kirche sich darauf besinnen, daß sie dem Wesen nach das unbestechliche Gewissen des Staates und der Wirtschaft ist: ancilla nicht, nicht domina, wohl aber conscientia rei publicae rerumque publicarum. Der Amosgeist des Alten Testaments, so urverwandt dem Geist des Nazareners, als er die Schieber und Geschäftemacher, deren Gott Profit heißt, aus dem Tempel peitschte, wenn dieser Conscienta-Geist nicht in der Kirche der Gegenwart lebendig wird, dann werden die, die unter den Ungerechtigkeiten der überkommenen Wirtschaftsordnung seufzen, ihr auch in Zukunft wachsend fremd, ja, feindlich gegenüberstehen, weil sie von denen sich in ihrem Kampf im Stich gelassen fühlen, die das Gewissen dieser Welt in sich verkörpern sollten. Verpaßt die Kirche diese ihre Stunde, den Sehnsuchtsruf des Proletariats, das eigensüchtige System derWirtschaft abzulösen, zu dem ihrigen zu machen, verschließt sie sich der Einsicht, daß der Wille, die ökonomischen Verhältnisse von Grund auf neuzuordnen, ein mehr als materielles, daß er ein einst religiöses Anliegen bedeutet, sieht sie nicht, daß ihr – Platz bei denen ist, die auf des Daseins Schattenseite leben und die deshalb unreine neue Wirtschaftsordnung kämpfen, damit auch ihnen möglich ist, zu ihrem Menschtum zu kommen und damit Gottes Ebenbild zu werden, dann wird die Weltkrankheit des Nihilismus sie unaufhaltsam mit in die allgemeine Krise reißen.

Die Kirche aber, die begreift, daß die Religion sich nicht ins Innere des Menschen verkriechen darf, daß sie mehr ist als eine Sonntagsangelegenheit, daß sie auch im profanen Alltag das Gewissen von Mensch und Volk zu sein hat, daß es für das religiöse Erleben keinerlei profanen Reservatraum gibt,die weiß auch, daß Gläubigkeit und Heroismus untrennbarvoneinander sind, weil der religiöse Mensch den Widerstand der Kräfte, dieser Welt hervorruft und so bereit sein muß auch zum Martyrium.