Frankreich gilt mit Recht als ein reiches,“ von Gott gesegnetes Land. Der Weizen und der Wein sind die Symbole seines fruchtbaren Bodens, seines günstigen Klimas. Die Entwicklung der Industrie, zwar durch Mangel an Arbeitskräften, Kohle und Rohstoffen gehemmt, wurde doch durch ererbten Reichtum, Intelligenz der Bevölkerung, Anwachsen des Kapitals und den technischen Fortschritt gefördert. Trotz dieser günstigen Voraussetzungen reihen sich die Finanz- und Währungskrisen scheinbar endlos aneinander. Die entscheidende Ursache dieser sich wiederholenden Krisen ist in der amtlichen Angst vor einem währungspolitischen Eingriff zu suchen. Mit Rücksicht auf den Sparer hat man es nicht gewagt, das Problem des Kaufkraftüberhanges anzupacken.

Trotz seines Reichtums hatte’Frankreich bei Aus-, brach des letzten Krieges noch nicht einmal die Währungsprobleme gelöst, die der erste Weltkrieg hinterlassen hatte. Die Poincaré-Stabilisierung der Jahre 1926/28 war nur eine Scheinlösung. Da sie den Geldüberhang nicht beseitigt hatte, blieb der Ausgleich zwischen Geld und Ware aus, war die Wirtschaft also einem stark inflatorischen Druck ausgesetzt, zeitweilig durch die vom Weltmarkt ausgehenden deflatorischen Tendenzen gemildert. Durch das Blum-Experiment von 1936 wurden die inflatorischen Momente verstärkt. Die Großhandelspreise stiegen von ihrem Tiefstand bei 334 im August 1935 auf 537 zur Zeit des Rücktritts Blums und blieben auch weiterhin aufwärts gerichtet., Man versuchte, bei Abgleiten des Franc ein neues Gleichgewicht zwischen Waren- und Geldseite herbeizuführen. Diese Bemühungen scheiterten aber, weil die radikale Geld- und Finanzreform nicht gewagt wurde.

Krieg und Besetzung verstärkten Inflation und Kaufkraftüberhang, Als Frankreichs Souveränität vor drei Jahren wiederhergestellt wurde, wäre politisch und psychologisch der geeignete Moment gewesen, um durch eine einmalige Operation einen Schlußstrich zu ziehen. Aber wieder fehlte der Mut; ’statt dessen wurde der inflatorische Auftrieb durch eine 40prozentige Lohnerhöhung noch mehr verstärkt. Der Notenumtausch vom 2. Juli 1945 erfolgte im Verhältnis 1:1, wobei nur kleine, verlorengegangene oder im deutschen Besitz befindliche Beträge eingespart wurden. Belgien dagegen hatte schon im Oktober 1944 durch eine 60prozentige Blockierung aller Geldbeträge eine neue Grundlage im Verhältnis zwischen Ware und Geld geschaffen. So konnte der Banknotenumlauf in Frankreich von 109,1 Mrd. Ende 1938 auf 625,8 Mrd. Ende 1946 und auf jetzt mehr als 800 Mrd. Franc steigen.

