Wenn jemand krank ist, erhält er bessere Nahrung: das ist natürlich. Aber ist auch natürlich, was Nikolaus Bernhardt, der Vorsitzende der Bauarbeitergewerkschaft in Berlin, vorgeschlagen hat? Er will, daß die Todkranken weniger Lebensmittel erhalten. Nach seiner Meinung ist es kein gesunder Zustand, daß die Sterbenden den Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung die bessere Nahrung wegessen. Er will sie ganz einfach verhungern lassen, denn sie sterben ja sowieso. Ohne Zweifel: dieser bemerkenswerte Nikolaus, der mit seinem himmlischen Namenspatron nur den Namen, nicht die Güte gemeinsam hat, ist selber todkrank; nicht an seinem Körper, sondern an seiner Seele. Und seelisch krank müssen alle seine Freunde in der anderen Zone sein, die genug Brutalität und Frechheit hatten, sich mit diesem Vorschlag überhaupt zu beschäftigen.

Heil den Lebenden! – so ist zwölf Jahre lang bei uns geschrien worden, und es ward die Zeit des großen Sterbens. Sollte diese Erfahrung nicht auch diejenigen Leute bedenklich gestimmt haben, deren Herzen in dieser Stunde unserer aller Not schon allzu verhärtet sind, als daß sie noch das Mitleid als eine der schönsten menschlichen Tugenden anerkennen könnten? Freilich, das paßt gut zusammen: vom einstigen Feind etwa Verständnis und Hilfe verlangen und die eigenen Leute verhungern lassen, ganz einfach die Krankenkost kürzen, ganz einfach autoritär! Genau dieses Verfahren hat man zwölf Jahre lang mit dem Wort „Euthanasie“ benannt; das klang so unantastbar wissenschaftlich und war doch Mord. Heil den Lebenden! – genau unter demselben Gedanken sind die unheilbaren und für unheilbar erklärten unglücklichen Insassen der Irrenanstalten einst in Linz gesammelt und vergast worden. Und darum eben, weil er es war, der zum ersten Male und unerschrocken dagegen auftrat, ist Galen, der Bischof von Münster, das christliche Vorbild einer neuen Zeit geworden, die so lange nicht heilsam ausbrechen kann, solange Leute vom Schlage jenes unheiligen Berliner Nikolaus den Mund auftun und Vorschläge machen dürfen wie diesen, daß Todkranke hungern sollen, da sie ja sowieso ... Und dann: Wer bestimmt den Grad der „Todkrankheit“? Ärzte von jenem Schlage, die heute vor den Gerichten stehen? Ärzte wie jene Euthanasie-Anhänger, die heute Anlaß hätten, sich auf die neue Zeugenschaft eines Nikolaus Bernhardt zu berufen und auf den alten, wiederaufgefrischten Schrei: Heil den Lebenden! ...? M.