Kleine Literatur-Notizen

In Frankreich mehren sich die Stimmen, die der Versöhnung gelten, wie denn überhaupt die geistig-künstlerischen Kräfte dieses Landes immer dem Gedanken der Menschlichkeit aufgeschlossen waren. Zu dieser besseren Partei gehört auch eine Frau, die heute 74 Jahre alt ist, und in Deutschland ebenso geschätzt wird wie in Frankreich, eine Frau, die zur Académie Goncourt gehört und uns französisches Wesen auf ihre zutiefst weibliche Art nahegebracht hat: Madame Colette. Wer kennt nicht „Mitsou“ und „Chérie“ und ihre graziösen und doch so hintergründigen Tiergeschichten? In ihrem neuen Büchlein „Trois ... six ... neuf ...“, das bei – geringem Umfang ein Meisterwerk ist (Verlag Correa), beschwört sie all ihre früheren Vagabundenlogis, alte Straßen und verschwiegene Gärten in jetzt verschwundenen Vierteln, ihre Begegnungen mit den Menschen jener Tage, das Leben in den großen Hotels an den Champs-Elysees und ihr Hausen in der Wohnung im Palais-Royal, in der sie jetzt lebt. Mit so viel Wahrheit erzählt sie, mit menschlicher wie dichterischer Wahrheit, mit so treffender Psychologie und so heiterer Meisterschaft, daß diese Seiten genügen würden, der Nachwelt das unvergleichliche Talent dieser Frau zu bezeugen, die nun schon fast ein halbes Jahr-hundert zum Ruhm’ der französischen Literatur beiträgt.

Eine andere Frau lebt im französischen Gedächtnis: Yvette Guilbert, diese große, echte Künstlerin, die weltberühmte „Diseuse“ mit den schwarzen. Handschuhen, in denen Toulouse-Lautrec sie gemalt hat. „Dieser Mund durfte alles sagen – und er hat alles gesagt“, schrieb Tucholsky einmal über sie. Sie starb vor drei Jahren. Zu ihren beiden; Erinnerungsbüchern, die um das Jahr 1930. im Rowohlt-Verlag auch deutsch erschienen.sind, und dem Buche „L’Art de chanter wie chanson“ gesellt sich jetzt noch ein vierter Band: „Autres temps, autres chauts“. Sie erzählt darin von den Dichtern – und Komponisten, deren Chansons sie berühmt gemacht hat, von der Geburt des „Chat noir“, von dem glücklichen. Paris jener Tage. Auch die Texte ihrer großen Erfolge sind in diesem illustrierten Band gesammelt; er wurde von Madame Dussane eingeleitet, die als bedeutende Schauspielerin, vor allem aber als Verfasserin des theatergeschichtlichen Werkes „Reines de théâtre“ in Frankreich sehr geachtet wird; – Auch in Deutschland ist Sarah Bernhardt unvergessen; ihre Enkelin Lysiane Hat einen umfangreichen Band über das bewegte Leben der großen Tragödin verfaßt („Sarah Bernhardt, im grand’mére“), den die Editions du Pavois kürzlich veröffentlichten.

Simone de Beauvoir aber ist die Vertreterin der modernen Generation Frankreichs, zu der Namen wie Claire Sainte-Soline (deutsch bei Ciaaßen und Goverts), Anne-Marie Monnet und Marie de Vivier. gehören, Germaine Beaumont, Edith Thomas, Elsa Triolet und neuerdings Suzanne Roland-Manuel. Simone de Beauvoir steht dem Existentialismus und Jean-Paul Sartre nahe; er sagt einmal über sie, ihre Technik sei – wie die mancher junger Franzosen – von dem Amerikaner Faulkner beeinflußt. Nach „Le Sang des Autres“ und „Les Bauches inutiles“ erscheint jetzt bei Gallimard „Tous les Homies sont mortels“, der Roman des Mannes Fosca, dem ein Elixier Unsterblichkeit verleiht. Ein Roman, der auf alles Poetische verzichtet, der nicht bezaubern, sondern ohne Rücksicht auf den Leser eine Idee gestalten will: Die Idee, daß der Tod es ist (und der durch ihn angestachelte Selbsterhaltungstrieb), der unserem Leben Sinn gibt und uns über uns hinausstreben läßt. Leben ohne Tod ist eine Hölle, in der alles schal und leer erschiene. Interessant ist übrigens, daß sich die Autorin damit dem Begriff Heideggers vom „Dasein für den Tod“ nähert und sich in Gegensatz stellt zu Sartre, der gerade diesen, Begriff ablehnt und dem nach „L’Etre et le Néant“ der Tod nur ein äußeres Ereignis ist, das zwar die anderen, die zurückbleiben, angehe, nicht aber uns selbst. Durch fünf Jahrhunderte hindurch läßt uns Simone de Beauvoir das Leben des Mannes Fosca, dieses großen. Ehrgeizigen, mitleben, der aus seiner Heimat Carmona eine der mächtigsten italienischen Republiken macht, Ratgeber Karls V. wird, in Amerika ein Abenteurerleben führt und 1789 an der Revolution teilnimmt, mehrfach heiratet und am Ende keinen anderen Wunsch mehr kennt als zu sterben wie alle anderen Menschen. Sinnlos ist sein Leben geworden, ein Fremder unter seinesgleichen ist er, ein Ausgestoßener, ausgeschlossen von den einfachen Freuden dieser Erde. Er hat sein Ziel nicht erreicht – trotz seines „ewigen Lebens“ nicht, das ihm zur furchtbaren Last wird: das große Ziel, alle trennenden Klüfte zwischen den Völkern, Rassen und Religionen für immer zu beseitigen, eine gerechte Ordnung zu schaffen, und allein, die Vernunft, seine Vernunft, zur Herrin über die Welt zu machen ...

Klingt uns dies nicht vertraut? Hörten und hören wir solche Töne nicht fast täglich – von rechts wie von links, aus dem Osten wie aus dem Westen? Kurt Alboldt