Von Werner Witthaus

Es ist ein lobenswertes Ereignis, daß eine Landschaft ihren Künstler ehrt zu einer Zeit, da er noch mitten im Schaffen steht. So geschah es vor wenigen Monaten zum sechzigsten Geburtstag mit-Ewald Mataré im Rheinland. Der Zustand der durch Bombardements arg betroffenen Kunstakademie Düsseldorf, an der er lehrt, bringt es mit sich, daß er draußen in Büderich mit seinen sechs Schülern arbeitet, umgeben von ländlicher Natur und bäuerlichen Menschen. Man muß die Landschaft mit ihren Geheimnissen und ihrer Weite kennen, um sie groß in der Vorstellung zu haben, welche Gott, den Strom und das Meer als Wahrhaftigkeit einschließt.

Etwa sechzig Kilometer. rheinab hat sich jenes Geschehen zugetragen, das zur Legende werden könnte, noch ehe es in die gewöhnliche Chronik einging. Allerdings hat es in den behördlichen Akten schon eine heftige Rolle gespielt. In Wittlaer bei Kaiserswerth, in der Nähe von Düsseldorf, dicht am rechten Rheinufer, steht eine kleine romanische Kirche, die ganz Gott und dem Strom zugehört. Es ist ein unübertreffliches Stück Niederrhein, mit Weiden, Wiesen, einem Bach, der hier in den Fluß mündet, mit Bauernhäusern, Schiffen und ein paar Regeln, den Himmel nicht zu vergessen. Der Kirchturm ragte über alledem, und der Blick aus der Heimlichkeit in die Weite ist mächtig und ergreifend gewesen. Zum geistlichen Verwalter dieser gnadenvollen Souveränität konnte kein Besserer berufen sein als Pfarrer Vaassen, ein in seinem Glauben kräftiger Diener Gottes.

Die Pfarrkirche Wittlaer wurde von ihm und seiner Gemeinde mit erwählten Kunstwerken unserer Zeit versehen. Die Meister stellten sich ein: Mataré, Heinrich Nauen, Heinrich Campendonk, der aus Amsterdam an die Düsseldorfer Akademie zurückkehren wird, Jan Thorn Prikker, Holländer von Geburt und Protestant. Die Dorfkirche wurde mit farbigen Fenstern, Bildwerk, Gerät und Gewandern erst recht zu einem Gehäuse von jener Innerlichkeit und Transzendenz, welche, der Blüte rheinischer Kunst, den berühmten goldenen Schreinen, den Geweben, Tafeln und Altären eigen war. Das alles sollte seine Krönung erhalten durch einen Heiligen, ein Rundmosaik von Matarés Hand. Es gibt wenige Arbeiten solcher Art. Eines ist sehr bekannt: das Mosaikbild Unserer lieben Frauen am Kapellenchor der Marienburg, nun, wie berichtet wird, durch den Krieg zerstört,

Thomas von Aquin, der in Köln gelehrt hat, dieser Heilige war ausersehen für den Turm der Kirche zu Wittlaer. Eine 2,80 Meter hohe Figur. Auf einem Betonkern saßen die Steinchen aus Glasfluß. Der Mantel tiefbraun, das Gewand darunter von der natürlichen Farbe der Schafwolle. In den Händen hielt der Heilige das Sakrament. Auf seiner Schulter ruhte eine Taube aus Marmor, Sinnbild des Geistes, die dem mit seinem ganzen Sein in der erhabenen Stille Horchenden, Vernehmenden die himmlischen Wahrheiten einflüstert: Oben in der mittleren Blendnische bekam er seinen Platz. Mit der Architektur vertrug sich das in der Formung strenge und ausgeglichene Bildwerk, mit dem Grau, der Tuffmauer vereinte sich die farbige Harmonie des Mosaiks ausgezeichnet. Die Sonnenstrahlen, die Schatten der Bäume und die Wolken brachten Bewegung, und wie das alles übereinstimmte, war auch der Beweis erbracht, daß im Ursprünglichen die Jahrhunderte, Mittelalter und Neuzeit, einander nicht auszuschließen brauchen. – Übrigens war es technisch keine Kleinigkeit, den Heiligen, auf seinen Posten zu stellen. Oh, wie schmeckte der Wein, als es gelungen!

Derweilen hatte Hitler eine andere Leiter erklommen, und während Wittlaer mit seinem Heiligen durchaus zufrieden war, formulierten die Behörden ihr Veto. Wir wollen die peinliche Komödie nicht ans Licht zerren. Der eine behauptete, daß er nicht anders handeln könne, weil eben der andere die Figur verurteile und verdamme. Jedenfalls erhielt Pfarrer Vaassen von seinen Oberen die Abweisung, unsern Thomas zu entfernen. Er wandte ein, daß es viel Geld gekostet habe, die Figur emporzuwinden. und daß die Gemeindekasse den Abstieg nicht auch noch zu bezahlen vermöchte. Das half alles nichts; der Heilige sollte verschwinden. Da schlug der Pfarrherr einen Vergleich vor: die Nische im gediegenen Turmwerk zu vertiefen, den Heiligen in den gewonnenen Raum zurückzuziehen, die Nische wieder zu verblenden, also die Figur einzumauern; so wäre denn nichts mehr von ihr zu sehen. Bischof und Denkmalpflege gingen darauf ein. Der Heilige wurde unsichtbar. Aber Pfarrer Vaassen ließ vor dessen „Antlitz ein kleines Fenster einfügen. Die Behörden erspähten das offenbar nicht. Die Bauern freilich wußten es, und es erhob ihren Heiligen noch viel höher, der da oben Wache hielt und durch das Fensterchen über Land und Strom schaute.

Wir glauben, das ist eine der heitersten und frömmsten Geschichten vom Niederrhein. Sie ist ganz dieser fließenden und beständigen Landschaft zugehörig. Nur müssen wir mit Trauer hinzufügen, daß Pfarrer Vaassen Ende des Krieges im Krankenhaus gestorben ist, nachdem die Gestapo ihn verhaftet hatte. Und der Turm mit dem Heiligen wurde durch eine Granate zertrümmert.