Unzählige haben Schwerstes erfahren. Es kann nicht oft genug gesagt werden, daß Deutsche die ersten Gefangenen des Terrors waren und daß Deutsche immer weiter bis zum bitteren Ende Opfer der Gewalt geworden sind. Das soll niemand vergessen, der sich versucht sieht, dem Namen Deutschlands nur verübtes, aber nicht gelittenes Unrecht zu verbinden. Dennoch darf nicht unausgesprochen bleiben, daß dem Leiden, dem Nichts-als-Leiden Mitleid gebührt, aber keine Wertung. Anteil an einem Werte hat nur, wer aus eigenstem etwas beisteuert, ein bestimmtes Tun oder eine bestimmte Haltung. Aus dem Menschen heraus muß etwas geschehen, nicht nur mit ihm, sonst ist nichts da, wozu wir, ihn wertend, ein Ja oder ein Nein sagen könnten. In wie tiefe Bezirke unser Mitleid reichen mag, wir richten Verwirrung an, wenn wir Verdienst erspähen wollen, wo nichts als Leiden zu finden ist.

Viele sind zu Duldern geworden in Deutschland. Der Dulder bleibt geistige Person auch im Leiden, auch unter der Marter. Er ist mehr und anderes als nur gequältes Fleisch. Auf eine besondere und wahrhaft menschenwürdige Weise steht er über dem, was ihm geschieht. Er meistert noch den Tod, indem er von innen her mit dem Leben abschließt, bevor von außen ein Henker es enden kann. Dies Hinauswachsen über Menschenfurcht und Todesangst, dieses Jenseitigwerden im Diesseits muß immer wieder, wo wir ihm begegnen, unsere Ehrfurcht und Liebe wachrufen. Dennoch ist der edelste Dulder noch kein Held. Dennoch wäre es traurig, um Deutschland bestellt, hätte es nur Dulder und keine Helden gegeben. Denn selbst das erlesenste Dulden ist nicht mehr als ein Fertigwerden mit dem Ertragenen, ein Sieg über das Leiden, aber kein Kampf wider das Böse. Wohl mag uns trösten, daß es Deutsche gab, die in hoher Würde zu leiden und sterben wußten. Wir beugen uns vor denen, die aus der Qual ins Dulden emporwuchsen. Aber der echteste Trost kann uns nur aus dem Wissen kommen, daß es Menschen gegeben hat im nationalsozialistischen Deutschland, die bereit waren, alles zu opfern, um die deutsche Schande aus der Welt zu schaffen. Um wie vieles ärmer wären wir ohne den 20. Juli 1944. Wieviel geringer wäre die Geschichte der deutschen Jugend ohne die Geschwister Scholl und ihr Bekenntnis.

Noch nie hat es ein Volk von Helden gegeben und noch nie ein Volk von Verbrechern. Auch wir sind weder das eine noch das andere gewesen in den dunkelsten zwölf Jahren unserer Geschichte. Aber man könnte verzagen an Deutschland, wenn diese Zeit uns als ein Volk ohne Helden gefunden hätte. Dann nämlich wäre ein menschlich armes Mittelmaß der sich Fügenden, der innerlich oder äußerlich Kompromißbereiten unser Bestes gewesen. Dann wären wir, die wir niemals ein Herrenvolk waren, in der Tat ein Sklavenvolk. Von den Besten geht aus, was als Hoffnung in die Zukunft weist. In den Helden liegt die Ehre eines Volkes, und in unserem Falle wenigstens eine Ehrenrettung. Das ist nicht so zu verstehen, als ob wir erst nachweisen müßten, daß nicht das ganze deutsche Volk schuldig geworden ist. Es gibt sowenig. eine Schuld und Schlechtigkeit aller Deut- Deutschen wie aller Juden, und ein Antigermanismus allgemeinster Fassung wäre um nichts weiser und menschlicher als der Antisemitismus. Nicht so sehr vor anderen als vielmehr vor uns selbst bedürfen wir unserer Helden. Ohne sie könnte es geschehen, daß wir jenem geistigen Flagellantentum erliegen, das selbstzerstörend, aber nicht selbstreinigend wirkt. Gewiß ist unsagbar vieles geschehen, dessen Deutschland sich zutiefst zu schämen hat. Und ebenso gewiß kommen wir nicht hillig über diese Scham hinweg mit einem Stolz auf unsere Besten. Keinesfalls darf es Leichtgetröstete unter was geben. Aber das wenige an Trost, das erforderlich ist, um überhaupt weiter leben und achten zu können, das soll uns niemand mißgönnen.Das Wissen um menschliche Lichtpunkte ist uns keine Eitelkeit. Es schenkt uns das das einsnotwendige Mindestmaß an Zuversicht und Vertrauen.

Freilichdie Helden der letzten Jahre passen nicht in unsere bisherigen Lesebücher. Statt den Drachen zu erschlagen, wurden sie von ihm verschlungen. Wer durch Erfolgsmoral betört ist, wer Ehre und Unehre immer noch daran mißt, was einem Menschen zugefügt wurde, und nicht daran, was er tat, dem mag es schwerfallen, sich an das Bild des Helden am Galgen oder unter dem Henkerbeil zu gewöhnen. Aber in einer Zeit, in der a1les verzerrt und gefälscht war, scheute man nicht davor zurück, die Mörder als Richter verkleiden und die ermordeten Besten als Verbrecher. So erhielt der echteste Heldentod die Maske des Schandentodes. Es steht schlimm um alle, die noch nicht reif dafür geworden sind, die Vergangenheit zu demaskieren. Und es war gewiß bei diesem Ansturm Vereinzelter gegen totale Macht nicht ihre Schuld, daß sie untergingen statt zu siegen.

Von denen, die am meisten wagten, sind nur die wenigsten entkommen. Wir werden nach ihnen zu suchen haben, denn die Heldenhaftesten sind meist auch die Stillsten. Ihnen fehlt die Neigung, sich anzupreisen oder einen Lohn einzufordern. Aber es ist zu hoffen, daß jeder dieser besten Überlebenden gefunden werden wird. Wir haben ihnen nicht allein zu danken, wir brauchen sie als die Bewährtesten. Ihr Anrecht, das sie am wenigsten geltend machen, werden sie bei neuem Dienst an Deutschland sicherlich nicht als Vorrecht, sondern als Vorpflicht begreifen.

Aber auch die Geschichte der Untergegangenen, die Geschichte der wahren Heldentode muß geschrieben werden. Das ist nicht allein eine Dankesschuld gegen die Toten, eine Tröstungsschuld gegen ihre Nächsten, die zurückblieben. Denkmäler, geschriebene und gemeißelte, wirkliche Heldendenkmäler sind unentbehrlich für die deutsche Zukunft. In ihnen liegt für alle Deutschen Trost und Hoffnung. Und mehr als das: hier ist Vorbild höchsten Ranges. Wenn es etwas gibt, das dazu beitragen kann, Menschen zu erziehen, so sind es gerade solche. Vorbilder und Beispiele. An ihnen ist zu lernen, daß das Wertvollste aus der Tiefe des persönlichen und unbedingten Gewissens kommt, ohne Rücksicht auf die Folgen, ohne Rücksicht auf das, was ein Mächtiger fälschlich Ehre oder Schande nennt. Der einsame Mut gegen die Macht, der vereinzelte Wille gegen grausamst drohenden Terror, wieviel höher stehen sie als jede Tapferkeit im anerkannten bewaffneten Verbande.