Der anglofranzösische Plan, der als Grundlage dienen soll für die Zusammenarbeit aller europäischen Staaten an einem gemeinsamen Wiederaufbau, wurde von Molotow auf der ersten Pariser Konferenz abgelehnt, weil er einen Eingriff in die Souveränität der beteiligten Nationen bedeute und daher undemokratisch sei. Einige Osteuropäsche Staaten waren offenbar nicht dieser Ansicht. Polen hat noch acht Tage vor Beginn der zweiten Konferenz deutlich zu erkennen gegeben, daß es sehr bereit sei, an den Besprechungen teilzunehmen. Die Tschechoslowakei hatte sogar schon zugesagt, mußte aber auf Befehl Moskaus – das geht aus der tschechischen Note hervor – diesen eigenmächtigen Schritt zurücknehmen. Das war für „viele, die gehofft hatten, dieser Staat könne wie kein anderer zu einer Brücke zwischen Ost und West werden, eine schmerzliche Enttäuschung. Ungarn und Finnland haben ihre Absage in letzter Minute unmißverständlich mit ihrer Unfreiheit motiviert. Nach diesen Kundgebungen fällt es schwer, bei dem Vorgehen Rußlands nicht von einem Eingriff in die Souveränität selbständiger Staaten zu sprechen.

Im vollen Gegensatz zu solchen politischen Methoden haben England und Frankreich schon auf den Anfangssitzungen in Paris alle Abänderungswünsche der anderen beteiligten Staaten, die darauf abzielten, das Verfahren demokratischer zu gestalten, sofort angenommen. Es gibt manche in der Welt, die der Meinung sind, internationale Verhandlungen könnten schneller von totalitären Diktaturen als von Demokratien geführt werden. Paris hat gezeigt, daß dies nicht der Fall ist. Alle Beschlüsse wurden von den 16 beteiligten Ländern einstimmig und in erstaunlich kurzer Zeit gefaßt, man könnte sagen: geradezu mit einem Enthusiasmus freiwilliger Zusammenarbeit. Dies ist nicht etwa darauf zurückzuführen, wie es bei den Kommunisten heißt, daß die Absicht, einen Abwehrblock gegen die Sowjetunion zu schaffen, beflügelnd auf die Verhandlungen gewirkt hätte. Schweden ist durch Handelskredite wirtschaftlich eng mit Rußland verbunden, und die Schweiz hat auf Grund ihrer Neutralitätspolitik bereits in ihrer Antwort auf die Einladung jede politische Bindung durch kommende Pariser Beschlüsse von vornherein abgelehnt. Auch ist in den ersten Tagen der neuen Besprechungen einstimmig festgelegt worden, daß alle europäischen Staaten, auch wenn sie nicht auf der Konferenz vertreten seien, an den Arbeitsausschüssen teilnehmen können. Die Tür für die Sowjetunion ist also weit offengehalten. In bestehende Handelsverträge, so lautet ein anderer Beschluß, darf nicht eingegriffen werden. Dies ist deutlich zu dem Zweck vereinbart, die vorhandenen Bindungen an Rußland nicht zu verletzen. Woher also dieser Enthusiasmus? Nur wegen eines Dollargeschenks, das aus Amerika winkt?

Es wäre sehr töricht, wenn man das abnehmen wollte. Die Einmütigkeit in Paris ist durch den gemeinsamen Willen entstanden, der Unruhe Herr zu werden, die von Europa aus die Welt bedroht. Wenn auch die Konferenz in erster Linie dazu einberufen worden ist, den Kampf gegen Hunger und Not vorzubereiten und die zerstörte Wirtschaft Europas wieder in Gang zu bringen, so hat sich doch sehr schnell gezeigt, daß das Gefühl, die europäische Gemeinschaft neu zu begründen, die geistige Voraussetzung für die schnelle und glückliche Erledigung aller Fragen bildet. Aus diesem Grunde kann man es wagen, Paris als einen Wendepunkt zu bezeichnen. Und wir wollen nicht überhören, daß keiner unserer Gegner dort Äußerungen getan hat, die darauf schließen ließen, daß Deutschland auf die Dauer aus dieser geistigen Gemeinschaft ausgeschlossen werden solle.

In Amerika hat man diese Kundgebung eines neuen Gemeinschaftsgefühls in den europäischen Ländern mit Befriedigung und Sympathie aufgenommen. Außenminister Marshall hat in einer Rede auf der Konferenz der amerikanischen Gouverneure in Salt Lake City zum Ausdruck gebracht, daß die in Paris bekundete Einigkeit auch starken Einfluß auf das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Europa haben werde. Es ist, als ob der Enthusiasmus des guten Willens über den Ozean hinüber wirke. Die Freiwilligkeit der Entschlüsse wird als ein Zeichen angesehen, wie lebendig der demokratische Gedanke in der Welt trotz aller wirtschaftlichen Nöte und aller politischen Bedrängnisse der Nachkriegszeit immer noch ist. In diesem Sinne sprach auch Außenminister Marshall von einem Wendepunkt in den Beziehungen zu den traditionellen Freunden Amerikas und den Nationen der Alten Welt. In den letzten Jahren haben die Vereinigten Staaten große Mittel aufgewandt und viel guten Willen gezeigt, um Not und Hunger in der Welt zu beseitigen. Aber, so sagte Marshall, dies alles war geschehen, um einzelne Krisen zu bekämpfen. Es war nötig, daß endlich die vom Krieg zerstörten und unter seinen Folgen leidenden Länder selber Anstrengungen machten, um sich über einen gemeinsamen Plan für den Wiederaufbau freiwillig zu einigen. Alte Streitigkeiten, Neid und Furcht vor wirtschaftlicher Konkurrenz mußten begraben, nationale Vorurteile, die tief eingefressen sind, aufgegeben werden, damit endlich wieder ein Europa entsteht, das den Geist der friedlichen Einheit über die Zwietracht stellt. Dies ist in Paris geschehen, und so kann diese Konferenz zu den glücklichsten zählen, die die Geschichte kennt. Daß wir an ihr nicht teilnehmen durften, zeigt uns aufs neue, wie schmerzlich es ist, so sichtbar außerhalb der Gemeinschaft der Nationen zu stehen.

Rußland ist über die Entwicklung der Pariser Verhandlungen nicht erfreut. Es hat auch nichts unterlassen, was dazu hätte dienen können, sie zu stören. Die kommunistischen Parteien in den beteiligten Ländern kommen dadurch in eine schwierige Lage. Wenn sie den Befehlen des Kremls weiter gehorchen, können sie sich leicht in Widerspruch setzen zu der überwältigenden Mehrheit ihrer eigenen Völker und dadurch an Macht verlieren. Daß Rußland seine Politik deshalb ändern wird, ist nicht zu erwarten, ebensowenig dürfte es auf den latenten Widerstand bei den Staaten seiner Einflußsphäre Rücksicht nehmen. Es hat sich für die Politik der starken Faust und der Unterdrückung entschieden und wird sich von ihr durch die Niederlage in Europa kaum abbringen lassen. Für Moskau bedeutet Paris noch nicht einen Wendepunkt. Tgl.