Die Erneuerung des deutschen Schulwesens ist in letzter Zeit eingehend und oft mit Leidenschaft erörtert worden. Forderungen und Vorschläge liegen von allen Seiten vor. Dabei handelt es sich nicht allein um die Ausmerzung nationalsozialistischer Erziehungsmethoden, sondern um Änderungen im gesamten Aufbau unserer Schulen. Wir hören von der Einheitsschule, von der Hervorhebung sozialwissenschaftlicher Fächer, von der stärkeren Wertung praktischer Betätigung, von Begriffen und Wünschen also, die im Laufe eines Jahrhunderts formuliert wurden, in den letzten Jahrzehnten aber immer mehr zur Verwirklichung drängten.

Als Mutter blickt man bisweilen besorgt auf die geplanten Reformen, muß man sich doch fragen, ob das kostbarste Gut, das wir nach diesem furchtbaren Krieg wirklich noch unser eigen nennen können. Versuchen ausgesetzt werden soll, deren Ausgang noch fraglich erscheint. Wäre es da nicht besser, an Bewährtem festzuhalten, bis die Nebel, die unseren Horizont verhüllen, sich etwas geachtet haben? Solches Fragen zieht notwendig einen Schwarm von weiteren Überlegungen nach sich. Die Probleme unserer Zeit umringen uns plötzlich und starren uns bedrohend an. Wer vermöchte sie zu lösen? Das Poblem der Technik etwa, und, von ihm nicht zu trennen, das der sozialen Frage! Immer schon waren die Stimmen selten, die-unpolemisch und unter. Verzicht auf Demagogie und Tageserfolg zu diesen Problemen Stellung nahmen. Und doch ist Menschlichkeit die dringendste Forderung unserer Zeit. Nichts wäre notwendiger, als den Menschen, vor allem aber, die Jugend, aus der heillosen Verflechtung der soziologischen Probleme herauszulösen, zu sich selbst, zurückzuführen, daß sie wieder Mensch werde, ein Eigenwesen also, ausgestattet mit der Freiheit, zwischen Gut und Böse zu entscheiden und durch das Gebot der Liebe mit anderen Menschen verbunden.

Wenn unser deutsches. Schulwesen als reformbedürftig bezeichnet wird, so folgt diese Erkenntnis gewiß dem Gedanken, daß die gesamte Menschheit unserer zerrütteten Welt heute reformbedürftig erscheint. Mit denen anderer europäischer Länder verglichen, war die deutsche Schule gewiß nicht im Rückstand, zumindest nicht, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt ihrer Zugänglichkeit für die breiten und minderbemittelten Massen, also unter dem sozialen Gesichtspunkt betrachtet.

So stehen wir im Kernpunkt der auch von ausländischer Seite erhobenen Forderung, daß dem ärmsten Kind die gleiche Chance, gegeben werde wie dem reichsten. Diese Forderung ist in dem Augenblick erfüllt, in dem jede. Bildung, auch die durch die Hochschule vermittelte, vollkommen kostenlos ist. In der Bemühung um dieses Ziel – des einzig wirklich unanfechtbaren im Bereich der Schulreformen– dürfte Deutschland nicht an letzter Stelle-stehen. Selbst in unserem heute verarmten Staat kann, das unbemittelte Kind Oberschule oder Gymnasium kostenlos besuchen.

