Von Karl N. Nicolaus

Der große französische Romancier Gustave Flaubert sagt in seinem Jugendroman „November“ – einem Werk, das erst nach seinem Tode veröffentlicht worden ist – über das Vorherrschen des erotischen Gedankens bei einem Jugendlichen einer Zeit: „Das Weib, das ich damals schon zu enträtseln suchte – und es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht daran denkt: als Kinder belasten wir mit, naiver Sinnlichkeit den Busen der grobschlächtigen Dienstmädchen, die uns liebkosen, wenn sie uns auf dem Arm halten; mit zehn Jahren träumt man von der Liebe; mit fünfzehn erlebt man sie; mit sechzig sucht man sie zu halten; und wenn es sein sollte, daß die Totenim Grab in irgend etwas denken, so ist es dies; wie sie unter der Erde das benachbarte Grab erreichen könnten, um das Leichentuch der Abgeschiedenen zu heben und sich zu ihrem Schlummer hinzutun. Das Weib also war für mich ein verführerisches Mysterium, das mein armes Kinderhirn verwirrte ...“ So bedrängte die Erotik noch den jungen Flaubert: als ein drohendes Mysterium, das Tod und Leben umschloß.

Es besteht kein Zweifel, daß seine Beobachtungen gültig waren und nicht nur einen Einzelfall, etwa die Hirngespinste eines hypersensiblen Kindes vor ungefähr hundert Jahren darstellen. Aber es besteht auch weiterhin kein Zweifel, daßes heute keinejugendliche Seele gibt, die dergleichen zu empfinden vermöchte, auch würde kein junger Dichter unserer Tage dergleichen verzeichnen, denn 56 ist seit Flaubert alles ganz anders geworden, ganz anders. Gott Eros, der einst im Garten der Gefühle lustwandelte, ist verschollen. Der Garten ist zerstört, und „lustwandeln“ gibt es überhaupt nicht mehr. Vor das Wissen ist heute kaum noch ein hemmendes Schauern gesetzt. Es kreuzt auf wie eine Szene im Film. Wie haben einst die Dichter die ersten Küsse besungen! Und heute? Ist es nicht oft weiter nichts als eine Großaufnahme – im Film, die das sich küssende Paar nachahmt?

Ich habe kürzlich in einer großen, deutschen Zeitung unserer Tage ein kleines, exquisites Zeitdokument entdeckt; Der Schreiber, ein Meister seines Faches, besucht ein Kino, in dem ein amerikanischer Film gegeben wird. Er berichtet: „Die meisten Besucher waren Kinder; sie saßen, knieten oder hockten auf den Sitzen. Einige lasen gewichtig die neuesten-Zeitungen andere spielten zwischen den Sitzreihen Einkriegezeck.“ Weiter heißt es: – „Dann tönte der Hauptfilm auf. Es kam von Liebe darin vor. Die Kinder lasen laut die Spruchbänder mit. Einige hatten den Film schon einmal gesehen; sie wußten immer genau, wann wieder geküßt werden mußte. Darauf machten sie sich vorher laut aufmerksam.“ Es ist ein weiter Weg von der Ergriffenheit des Knaben bei Flaubert bis zu diesen Kindern, von denen man nicht einmal säuert kann, daß sie altklug sind. Abgebrüht? Das sind sie auch nicht. Aber die Situation hat sich vollkommen verändert. Früher kam der Mensch vom Erlebnis zur Betrachtung, heute kommt er von der Betrachtung zum – Erlebnis. Für die Erotik – sofern man sie überhaupt wichtig zu nehmen beliebt und ihr eine wesentliche, geistige Funktion zugestehen mag – ist die heutige Einstellung recht erschütternd. Das Erlebnis sinkt mit ihr nämlich, auf die Linie des Klischees herab. Und die Spannung des wirklichen, ersten Erlebnisses bleibt womöglich hinter den vorher betrachteten Liebesszenen in Großaufnahme zurück – dies-sogar mit größter Wahrscheinlichkeit. Der Mensch wird dergestalt also nicht mehr. getrieben von gefühlsmäßigen Regungen, die in ihm sind, sondern von den Bildern, die ihm zuvor begegneten. Er irrt zwischen fremden Masken hin und her, die mit sex appeal bekleistert sind.

Man wird einwenden, es gäbe polizeiliche Vorschriften, die es jugendlichen .verbieten, Liebesfilme zu sehen.’ Gewiß gibt es sie, aber die Bestimmungen stehen auf dem Papier, und es gibt ja auch sonst genug Möglichkeiten, dergleichen zu sehen. Die Erotik hat damit die Bezirke des Mysteriums verlassen. Es wäre übertrieben, zu sagen, daß sie eine Aft öffentlichen Schauspiels geworden sei. Und. dennoch: der Eintritt des Einzelnen in die Erotik stellt sich ihm dar als ein Besuch, den er, eben noch Betrachter, auf der Bühne macht: wo er sich als agierende Person auftreten sieht. – Die Liebe ist ein Operationsgebiet für talentierte Kopisten geworden (ich erinnere mich einer jungen Dame, die ihre Stimme abwärts preßte, um Zarah Leander, zu gleichen). Die Leute sagen, für die Liebe bleibe ihnen keine Zeit. Das Problem liegt viel tiefer. Es fehlt an Stimmung? Auch das trifft es nicht. Das Mysterium der Erotik scheint profanisiert. Die. Dichter werden darüber weinen. Der Chronist aber muß vermerken, daß dafür eine kameradschaftliche Abstimmung zueinander aufgegangen, ist, – über dem Horizont der Gefühle. Und es könnte sein, daß sich daraus etwas völlig Neues entwickelt, vorausgesetzt, daß das geistige Fundament vorhanden ist.

Als ich ein Kind war, kam die Lehre Sigmund Freuds und seiner Schüler auf Man fischte nach den erotischen Bildern in derSeele des Kindes. Ist vielleicht die Zeit gekommen, da das Kind diese Bilder gar nicht mehr hervorbringt, sondern übernimmt wie eine Schablone aus dem Warenhaus, weil diese Schablone ihm so früh geliefert wird, daß es sich selbst nicht mehr zu bemühen braucht? Ein beliebtes poetisches Gleichnis, später zur Schablone geworden war einst, in den sanften Hügeln im Lande den Busen geliebter Mädchen zu sehen. Wie aber, wenn es nun umgekehrt ist, wenn wir in dem Busen das Ebenbild geliebter Hügel im Land zu erkennen meinen?

Irgendwo auf einer Lichtung im Wald steht Gott Eros und weint – weint vor sich hin. Weil er entthront ist? Er ist es nicht. Er geriet nur in die Mühle des Warenhaus-Prinzips. Mit den verschiedensten Etikettierungen! Die Menschen bauen Motoren am laufenden Band. Der Atomkraft-Motor naht! Haben sie törichterweise den inneren Motor bereits beiseite geworfen, den die Erotik darstellte? Die Welt wäre ärmer geworden.

Gött Eros auf jener einsamen Lichtung wartet; er wartet auf seine Zeit.