Von Hugo Krizkovsky

Wer nicht im KZ war, pflegt Berichte über das Leben darin, über die Entsetzlichkeit von Foltern und Morden auch heute noch häufig für übertrieben zu halten. Der in „bürgerlichen“ Gewohnheiten lebenden und darin erschütternd kleingewordenen Phantasie war Und ist es nicht auch nur annähernd möglich, sich Gemeinschaftsformen vorzustellen, wie sie das Leben im Konzentrationslager schuf; Gemeinschaftsformen, in denen neben den düsteren Geboten der Lagerordnung sich, ungeschriebene Eigengesetze bildeten, grausige Eigengesetze jenseits von „Gut und Böse“ der bürgerlichen Moral, geschaffen von Menschen, die unter den entwürdigenden Lebensbedingungen des Lagers zu empfinden aufhörten wie tief sie erniedrigt worden waren. Darum: Wer die Geschichte der dreiundzwanzigjährigen Sonja P., die vier Jahre in Auschwitz verbrachte, liest, versuche sich, vorzustellen, wie er wohl in der gleichen Lage, gehandelt haben würde.

Das Fassungsvermögen menschlicher Vorstellungskraft ist begrenzt. Die Überspannung der Imagination bewirkt einen jähen Kurzschluß; die Seele verschließt sich; sie wird unempfindlich gegen alle Attacken. Wäre dem nicht so, ein Mädchen wie Sonja F. könnte gesunden Sinnes das Leben nicht mehr ertragen. Sie spricht über das, was sie gesehen und erlebt mit sachlicher Ruhe und Gelassenheit, gerate so, als spräche sie von sich selbst in der dritter Person. Sie ist ein junges Mädchen wie tausend andere. Sie kann über harmlose Scherze erröten und wegen einer Laufmasche in Verzweiflung geraten. Sie ist intelligent, wohlerzogen und am gutem Hause. Als sie die ersten Leichen sah, meinte sie den Verstand zu verlieren. Nach einigen Monaten Auschwitz sah sie sie nicht mehr. Zuletzt setzte sie sich auf die nackten Toten, die wie hingeworfenes Gerümpel auf dem Hofe lagen, um auf ihnen auszuruhen und ihr Frühstück zu verzehren.

Sie hatte die Stufenleiter durchlaufen, hatte Sdotter geschleppt, war über den Bode gespannt werden; man hatte ihr die Haare geschoren, sie in Strafkommandos gesteckt und sie monatelang im schärfsten polnischen Winter barfuß über die gefrorene Straße zur Arbeit marschieren lassen, Sie halte all das überlebt. Als sie an Typhus erkrankte, verkroch sie sich in einen entlegenen Geräteschuppen. Hier lag sie mit vierzig Grad Fieber auf dem kahlen Boden. Kameradinnen versorgten sie heimlich mit Arzneien. Sie hatte eine kleine Chance, am Leben zu bleiben. Wer sich krank meldete wer etwa meinte, dadurch auch zugleich der unmenschlichen Zwangsarbeit für einige Zeit enthoben zu.sein, begab sich damit jeglicher Chance. Ansteckende Kranke wurden ins Gas geschickt.

Zuletzt, als Assistentin der Zahnstation, vermochte sie sich das Leben nicht unbeträchtlich zu erleichtern. Sie hatte gelernt das Lagerleben virtuos zu beherrschen. Sie wußte genau, wer Freund und wer Feind war. Ihre’ unterirdischen Beziehunger reichten weit, und sie verstand es vorzüglich, sich dem ausgedehnten Netz, der Konspiration einzufügen. So fand sie Eingang in den Kreis jener, die man als Lager-Elite bezeichnete: Das waren, kurz gesagt, die, welche es verstanden, am Leben zu bleiben, Männer und Frauen, von der Natur mit Klugheit, Zähigkeit und Energie ausgestattet, die es zuwege brachten, sich in dem erbarmungslose Kampf um den Kopf täglich von neuem erfolgreich zu behaupten. Am Leben zu bleiben war ja nicht nur eine Frage der physischen Konstituton und des Lebenswillens, es war nicht zumeist eine Frage der Intelligenz und der ständigen, hellen Wachsamkeit.

Wer der Lager-Elite zugehörte, konnte erstaunlich viel Einfluß gewinnen, nicht allein durch die Verbindung zu Mithäftlingen an wichtigen Stellen, sondern auch durch Beeinflussung der NS.-Organe, die entweder bestochen wurden oder die man einfach für sich gewinnen konnte, wie es Sonja F. zum Beispiel mit Irma Greese gelang. Diese schöne blonde Bestie, die durch den Belsen-Prozeß bekannt geworden ist, war die vollkommene Verkörperung einer deutschen „Herrennatur“. Sie hatte einen tiefen und unüberwindlichen Abscheu gegen Menschen, die häßlich und alt waren; sie halte Kranke, Gebrechliche und Furchtsame. Wer ihr indes jung, strahlend und furchtlos, entgegentrat, fand Irma Greese nachsichtig und aufgeräumt, ein umgängliches und heiteres junges Mädchen. Sie hat für Sonja F., lediglich, weil diese ihr gefiel, Dutzende von Briefen aus dem Lager geschmuggelt und ihr wiederholt versichert: sollte sie je in Lebensgefahr: geraten, sie, die Greese, werde sich jederzeit bereitfinden, ihre Uniform ihr zu überlassen, um unangefochten aus dem Lager entkommen zu können.

In der Zahnstation befand sich auch ein junges jüdisches Mädchen namens Beate, das Handlangerdienste verrichtete. Sonja hatte sich mit diesem Mädchen angefreundet, das außergewöhnlich intelligent. war, von unbändigem Lebenswillen erfüllt und sprühend in unwiderstehlichem, sarkastischem Witz. Daneben war in der Zahnstation noch eine junge Polin beschäftigt, die Veronika hieß, eine glühende Patriotin, ein finsteres, fanatisches Geschöpf, Sie haßte die Deutschen mit der ganzen Kraft ihrer Seele, aber doch auch wieder nicht so sehr, daß sie nicht noch eine beträchtliche Fülle von Haß gegen die Juden erübrigt hätte. Ich weiß nicht, und auch Sonja F. wußte es nicht zu sagen, ob es die geistige Superiorität der kleinen Beate war, die ihr Veronikas Feindschaft zuzog, ob es überhaupt ein wohlüberlegter individueller Haß war – jedenfalls wurde Beate von Veronika mit zähem Haß unablässig verfolgt. Sie ihrerseits begegnete mit der Waffe ihres überlegenen Geistes den ständigen Feindseligkeiten, ohne ihnen im übrigen eine ernstere Bedeutung beizumessen.