Das Festhalten an den überlieferten Schulformen unter Betonung der humanistischen Bildung wurde unlängst von ausländischer Seite als Schwärmerei für, Reminiszenzen bezeichnet. Solche Worte stimmen nachdenklich und werden zum Anlaß, wieder einmal den Grund menschlicher Bildungsbestre bung aufzudecken, sowie auch die Pfeiler sichtbar zu machen, die solches Bemühen bisher stützten. im Griechenland der Antike galt Bildung eindeutig als Formung der Geistes- und Seelenkräfte ohne besonderen Hinblick auf praktischen Nutzen. Die Frage, die angesichts humanistischer Fächer in der modernen Zeit oftmals von Eltern undSchülern erhoben wurde, die Frage: „Was nützt das im Leben?“ Wäre zur Blütezeit der Antike nicht gut vorstellbar gewesen. Das Ziel Jeder wahrhaften Bildung ist der vollkommene Mensch. In der Bemühung, dieses Ideal zu erreichen, beweisen wir, Mensch zu sein, nicht Tier noch Maschine. Die alten Griechen hatten für den vollkommenen Menschen den Begriffdes Kallokagathos (des. Schönen und Guten) geprägt. Dem entspricht der Gentleman des Engländers und der Honnête Homme der Franzosen des 17. Jahrhunderts. Tugend, Weisheit und Harmonie, das sind wohl die Grundelemente des Kallokagathos, zu denen sich für den Gentleman und den Honriête Homme noch Güte und Liebe in christlichem Sinne hinzufügen. Somit zeigen sich auch als Grundpfeiler unserer abendländischen Bildung: Humanismus der Antike und die Lehre Christi. Es ist nicht an uns, zu fragen, ob diese Säulen abendländischer Kultur in der wankenden Welt unserer Zeit noch tragfähig sind, solange wir nichts an ihre Stelle zu setzen haben. Sollte nun die Heranbildung des Menschen im humanistisch-christlichen Sinne heute etwa, ein Luxus geworden sein? Fast scheint es so in der Gegenwart, die offensichtlich seit der Entwicklung der Technik der Heranbildung des Erlesenen nivellierende Kräfte entgegensetzt. Dies zeigte sich besonders klar zur Zeit des braunen Regimes, wo die Bildung entweder bekämpft oder nur wegen ihres Nutzens für Staat und Weltanschauung anerkannt und gefördert wurde. In jenen Jahren geschah es, daß die Zahl der humanistischen Gymnasien auf ein Mindestmaß herabgesetzt wurde. Wie gut entsinnen wir uns noch der Tendenz und der zahllosen Äußerungen, diesich damals gegen den sogenannten reaktionären Bildungshpchmut wendeten, womit nichts anderes als das freie und überlegene Denken gemeint war.

Die Geschichte der Menschheit lehrt, daß es immer nur wenige gewesen sind, nach denen die Gesamtheit der Menschen sich richtete. Wenige nur formten die äußere Welt, wenige das, was wir Kultur nennen. Je vollkommener diese Bildner der äußeren und inneren Welt sind, desto vollkommener wird auch die übrige Menschheit sein, die ihnen nachstrebt. Sollten aber die wenigen Vollkommenen einmal ganz ausbleiben, so müßte die Menschheit zu dem vielleicht geordneten, aber doch nur rein materiell bestimmten Staat der Insekten herabsinken. „Das Volk, das die Fähigkeit vertoren hat, eine Elite heranzubilden, ist zum Tode verurteilt“, lautet die Diagnose eines modernen Denkers. Wohin also gerät die Welt, die ihre Bildung mehr und mehr der Nutzanwendung unterstellt? Wohin gerät der Mensch, der bis zur äußersten Perfektion immer praktischer wird? Er sinkt zur Ameise herab in einem rastlos betriebsamen Staatswesen, oder er wird zum erschlafften Phäaken in einem Leben höchsten Wohlstandes. Man denke, an die warnenden Zukunftsromane, die nicht nur Belustigung geschriebenen wie „Welt wohin?“ von A. Huxiey oder den neuen Zukunftsroman Franz Werfels. Und die führenden Geister der Wissenschaft weisen auf die Grenze unseres Erkenntnisvermögens hin, weil heute in der Wissenschaft „das reine Denken verborgenen Harmonien in der Welt, nachspürt“ (Werner. Heisenberg).Der wissenschaftlich-technische Fortschrittsglaube unserer Väter und Vorväter ist durch, die erlittenen Einbußen erschüttert worden. Eine Intelligenz, die auf die Stimme des Gewissens, die Forderungen der Ethik versichtcn zu konnen glaubt, muß notwendig dem Zugriff des Bösen erliegen. Die Welt beginnt zu ahnen, daß es nur einen wirklichen Fortschritt – gibt, den nämlich, der den Geist und das Herz des Menschen erfaßt. Geben wir also unseren Kindern jene unersetzbaren Güter, die ihren Geist wahrhaft bilden und ihre Seelen. erheben. G. P.