Von A. J. Forrest

England wird heute von dem Common Man, dem Mann aus dem Volke, regiert. Sir Richard Livingstone, der Vizekanzler der Universität Oxford, hat kürzlich gesagt, die nächsten fünfundzwanzig Jahre würdenentscheiden, ob dieser Mann-aus dem Volke der Zivilisation jene Kräfte wahrer Qualität und hoher Kunstfertigkeit zuführen werde, deren sie bedürfe. Zweifellos: – haben sich unter seinem Einfluß die Arbeitsbedingungen, die Wohnverhältnisse, die sozialen Einrichtungen und die Ergebnisse der Wohlfahrt allgemein verbessert. Aber es gibt Dinge, die diesen Errungenschaften entgegengestellt werden können. So verrät das Niveau des Zeitungslesers, der Filmindustrie und der Vergnügungsbetriebe bisher, noch kein Anzeichen geistigen Fortschritts oder neuer Ideen,

Ich habe gerade eine Woche in einem Lager verbracht, das als ein typisches Ferienlager für den Mann aus dem Volke gelten kann. Für einen Engländer ist diese Form, seine Ferien hinter hohen Drahtzäunen zu verbringen, ungewohnt. Innerhalb der – Lagergrenzen gibt es jede Art moderner Vergnügungen, deren Kosten alle in einem Pauschalpreis einbegriffen sind: Ein junger Kanadier W. E. Butlin hat bereits vor dem Kriege begonnen, dieses System zu entwickeln, ein Mann mit vielfältigen Interessen und einer fast sentimentalen Liebe für Blumen und Kinder. Er war einer der jüngsten Offiziere der kanadischen Armee im ersten Weltkrieg – mit fünfzehn Jahren zog er die Uniform an –, und vor etwa zwanzig Jahren begann er, seine Idee sehr bescheiden mit einem Ein-Mann-Vergnügungspark in die Tat umzusetzen. Heute genießt er den Ruf, ein Hexenmeister der Volksbelustigung zu sein; er verfügt über fünf riesige Lager, in denen in diesem Sommer 500 000 Menschen ihre Ferien verbringen werden.

Das Lager, in dem ich war, liegt in Skegness an der Küste von Lincolnshire. Es erstreckt sich über 99 Morgen, von denen 35 Gärten und Sportplätze sind, und es enthält 3125 kleine bunte Häuschen, die, säuberlich aufgereiht, einer Spielzeugstadt aus dem Märchen gleichen. Hier werden in der Hochsaison des August und September 5500 Feriengäste wohnen mit einem Stab von annähernd 1500 Personen, die zu ihrer Bedienung da sind.

Die Organisation ist erstklassig. Die campers, wie die Besucher der kleinen Häuschen genannt werden, sollen sich vom ersten Tage ihrer Ankunft an amüsieren, und die Lagerleitung: ist unermüdlich bestrebt, ihre intensive Kampagne zur Verbreitung, von Freude und Erholung durchzuführen. Jeder Ferientag hat ein großes Vergnügungsprogramm, das mit Bällen, Kabarettvorführungen und, so es das Wetter erlaubt, mit Mondscheinpartien endet. Tagsüber können die „campers“ je nach Wunsch Tennis spielen, in schön angelegten Bassins schwimmen, auf besonders geglätteten Plätzen Rollschuh laufen, in der See baden, im Sande liegen, Reitstunde nehmen und in imitierten „Wiener Cafés“ und „Hafenkneipen“ Bier trinken. Oder sie können auch, wenn sie wollen, den Stacheldrahtzaun verlassen und Omnibusfahrten unternehmen nach sehenswerten Orten, wie etwa dem königlichen Gut Sandringham.

Für Familien mit Kindern bringt solch ein Ferienaufenthalt die Erfüllung langgehegter Wünsche. Sie können unbesorgt ihre Sprößlinge auf den vielen Spielplätzen sich selbst überlassen und auf diese Weise wirklich einmal den häuslichen Sorgen entfliehen. Um den Müttern die notwendige Zeit für Erholung und Zerstreuung zu gewähren, wacht am Abend ein besonders erfahrener Stab von weiblichem Personal über die Häuschen, in denen kleine Kinder schlafen. Und nur wenn ein kleiner Smith oder Brown mit seinem Schreien die Wände zu sprengen droht und völlig untröstlich ist, wird seine Mutter mittels eines Lautsprechers herbeigeholt.

Einige englische Firmen schwören auf dieses Massen-Vergnügungssystem als Heilmittel für diejenigen ihrer Angestellten, die an Nervenkrankheiten, größtenteils Neurosen, einer Folge ihres Einsatzes im Kriegsdienst, leiden. Die Oxforder Preßstahlgesellschaft, eine Firma mit 9000 Angestellten und eine der größten Einzelorganisationen des Landes, hat zwei Häuschen in Skegness dauergemietet. Während der Ferienmonate von März his Oktober schickt sie dorthin ihre durch den Betriebsarzt für eine Ferienkur besonders empfohlenen Fälle von nervösen Zusammenbrüchen, und sie behauptet, einige bemerkenswerte Einzelergebnisse, schon nach einem vierzehntägigenAufenthält erzielt zu haben. In fast jedem der Fälle konnte eine Gewichtszunahme von acht bis zwölf Pfund verzeichnet werden, und nachdem sich diese Kranken anfangs gewöhnlich in der Menge der Vergnügungssüchtigen verlieren, entdecken sie, wie man mir versicherte, gegen Ende ihres Aufenthaltes wieder ihr wahres Ich und kehren als neue Menschen zu ihrer Arbeit zurück.