Diesem aufgeblähten Umlauf steht nur eine langsam ansteigende Produktion gegenüber, die noch nicht einmal den Vorkriegsstand erreicht hat. Die Preise müssen somit anziehen. Die Großhandelspreise sind auf fast das Zehnfache der Vorkriegszeit gestiegen. Die Regierungen versuchten zunächst, durch Lohn- und Preiskontrolle die offene Inflation zu bannen, aber erfolglos. Der um die Erträge seiner Arbeit besorgte Franzose flüchtete in Sachwerte, vor allem in Gold. Die Menge, des gehorteten Goldes wird auf 3,4 Mrd. Dollar geschätzt. Demgegenüber beträgt der Goldbestand der Bank von Frankreich nur noch 659 Mill. Dollar, von denen Ende Juni 250 Mill. in den Währungsfonds flossen. Diese Hortung von Gold und von Devisen sterilisiert zwar einen Teil des Kaufkraftüberhanges. Doch dadurch bleibt ein erheblicher Teil der französischen Er; sparnisse ungenützt. Wieviel günstiger wäre Frankreichs Wirtschaftslage, wenn diese 3,4 Mrd. Dollar zur Bezahlung notwendiger Einfuhren eingesetzt werden könnten! Auch der Anfang dieses Jahres von der Regierung – Blum unternommene Versuch, durch Preisabbau eine neue Gleichgewichtslage zu schaffen, mußte daran, scheitern. Die Inflation ließ sich weder bannen noch stauen, sondern führte zu weiteren Preiserhöhungen und Lohnforderungen, Die Regierung Ramadier mußte in den letzten Wochen neue. Lohnerhöhungen in Form von Produktionsprämien bewilligen, ist aber nun gewillt, neue Wege zu beschreiten. Die Federführung in der Wirtschaftspolitik ist an den zur Katholischen Volkspartei gehörenden Finanzminister Schuman übergegangene Er will durch Drosselung der Ausgaben und Erhöhung der Steuern den von den Staatsfinanzen ausgehenden inflatorischen Kräften entgegenwirken und einen Teil des Kaufkraftüberhanges beseitigen. Dies könnte nach den letzten Lohnerhöhungen neu-, tralisierend wirken. Doch die Finanzlage ist. zu trostlos. Das vergangene Jahr schloß mit einem Defizit von 417 Mrd. Franc ab. In diesem Jahr wurde zwar ein nahezu ausgeglichener Haushalt vorgelegt mit Einnahmen von 590 und Ausgaben von 612 Mrd. Franc. Diese Angaben sind aber überholt. Neue Steuermaßnahmen und Einsparungen, im Ausmaße von 135 Mrd. wurden vom Finanzminister vorgeschlagen und von der Nationalversammlung genehmigt. Es bleibt noch der außerordentliche Haushalt in Höhe von 355 Mrd., der nur durch Vorschüsse der Notenbank, von 200 Mrd. und andere Kreditformen gedeckt, werden kann. Eine besondere Last sind die kurzfristigen Schulden von 826 Mrd., von denen monatlich 30–50 Mrd. Franc fällig werden. Die Verlängerung dieser Schatzscheine gleicht jedesmal einer Volksabstimmutig, die in den letzten Wochen eindeutig gegen die Regierung ausfiel.

Bei der unzulänglichen eigenen Produktion führt der Kaufkraftüberhang zu einem starken Importbedarf und hemmt den Export. Der Franzose möchte für seine ersparten Franc etwas kaufen und drängt auf den Weltmarkt. Der Einfuhrüberschuß ist erheblich. 1946 belief er sich auf 1,7 Mrd. Dollar, für dieses Jahr wird er auf 1,5 Mrd. Dollar geschätzt. Das Defizit der Zahlungsbilanz wird für 1946 mit 2,2 und für 1947 mit 1,9 Mrd. Dollar angegeben. Gedeckt werden kann dieses Defizit fast nur mit Auslandsanleihen, da sich Frankreich mit Rücksicht auf den Sparer, der für alle Parteien als Wähler gleichviel besagt, in der Beschlagnahme von Gold und Auslandsguthaben zurückhält. Frankreich verbrauchte im vorigen Jahr gut Mrd. Dollar an Auslandsanleihen, in diesem Jahre bereits knapp 1 Mrd. und benötigt nach Meinung des Finanzministers noch weitere 400 Mill. Dollar, all dies für laufenden Konsum, nicht für den Wiederaufbau, dem sie eigentlich dienen sollen.

Wohl in keinem Siegerlande treten diese inflatorischen Tendenzen so stark in Erscheinung wie in Frankreich. Lohn- und Preiserhöhungen bedingen sich gegenseitig. Die Löhne hinken hinterher, die Reallöhne sinken. Der Kaufkraftüberhang aber ist so erheblich, daß er nur durch umfassende Maßnahmen gegen die Quellen der Inflation beseitigt werden könnte. Die radikalste Maßnahme wäre die Blockierung eines Teiles des Noten- und Buchgeldes. Doch mit Rücksicht auf die Mentalität des, Sparers wird sich eine französische Regierung hierzu wohl nie entschließen können. W. G.