Die italienischen Kommunisten haben sich unter vier Voraussetzungen für den Marshall-Plan ausgesprochen. Sie verlangen, daß kein Block gegen die Sowjetunion gebildet und Europa nicht aufgespalten wird, daß ferner Italien nicht den kapitalistischen Interessen geopfert werde und keine politische Einmischung in die italienische Innenpolitik erfolgt. Dies mag sich als eine platonische Erklärung erweisen, aber die italienischen Kommunisten haben hiermit erneut unterstrichen, daß sie trotz ihrer Ausschaltung aus der Regierung keine frisch-, fröhliche Oppositionspolitik führen, sondern aktiv mitarbeiten und mitgestalten wollen. Die Motive dieser Haltung sind nicht schwer zu erkennen.

Entscheidend dürfte die Erkenntnis Sein, daß die kommunistische Politik von 1923 nur die faschistischen Kräfte gestärkt hat, während, bei einer Beachtung der Spielregeln der Demokratie für die arbeitende Klasse manches erreicht und außerdem in der Partei und in den Gewerkschaften wichtige Machtpositionen hätten geschaffen werden können. Mitgesprochen hat wohl ferner die Überlegung, daß ein eventueller Krieg die Position der Kommunisten Westeuropas entscheidend gefährden würde denn eine zeitweilige Schwächung Rußlands oder auch nur ein politischer Coup wie das deutschrussische Abkommen 1939 würden den westeuropäischen Kommunismus empfindlich treffen.

Vertreter dieser Realpolitik ist vor allem der italienische Kommunistenführer Togliatti, von der „Times“ kürzlich „als der erfolgreichste Kommunist außerhalb der Sowjetunion und der vielleicht größte Kommunist seit Lenin“ bezeichnet. Der jetzt Fünfundfünfzigjährige entstammt dem Kleinbürgertum. Er studierte Theologie und Jura, ging, sehr bald in die aktive Politik und spielte schon als Dreißigjähriger eine entscheidende Rolle als Führer der sozialistischen Linken und Mitgründer der Kommunistischen Partei. Nach dem faschistischen Putsch floh er nach Paris und Moskau, wo er das, volle Vertrauen von Stalin gewann und eine maßgebliche Persönlichkeit der Komintern wurde. Der Erlaß des Jahres 1943 über die Auflösung der Kommintern trug auch seine Unterschrift. Ein Jahr später: kehrte er nach Italien zurück, wo er die Kommunistische Partei aus dem Nichts aufbaute und damit eine umfassende organisatorische Leistung vollbrachte. Überall in Italien, nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Lande entstand als erste Partei die kommunistische. So wurde dieser so bürgerlich aussehende und überall als typischer Italiener auftretende, sich keineswegs als Revolutionär gebärdende Togliatti nicht nur für die Arbeiterschaft, sondern auch für weite Kreise, des Bürgertums und der Bauernschaft der Befreier Italiens. Die Massen jubelten ihm zu, und das Mißtrauen weiter Kreise gegen den Kommunismus wurde gebrochen. Damals wurde das geflügelte Wort geprägt: Auch bei einem kommunistischen Regime unter Togliatti werden wir Musik hören, Tee trinken und Kuchen essen können.

Der realpolitische Kurs von Togliatti hat die Welt oft erstaunt. Der einst maßgebliche Mann der Komintern hat vorbehaltlos mit Badoglio zusammengearbeitet und sogar Humbert als Monarchen anerkannt. Als die Königsfrage dann vom liberalen Bürgertum aufgerollt wurde, hat Togliatti allerdings diese Möglichkeit aufgegriffen, um für die Republik zu werben Nur ungern schlägt er radikale Töne an, im allgemeinen hält er sich fern von radikalen Forderungen und antikirchlicher Propaganda.

Der so gewandte einstige Theologe und Jurist, ist aber zugleich Kommunist alter Prägung und insoweit Schüler von Georges Sorel geblieben, als er in der Arbeiterschaft den Willen zur direkten Aktion und die Bereitschaft zu Demonstrationen und Streiks pflegt. Gelegentlich droht Togliatti sogar mit der Einsetzung bewaffneter Partisanen, allerdings hat er anderseits erst wieder in diesen Tagen auf einer Sitzung des Vollzugsausschusses seiner Partei vor der Gefahr eines Bürgerkrieges gewarnt. Man wolle die Arbeiter nur reizen, So meinte er, um die Gelegenheit für ein Eingreifen der Polizei gegen die Arbeiterschaft zu finden. Um als Organisator frei zu sein, hat Togliatti in der letzten Drei-Parteien-Regierung nur die zweite Garnitur der Kommunistischen Partei eingesetzt. Offensichtlich hat er auf die Parteiarbeit mehr Wert gelegt als sein Gegenspieler in Frankreich, Maurice Thorez, so daß heute die Stellung der Kommunistischen Partei in Italien vielleicht stärker ist als in Frankreich. So hat die sogenannte trotzkijistische Opposition in Italien noch nicht im entferntesten eine solche Bedeutung erlangt wie in Frankreich, und ferner haben sich die Sozialisten so sehr ins Schlepptau der Kommunisten begeben, daß sie bereits Nenni-Kommunisten genannt werden, während die Sozialisten in Frankreich unter Ramadier ihren von den Kommunisten unabhängigen Weg gehen. Diejenigen italienischen Sozialisten, die sich unter Führung von Saragat von dem kommunistischen Einfluß zu lösen versuchten, sind offentsichtlich zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Es wird manchmal von der Doppelzüngigkeit und Doppelgleisigkeit in der staatspolitischen und parteipolitischen Haltung von Togliatti gesprochen; bei diesen Vorwürfen wird aber leicht übersehen, daß Demonstrationen und Streiks legale Kampfmethoden sind. Die Spielregeln der Demokratie lassen es zu, daß die Waffen geschärft werden, bis die Selbstmordpolitik der westeuropäischen Ziviliflttion eine ähnliche Lage schafft wie nach dem vorigen Krieg, als die Wege der einstigen Jugendfreunde und Kampfgenossen Mussolini und Togliatti sich trennten. W. G.